Dänemark

Weil sie Corona bekommen und Menschen angesteckt haben: Eine Million Nerze müssen notgeschlachtet werden

Nerze müssen sterben, weil sie Corona bekommen und Menschen angesteckt haben.

Nerze müssen sterben, weil sie Corona bekommen und Menschen angesteckt haben.

Vom Nerz auf den Menschen und zurück: Wegen Corona-Ansteckungen von Tieren und Menschen müssen dänische Nerze sterben.

Die Pelzindustrie war gewarnt: Bereits im Juli wurden in Dänemark, aber auch in den Niederlanden an Corona erkrankte Zuchtnerze entdeckt. Doch jetzt hat sich das Problem ausgeweitet, und eine einfache Eindämmung scheint unmöglich: Auf über 50 dänischen Nerzfarmen wurden bisher Corona-Infektionen gefunden, auf 40 weiteren besteht ein Verdacht.

Zunächst waren die Fälle auf Nordjütland konzentriert, doch nun sind auch andere Landesteile betroffen. Neben den Tieren aus der Familie der Marder, die auf engem Raum gehalten werden, sind auch Angestellte erkrankt.

Die Regierung greift hart durch: Eine Million Nerze in bis zu hundert Betrieben werden notgeschlachtet. Betroffen sind dabei nicht nur Bestände mit bestätigten Fällen, sondern auch alle Farmen in einem gewissen Umkreis. Landwirtschaftsminister Mogens Jensen sprach von einschneidenden Massnahmen «für viele Menschen und Tiere», doch die Situation mache das drastische Vorgehen nötig. Offenbar hätten die Schutzkonzepte nicht funktioniert.

Die Hauptsorge der Behörden gilt den Züchtern. Diese ­gehören laut dem Direktor des dänischen Infektionsschutz­insti­tuts zu den Berufsgruppen mit dem höchsten Risiko für eine Corona-Ansteckung. Forschung in Dänemark und den Niederlanden hat aufgrund von Untersuchungen von Virus­mutationen in Einzelfällen gezeigt, dass das Coronavirus sehr wahrscheinlich von Nerzen in den Menschen gelangt ist.

Holländische Forscher haben kürzlich an einer Tagung erklärt, sie hätten dank Genanalysen eine starke Beweislage dafür, dass das Virus «zwischen Menschen und Nerzen hin- und herspringt». Der primäre An­steckungsweg, darüber herrscht Konsens, ist vom Menschen auf die Pelztiere – die sich dann rasch in Massen infizieren.

Völlig gesichert ist ­jedoch nicht, wie sich das Virus auf den Farmen ausbreitet. ­Befürchtet wird auch, dass ­Nerzfarmen zu einem Reservoir für Corona werden könnten: dass das Virus in den Beständen ­mutieren und immer wieder auf Menschen springen könnte.

Futter wird als Infektionsquelle ausgeschlossen, und die dänischen Behörden haben bisher keine Hinweise auf Ansteckungen durch oder auf andere Tierarten gefunden. Sie gehen deshalb nicht davon aus, dass Vögel, Ratten, Mäuse, Hunde, Dachse oder Füchse Corona auf die Nerzfarmen gebracht haben – oder dass umgekehrt eine Gefahr für Wildtiere besteht. Dennoch sind Jäger in Jütland angewiesen worden, Proben geschossener Tiere abzuliefern, damit diese auf Corona untersucht werden können.

Eine Million Pelze – 30'000 Mäntel – verloren

Dänemark gehört mit China, Italien und Polen zu den grössten Nerzproduzenten der Welt. Entsprechend gross sind nun die Befürchtungen bei den 942 dänischen Pelzfarmen. Tage Pedersen, der Präsident des Nerzzüchterverbandes, spricht von einem «brutalen Entscheid» der Regierung, der aber von den Züchtern «selbstverständlich» mitgetragen werde. Er bestätigt, dass die meisten Züchter, die infizierte Tiere auf ihren Farmen hatten, selber an Corona erkrankt seien.

Doch die finanziellen Verluste werden gross sein, und einige Farmen, die nun Zehntausende Tiere verlieren, dürften schliessen, sagt Pedersen. Die Züchter verhandeln noch mit der Regierung über Kompensationszahlungen. Die Pelze der Nerze wären in einigen Wochen voll ausgewachsen gewesen; jetzt wird wegen der Ansteckungs­gefahr die gesamte Produktion vernichtet. Eine Million Pelze, aus denen rund 30'000 Pelzmäntel entstanden wären, sind damit verloren.

Tote Nerze werden ­Biokraftstoff und Dünger

Das Notschlachten ist laut den Behörden enorm aufwendig und wird einige Wochen dauern. Spezialisten in Schutzanzügen werden auf die Farmen kommen, Fahrzeuge in Schleusen desinfiziert und Wege von der Polizei abgesperrt, um eine Ausbreitung der Infektionen auf ­jeden Fall zu verhindern. Getötet werden die Nerze in Containern durch Kohlenmonoxid-Gas, danach werden sie desinfiziert und in grossen Anlagen gekocht. Die Reste werden zu Biokraftstoffen wie Biodiesel und zu Dünger verarbeitet.

Tierschützer kritisieren die Nerzproduktion seit langem, weil die Tiere in engen Verhältnissen gehalten werden. In den meisten Ländern, auch in der Schweiz, gibt es schon länger keine Pelzproduktion mehr; andere haben Einschränkungen oder wie Norwegen einen Stopp beschlossen. Die Niederlande haben angekündigt, aufgrund der Coronakrise ihre Produktion auslaufen zu lassen.

Doch in Dänemark will man davon nichts wissen. Obwohl die links-grünen Unterstützungsparteien der sozialdemokratischen Regierung nun Druck machen, erklärte Landwirtschaftsminister Jensen, die Industrie solle nach der Notschlachtung weiterexistieren. Die bürgerlichen Parteien stellen sich hinter die Sozialdemokraten, womit es im Parlament eine Mehrheit für Nerz-Produktion gibt.

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