Ein Davoser Arzt und Botaniker leistete die ganze Vorarbeit: Wilhelm Schibler zeichnete Ende des 19. Jahrhunderts akribisch genau auf, welche Pflanzen auf bestimmten Gipfeln der Region wuchsen.

Mit dieser exakten Liste gelang Sonja Wipf vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos und ihren Kollegen ein eindrücklicher Nachweis, wie sich die Pflanzenwelt in den Alpen seither verändert hat. Sie und der Ökologe Manuel Steinbauer, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg berichteten in der Zeitschrift «Nature» über das Gipfelprojekt.

Gleich am Wochenende nach dem die Idee 2009 geboren war, kletterten die Forscher auf den 2628 Meter hohen Baslersch Chopf. Der Ausflug brachte eine reiche Ernte: Von den 57 Pflanzenarten, die Wilhelm Schibler mehr als ein Jahrhundert früher auf diesem Gipfel beschrieben hatte, fanden sie 54 wieder. Zusätzlich aber wuchsen inzwischen fast noch einmal so viele Arten, die es dort vor einem Jahrhundert noch nicht gegeben hatte.

Die Forscher kletterten auch in anderen Gebirgen Europas vom Spitzbergen-Archipel im Nordpolarmeer und vom Norden Norwegens und Schottlands bis hinunter zu den Pyrenäen und den Karpaten auf die Gipfel und stöberten jeweils auf den obersten zehn Höhenmetern des Berges die Pflanzen auf. Von 302 Gipfeln verglichen sie die Analysen ihrer Kollegen in der Vergangenheit, die bis zu 145 Jahre zurücklagen.

Die Entwicklung kann man mit einem einzigen Satz beschreiben: Für Pflanzen ist es auf den Gipfeln längst nicht mehr so einsam, wie es einst war.

Krasses Beispiel vom Piz Linard

Als der Naturwissenschafter Oswald Heer am 1. August 1835 als erster Bergsteiger auf den höchsten Gipfel der Silvretta-Gebirgsgruppe der zentralen Ostalpen, den 3410 Meter hohen Piz Linard kletterte, fand er dort oben eine einzige Pflanzen-Art: Ein einsamer Alpen-Mannsschild trotzte den eisigen Temperaturen und den pfeifenden Winden. Heute finden Sonja Wipf und ihre Kollegen auf dem Piz Linard dagegen bereits 16 verschiedene Arten.

Da auf diesem Berg die Pflanzenwelt seit 1835 im Durchschnitt alle 20 Jahre untersucht wurde, wissen die Forscher recht gut über die Neuankömmlinge auf dem Gipfel Bescheid. So nahm die Zahl der Arten in den letzten zwanzig Jahren besonders stark zu. Um von einer einzigen Art 1835 auf zehn Arten zu kommen, dauerte es immerhin mehr als ein Jahrhundert.

Noch 1993 hatten Forscher zehn Arten auf dem Gipfel gezählt, 2011 waren es bereits 16 Arten. Obendrein wurden diese Neuankömmlinge bisher noch nie in solchen Höhen beobachtet, sondern sind eigentlich in deutlich tiefer liegenden Gebieten zu Hause.

Da liegt der Verdacht nahe, dass der Klimawandel hinter dieser Zunahme der Pflanzenvielfalt steckt. Es könnten Mist und Gülle, Kläranlagen und technischen Verbrennungen eine Rolle spielen, die viele Stickstoffverbindungen in die Luft – und Niederschläge wieder auf den Boden bringen.

Dort wirken diese Verbindungen als Dünger, der zum Beispiel Bäume zum schnelleren Wachsen anregen kann. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dieser Überdüngung und dem Auftauchen von neuen Arten auf den Gipfeln fanden die Forscher aber nicht.

Einen deutlichen Zusammenhang fanden die Forscher dagegen mit den Temperaturen im Sommer: In den letzten Jahrzehnten steigen Temperatur und Artenzahlen in den Gipfelbereichen gleichermassen beschleunigt an.

«Das ist einer der Gründe, weshalb sich die Auswirkungen des Klimawandels in den Hochlagen viel einfacher als im Flachland beobachten lassen», erklärt Manuel Steinbauer. Die Pflanzen müssen nur ein wenig weiter zum Beispiel etwa hundert Meter den Hang hinauf und finden dort die Temperaturen, an die sie angepasst sind.

In der Ebene zeigt die Quecksilbersäule zwar ebenfalls niedrigere Werte, wenn man sich auf die Pole zubewegt. Nur müssen die Pflanzen ein paar Hundert Kilometer weit wandern, um wieder ihren optimalen Temperatur-Bereich zu erreichen. Das lässt sich erheblich schwieriger beobachten.

Andere werden verdrängt

Auf den ersten Blick scheint die Zunahme der Artenvielfalt auf den Gipfeln keine schlechte Entwicklung zu sein. Tatsächlich halten Manuel Steinbauer und seine Kollegen die Entwicklung aber für ein Alarmzeichen. Obendrein handelt es sich bei den Neuzugängen um Arten, die in tieferen Lagen recht häufig wachsen. Wahrscheinlich werden im Laufe der Zeit zumindest einige der bisherigen Gipfelbewohner von den Neuankömmlingen verdrängt.

Da es sich bei den ursprünglichen Gipfelpflanzen aber oft um Arten handelt, die kaum Ausweichmöglichkeiten in grössere Höhen haben, würde die Artenvielfalt mit dem Verschwinden der Alteingesessenen schliesslich wieder zurückgehen.