St.Galler Mode
«Unser Standort verhilft uns zu einer starken Identität»: Akris-Designer Albert Kriemler über Heimatliebe und St.Gallen als derzeitiges Paris

Der Kreativdirektor schöpfte in der Pandemie Kraft – beim Spazieren in St.Gallen. Beides hat ihn zu einer grossartigen Kollektion inspiriert.

Katja Fischer De Santi
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Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Bild: Akris (PD)
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
11 Bilder
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022
Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Akris (PD)

Die hohen Räume sind lichtdurchflutet und ganz in Weiss gehalten. Nichts soll von den Kleidern ablenken. Entlang der grossen Fenster ist eine lange Holzbank montiert, hier nehmen normalerweise Einkäuferinnen aus der ganzen Welt Platz und lassen sich die neuste Kollektion von Akris zeigen. Doch normal ist gerade gar nichts.

Normalerweise wäre Creative Director Albert Kriemler dieser Tage gar nicht in St.Gallen. Nun sitzt er aber in seinem Showroom an einem kleinen Tischchen, hinter sich seine Herbst-/Winter-Kollektion 2021/22, vor sich ein grosser Bildschirm. «Meine Verbindung in die Welt», sagt er.

Statt Fashion Show in Paris, ein Spaziergang an den Weihern

Normalerweise wäre er mit seinem Team jetzt in Paris. Seit 17 Jahren zeigt Akris dort als einziges Schweizer Label seine Kreationen an den Prêt-à-porter-Schauen. Doch statt an der Fashion-Show sind seine Models vor einigen Wochen auf Dreilinden defiliert, dem Naherholungsgebiet St.Gallens, und posierten in der Stiftsbibliothek, einer Unesco-Weltkulturerbe­stätte.

Zuschauerinnen und Zuschauer gab es keine, dafür ein Filmteam um den Regisseur Anton Corbijn, der zum zweiten Mal für den Fashion-Film von Akris verantwortlich zeichnete.

Der aktuelle Fashionfilm in ganzer Länge

Quelle:Youube/Akris

Ein Designer so diskret wie seine Mode

Film statt Defilee, St.Gallen statt Paris, die Pandemie verändert gerade alles. Seit einem Jahr sei er fast nur noch in seiner Heimatstadt, sagt Kriemler. Solche exklusiven Interviews gibt er selten, persönlich wird er fast nie. Der grosse Auftritt mit viel Tamtam ist seine Sache nicht. Kriemlers Erscheinung ist diskret wie seine Mode. Klare Linien, präzise Schnitte, exquisite Stoffe.

Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Bild: Anja Grabert / Akris (PD)

Selbstverständlich müssten seine Entwürfe sein, das sei sein höchstes Ziel, wird er im Gespräch mehrmals betonen. Im März 2020 zeigte er seine Kollektion noch im Musée d’Art Moderne in Paris. Danach machte die Welt zu, die Pandemie übernahm. Über Mode wollte niemand mehr reden, gekauft wurden nur noch Jogginghosen und Leggins.

Der Spaziergang als grösstmögliche Freiheit

Über dieses für die ganze Modeindustrie katastrophale Jahr will Albert Kriemler lieber nicht reden:

«Natürlich ist es schlimm, aber wir schauen nach vorne, es werden wieder bessere Zeiten kommen.»
Albert Kriemler Inhaber und kreativer Kopf des Modehauses Akris

Albert Kriemler
Inhaber und kreativer Kopf des Modehauses Akris

Der Akris-Chef

Seit 1987 ist Albert Kriemler Besitzer und Leiter des Modehauses Akris – des einzigen Schweizer Labels, das seine Kollektion seit 17 Jahren bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen präsentiert. Der Name Akris setzt sich aus den Initialen der Grossmutter, Alice Kriemler-Schoch, zusammen, die das Label als Schürzenfabrik 1922 gründete. Unter der Leitung von Albert Kriemler und seinem Bruder Peter wurde Akris zu einem Namen, der für höchste Qualität bei den Stoffen und höchste Präzision bei den Schnitten steht. Die ehemalige First Lady  Michelle Obama, Schauspielerin Nicole Kidman und die monegassische Fürstin Charlène sind bekennende Fans. Anfang Woche zeigte Kriemler die Herbst-Winter-Kollektion im Youtubefilm «Akris Fall Winter 2021/22 Full Show». (kaf)

Und diese beginnen für den Kreativchef mit einem Spaziergang. Für ihn die grösste Freiheit, die wir zurzeit geniessen können. Raus aus dem Homeoffice, zurück in die Welt. Draussen in Bewegung komme er selber auf die besten Ideen, erzählt er. Oft drehe er seine Joggingrunde auf ebendiesen Dreilinden.

Ein Spaziergang kann alles sein – eine Routine, ein schönes Nichts, eine Ausflucht oder ein Defilee.

