Verhaltenspsychologie
Warum schwangere Frauen so viel gähnen – nicht etwa weil sie müde sind

Schwangere gähnen recht häufig. Sie lassen sich anstecken wegen eines Hormons, das sie dann gehäuft im Blut haben.

Jörg Zittlau
Merken
Drucken
Teilen
Beim Anblick gähnender Babys mussten schwangere Frauen besonders oft ebenfalls gähnen.

Beim Anblick gähnender Babys mussten schwangere Frauen besonders oft ebenfalls gähnen.

Bild: Fotolia

Der Mensch gähnt rund 20 Mal pro Tag. Und während der Schwangerschaft passiert es noch öfter. Ein Forscherteam um Ivan Norscia von der Universität Turin hat das untersucht. Es beobachtete 49 schwangere und nichtschwangere Frauen, wie sie auf die Videos von gähnenden Babys reagierten. In einem anderen Versuch sahen 131 Frauen, darunter 81 schwangere, wie «live» gegähnt wurde.

Das Ergebnis: Aus eigenem Antrieb gähnen schwangere Frauen nicht häufiger als andere. Wenn jedoch jemand anders gähnt, lassen sich Schwangere deutlich öfter zum Nach-Gähnen inspirieren. Besonders auffällig war dies bei den Baby-Videos. Hier lag die Wahrscheinlichkeit, dass die schwangeren Frauen sich anstecken liessen, bei rund 40 Prozent. Die nicht-schwangeren Frauen erreichten nur einen Wert von 20 Prozent.

Schwangere Frauen sind mitfühlender

Evolutionsbiologe Norscia vermutet als Ursache, dass eine Frau während der Schwangerschaft empathischer ist als sonst und deshalb eher das Verhalten anderer Menschen spiegelt.

Und dass diese Neigung beim Anblick der Babys noch einmal stärker ausgeprägt ist, liegt daran, dass sich eine schwangere Frau - aufgrund ihrer eigenen aktuellen Situation - besonders innig mit Babys verbunden fühlt. «Die soziale und emotionale Bindung zu einem Menschen spielt eine große Rolle dabei, ob wir uns von seinem Gähnen anstecken lassen», betont Norscia.

Das Hormon Oxytocin ist schuld

Dieses Phänomen reicht sogar bis tief in die Physiologie. Wissenschaftler konnten schon früher zeigen, dass wir umso eher anderen Leuten nachgähnen, je mehr Oxytocin in unserem Körper kursiert. Und von diesem «Kuschelhormon» haben Frauen während der Schwangerschaft besonders viel im Blut.

Norscia betont, dass die Ansteckung ohnehin der einzige Faktor sei, der als Ursache fürs Gähnen wissenschaftlich solide untermauert ist. Dass es hingegen, wie weithin vermutet wird, mehr Sauerstoff ins Gehirn bringen würde, ist schon lange widerlegt. Denn dann müssten wir bei körperlicher Aktivität öfter gähnen als sonst; und gähnende Jogger sieht man so gut wie nie.