Interview

Wie kam es zum Super-Spreader-Event am Jodelmusical in Schwyz? – ein Aerosolexperte klärt auf

In den kommenden Wochen wird man auf den Musikgenuss von Chören wohl verzichten müssen.

In den kommenden Wochen wird man auf den Musikgenuss von Chören wohl verzichten müssen.

Die hohe Ansteckungsrate mit dem Coronavirus in einer Mehrzweckhalle war keine Überraschung, sagt ein Lüftungsexperte. Und schlägt Verbesserungen vor. Nicht nur die Lüftung spielt eine Rolle.

Ende September sahen in der Mehrzweckhalle in Schwyz knapp 600 Zuschauer in zwei Aufführungen ein Jodelmusical. Der fröhliche Anlass wurde zu einem Super-Spreader-Event, weil einige Sänger mit dem Coronavirus infiziert waren. Von den 391 neuen Fällen, die der Kanton darauf in einer Woche verzeichnete, werden die meisten auf diesen Ort zurückgeführt.

Sollte man nun keine Vorführungen irgendwelcher Art mehr besuchen? Diese Frage haben wir Aerosolexperte Michael Riediker gestellt, er arbeitet am Schweizerischen Zen­trum für Arbeits- und Umweltgesundheit SCOEH in Winter­thur und hat ein Modell entwickelt, um die Virenkonzentration in Innenräumen abzuschätzen. Laut Riediker geht man an vielen Events coronamässig kein grosses Risiko ein. Im Mehrzweckraum in Schwyz war die Lage aber ungünstig. Und sie wäre vorhersehbar gewesen, sagt Riediker.

Was lief schief an der Vorführung?

Michael Riediker: Auf den ersten Blick hat der Saal mit geschätzt 2500 Kubikmetern ein grosses Luftvolumen und somit gute Voraussetzungen. Aber eine Gruppe von jodelnden und gleichzeitig tanzenden Menschen ist das Extremste, was man auf einer Bühne machen kann. Dadurch werden mehr Aerosole ausgestossen. Meine Berechnungen ergeben für einen super-emittierenden Jodler und einen Luftwechsel pro Stunde die Menge von 5500 Viren, die ein Zuschauer in einer Stunde inhaliert. Das ist mehr als zehn Mal mehr als die Dosis, die noch ein kleines Risiko zu sein scheint und klar im Bereich anderer Super-Spreader-Events. Selbst wenn die Lüftung die Luft drei Mal wechselt, werden noch 3500 Viren pro Stunde inhaliert.

Michael Riediker, Lüftungsexperte.

Michael Riediker, Lüftungsexperte.

Die Halle hat, wie es aussieht, keine Quelllüftung aus dem Boden wie im KKL oder im Zürcher Schauspielhaus, was macht das aus?

In dieser Mehrzweckhalle wird die frische Luft offensichtlich wie vielerorts auch von der Decke in den Saal geblasen. Sie sinkt zu den Zuschauern, wird erwärmt und oben an einer anderen Stelle wieder weggesaugt.

Was ist der Nachteil?

Die ausgeatmete Luft verteilt sich zuerst im ganzen Saal, bevor sie abgesogen wird. Vergleichbar wie bei einem Brunnen, in den gefärbtes Wasser fliesst. Bei einer Quelllüftung aus dem Boden zieht die Luft langsam aber direkt nach oben weg. Das ist eher vergleichbar mit einem langsam fliessenden Bach. Die ausgeatmete Luft durchmischt sich weniger.

Was passierte auf der Bühne?

Ich vermute, dass hier Sprühnebel, also grössere Tröpfchen, im Spiel waren. Wenn man dicht aneinander tanzt und singt, lässt sich das kaum vermeiden.

Offensichtlich hat sich auch die Bühnen- mit der Saalluft vermischt.

Das passiert bei einer Mischlüftung rasch. Bei einer Quellbelüftung hingegen mischt sich die Bühnenluft erst hoch über den Köpfen mit der Abluft aus dem Zuschauerbereich. Ob in Schwyz tatsächlich die aufgestiegene Bühnenluft wieder runter geblasen wurde, müsste man vor Ort abklären.

Was können Veranstalter tun?

Man könnte zum Beispiel versuchen, Frischluft nicht von der Decke, sondern seitlich am Boden einzuführen. Das müsste man lüftungstechnisch abklären und den Effekt testen.

Was hilft auf der Bühne, wenn Schauspieler keine Masken tragen können?

Zuerst sollte man Distanz halten. Bei extremen Aktivitäten könnte man versuchen, Luftreiniger in den Bühnendekorationen wie Bäumen oder Wänden zu verstecken oder saubere Luft durch einen Gitterrost aus dem Boden zu blasen und oben durch einen Filter zu führen. Doch es stellt sich rasch die Frage, was technisch und finanziell überhaupt machbar ist.

Bei Theateraufführungen empfehlen Sie das nicht.

Es spielt eine grosse Rolle, wie viel geredet oder gesungen wird und wie stark die Personen auf der Bühne aktiv sind. Bei den betrachteten Szenarien im Schauspielhaus Zürich ist das viel weniger intensiv. Dort ist nicht nur die Lüftung besser, sondern wir erwarten auch viel geringere Emission von möglicherweise virenhaltigen Aerosolen.

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