Darum hat er seine Models gut eingepackt in weiche Jacken, lange Mäntel. Mit Mützen, Schals und hochgeschnürten Stiefel hat er sie auf einen Spaziergang im Schnee geschickt. Hoch über der Stadt stapften sie zu dramatischer Musik ihres Weges, gerüstet für alles, was noch kommen mag. Eine ­Inszenierung, wie sie nicht perfekter in den Zeitgeist passen könnte.

Die Models im Schnee auf Dreilinden: Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Die Models im Schnee auf Dreilinden: Akris Herbst-/Winterkollektion 2021/2022

Bild: Akris

Kleider für eine stürmische Zeit

«Ich wollte so sehr wie noch nie ‹Real Clothes› machen», sagt Kriemler dazu. «Kleider für drinnen und draussen, in Schichten getragen, funktionierend vom morgendlichen Weg zur Arbeit bis zum letzten Drink um Mitternacht in einer Bar.» Dass die Regenmäntel aus behandelter Seide sind und die gesteppten Jacken aus edelster Wolle statt Daunen, sieht man erst auf den zweiten Blick. «Diese Kleidungsstücke sind für die Ewigkeit gemacht, perfekt geschnitten, gefertigt aus den besten Materialien. Das ist unser Nachhaltigkeitsgedanke, dem fühle ich mich verpflichtet.»

«Ich wollte der Welt zeigen, woher wir kommen»

Verpflichtet fühlt er sich auch seiner Herkunft. In St.Gallen hat seine Grossmutter Alice Kriemler 1922 ihre Schürzenfabrik gegründet, die sein Vater zu einem Modeunternehmen und er zusammen mit seinem Bruder zu einem internationalen Modehaus aufgebaut hat.

«Unser Standort verhilft uns zu unserer starken eigenen Identität.»

Das war Kriemler schon lange vor der Pandemie bewusst. In jeder seiner Kollektionen fanden St.Galler Stickereien und Stoffe Eingang. Doch dieses Jahr geht er mit seiner Heimatliebe weiter. «Ich dachte mir, warum der Welt jetzt nicht einmal zeigen, woher wir kommen», sagt er, steht auf und zieht ein langes, gegürtetes Kleid aus der Reihe. Den Stoff, aus dem es gemacht ist, ziert unübersehbar eine Landkarte. Nicht irgendeine, es ist ein kleidgewordener Plan von St.Gallen. Strassen, Häuser, Flurnamen – alles da. «Und wissen Sie was», sagt er und lächelt spitzbübisch.

«Auf jedem dieser Kartenausschnitte, seien es Taschen, Hosen oder Jacken, finden Sie unser Akris-Stammhaus an der Felsenstrasse 40.» Eine humorvolle, diskrete Referenz an seine Familie und Stoff für neue Kultstücke. Ob dieser grossen Heimatliebe verwundert es fast, dass Albert Kriemler St.Gallen nicht schon häufiger zum Dreh- und Angelpunkt einer Kollektion gemacht hat. Aber sicher ist der Zeitpunkt perfekt gewählt. Regionalität, kurze Wege, die Abkehr von den Me­tropolen sind Tendenzen, die in allen Branchen spürbar sind.

Mode von Welt im Weltkulturerbe der Stiftsbibliothek.

Mode von Welt im Weltkulturerbe der Stiftsbibliothek.

Anja Grabert / Akris

Zurückgezogen, fern der Metro­polen arbeitet er am besten

Im Gespräch wird auch deutlich, dass Kriemlers zurückgezogene Arbeitsweise, fernab der grossen Modestädte, sich in dieser Pandemie als Glücksfall erwiesen hat. «Ich konnte jeden Tag in meinem Atelier mit meinem kleinen Team arbeiten, etwas erschaffen, das ist der grösste Luxus überhaupt.»

Trotzdem, Paris fehlt ihm «und noch mehr meinem Team», sagt er lächelnd. «Es ist unglaublich wichtig, dort vor Ort präsent zu sein, die Leute zu sehen, Begegnungen zu haben.» Jetzt laufe alles über den Bildschirm. Zwar sehen viele Leute den Film, aber es gebe weniger ein Gefühl, wie die Kollektion ankomme, die Stimmung fehle. Dann steht er nochmals auf und zückt ein bezauberndes schwarzes Kleid aus der Reihe. «Das einzige Abendkleid in der ganzen Kollektion», erklärt er. Weil wir irgendwann wieder feiern werden, aber vielleicht unkonventioneller. Darum fühle sich dieses Kleid so bequem und leicht an wie ein Pulli:

«Ich möchte stets, dass man zuerst die Frau wahrnimmt, die einen Raum betritt, und dann erst das Kleid, das ihr Selbstbewusstsein gibt.»