Geschichte

Warum der 30-jährige Krieg auffällig viele Parallelen zum Syrien-Krieg aufweist

Die berühmteste, allerdings nicht kriegsentscheidende Szene im 30-jährigen Krieg: König Gustav II. Adolf von Schweden stirbt in der Schlacht bei Lützen am 16.November 1632.

Die berühmteste, allerdings nicht kriegsentscheidende Szene im 30-jährigen Krieg: König Gustav II. Adolf von Schweden stirbt in der Schlacht bei Lützen am 16.November 1632.

Der Prager Fenstersturz vor 400 Jahren führte zum europaweiten Gemetzel und mündete in dem Westfälischen Frieden. Der 30-jährige Krieg zeigt auffällig viele Gemeinsamkeiten mit dem aktuelle wütenden Bürgerkrieg in Syrien.

Der 30-jährige Krieg? – Ja, da war doch mal was. Aber keine Ahnung. Ist schon lange vorbei.

Schon lange vorbei? Mitnichten. Wir erleben ihn gerade. Zwar nicht bei uns, sondern in Syrien. Der Parallelen sind viele und sie sind auffällig. Wie damals gibt es eine unübersichtliche Mischung verschiedener Kriegstypen und eine Vielzahl von Kriegsparteien, die zum Teil in ständig wechselnden Allianzen auftreten, aber auch eigene Ziele verfolgen (zum Beispiel die Kurden).

Wie damals stehen externe Mächte eigentlich abseits vom Kriegsgebiet, aber sie mischen sich dennoch immer wieder ein – manchmal auch militärisch. Und wie damals ist das Elend und das Leiden der Zivilbevölkerung unermesslich und die Flüchtlingsströme sind nicht aufzuhalten und vergrössern das Elend stetig. Natürlich muss man den Syrienkrieg auch in etwas weiteren Zusammenhängen sehen als nur als syrischen Bürgerkrieg (der er auch ist).

Der Berliner Politologe Herfried Münkler (der von sich explizit sagt, dass er kein Historiker sei) hat sich besonders im Schlusskapitel seines Buches zum 30-jährigen Krieg noch einmal mit diesen Parallelen zum Syrienkrieg befasst. Er tut dies differenziert und vorsichtig. Münkler weiss, was Krieg ist, denn er hat sich seit Jahren damit beschäftigt. (Allerdings unter einem gewissen Vorbehalt, wie er das sieht: Die Friedensforschung habe meist keine Ahnung vom Krieg.)

Die Typen des Krieges

Krieg ist nämlich nicht immer Krieg. Der 30-jährige Krieg lässt sich als ein besonderer Kriegstypus fassen, eine Art Supertypus sogar. Denn er ist gekennzeichnet durch eine Vermengung verschiedener Kriegstypen.

Er begann offiziell als Ständeaufstand (der Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618), war zeitweise Staatenkrieg, immer Konfessionskrieg , manchmal muss man ihn als Imperial- und Hegemonialkrieg verstehen (die Fürsten gegen den Kaiser); er enthält auch «obendrein Elemente eines genuinen Bürgerkriegs, insofern es in seinem Verlauf zu Bauernaufständen kam, die vom Militär niedergeschlagen wurden». Genau das war es auch, was es so schwer machte, ihn zu beenden. Und die Westfälische Friedensordnung, die nach 1648 folgte, versuchte alles, diese Vermengung zu vermeiden.

Man erkennt unschwer, dass all das auch im Vorderen Orient vorhanden ist. Und ein weiteres «modernes Element» ist auch vorhanden: Das Nebeneinander von «kleinem» und «grossem Krieg». Eine Vielzahl von privaten Kriegsunternehmern («Warlords») beteiligt sich neben den staatlichen Akteuren und zieht aus der Kriegsökonomie materielle Vorteile.

Die Fürstentümer hatten im 17. Jahrhundert die militärischen Ressourcen gar nicht zur Verfügung, um dauernd Kriege zu führen. Die Söldnerarmeen, die angeworben werden mussten, führten dann zu einem Krieg, «der sich selber ernährt». Die Heere versorgten sich zunehmende selbst und taten das lieber im Feindesgebiet. Die «privat» operierenden Söldnerarmeen schonten gar kein Territorium. Sie plünderten und verheerten, wie wenn sie den aktuellen Landstrich nie mehr betreten würden. Mit den entsprechend schrecklichen Folgen für die Zivilbevölkerung.

Es ging nicht nur um Religion

Man hört oft, der 30-jährige Krieg sei ein «Konfessionskrieg» gewesen, ein Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Das war er nur bedingt. Wie heute die Religion lediglich eine Trennlinie bildet, an der sich die Parteien aufreihen (Schiiten – aus dem Iran; und Sunniten – gesteuert aus Saudi-Arabien), war auch die Konfessionsfrage zwischen 1618 und 1648 nicht immer alles beherrschend. Der Papst hatte es eher mit Frankreich als dem katholischen Spanien, aber die Sturheit des Kaisers in religiösen Dingen (Rekatholisierung) verhinderte ein durchaus mögliches Kriegsende 1623, als die Protestanten eigentlich geschlagen schienen.

Gustav Adolf von Schweden, der in den Krieg eingriff, weil er vor allem seinen Einflussbereich im Norden vergrössern wollte, wurde auf dem Kontinent dann als «Retter des Protestantismus» gepriesen. Sein Stolpern bei der Landung in Usedom wurde sofort als Kniefall uminterpretiert und seine militärische Intervention als Missionszug.

In Syrien ziehen Amerikaner, Russen, Türken, Iraner und eingeschränkt auch Europäer an Fäden im Hintergrund. Sie unterstützen Parteien und intervenieren hin und wieder, es bilden sich wandelnde Allianzen, die Kriegssituation wird völlig unübersichtlich. Das war im 17. Jahrhundert ähnlich. Der 30-jährige Krieg fand auf dem Territorium des Deutschen Reiches statt.

Aber im Hintergrund agierten Spanien, Frankreich (sehr geschickt der Kardinal Richelieu), Schweden und Dänemark, die bei auch militärisch intervenierten, etwas entfernter England und die Niederlande, die sich militärisch heraushalten wollten. Münklers Bemerkung ist aufschlussreich: «Der Typus ‹Dreissigjähriger Krieg› ist dadurch gekennzeichnet, dass er von aussen nur schwer zu beenden ist und ein militärisches Eingreifen zumeist das Gegenteil dessen bewirkt, was offiziell beabsichtigt ist.»

Ein Krieg oder mehrere?

Die Fragen: «Wer gegen wen?» und «Wer hat gewonnen?» gehören zwar zu jedem Krieg, sind aber in diesem Fall so verworren, dass es hier wenig Sinn macht, sie detailliert zu beantworten. Der Westfälische Friede von 1648 war zwar eine Art Kompromiss, aber am meisten Zugeständnisse musste der Kaiser machen. Neben den Niederlanden durfte auch die Schweizerische Eidgenossenschaft formell aus dem Reich austreten. Die Fürsten erlangten weitgehende Selbstständigkeiten, das führte unter anderem dazu, dass Deutschland bis 1871 keine richtige politische Einheit bildete.

Die Historiker streiten sich auch darum, ob sich das Kriegsgeschehen nicht besser beschreiben lasse, wenn man es auf vier verschiedene Konflikte aufteile. Das mag sein, aber die Bezeichnung «30-jähriger Krieg» hatte sich bereits im 17. Jahrhundert eingebürgert.

Das Wichtigste am 30-jährigen Krieg ist das, was an seinem Ende passierte. Mit dem Westfälischen Frieden bekam der Krieg seine Kalkulierbarkeit wieder zurück. Man setzte alles dran, die Kriegstypen zu entflechten und den Krieg zu einer Angelegenheit zwischen Staaten mit Kriegserklärung und Friedensschluss zu machen und besonders die Kombattanten von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden.

Die europäischen Staaten führten zwar immer noch Krieg, aber sie hörten auch wieder auf, wenn ein Ziel erreicht oder illusorisch geworden war. Der 30-jährige Krieg forderte rund 6 Millionen Tote, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung. Gewisse Gebiete brauchten bis zu 50 Jahre, um sich davon zu erholen. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb Europa vor derartigen Desastern verschont.

Meistgesehen

Artboard 1