Technologie
Rosen in Louis XIVs Garten riechen, Schiesspulver in Napoleons Schlachten einatmen: Wie Forscher Duft in die virtuelle Realität bringen wollen

Das Geruchskino ist gefloppt. Doch jetzt starten Forscher einen neuen Anlauf mit olfaktorischen Reizen im Metaversum.

Adrian Lobe
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Blumen? Könnte funktionieren. Wie sich die virtuelle Realität sonst noch mit Gerüchen anreichern lässt.

Blumen? Könnte funktionieren. Wie sich die virtuelle Realität sonst noch mit Gerüchen anreichern lässt.

Bild: Shutterstock

Geht es nach Facebook-Chef Mark Zuckerberg, dann werden wir künftig im Metaverse leben. Mit einer VR-Brille auf dem Kopf klinkt man sich in ein digitales Paralleluniversum, wo man mit seinem Avatar an virtuellen Konferenztischen sitzt oder sich zu After-Work-Partys trifft. Doch wer schon mal eine Vir­tual-Reality-Brille auf dem Kopf hatte, wird festgestellt haben, dass der virtuelle Raum recht schemenhaft ist. Zwar spürt man Vibrationen und Berührungen, die beim Kontakt mit Körpern und Gegenständen entstehen, aber man fühlt keine Kälte oder Wärme. Zudem riecht und schmeckt man nichts in der ­virtuellen Realität.

Wenn wir aber bald im Metaverse leben, wie Zuckerberg prophezeit, dann müssen Unternehmen auch diese Sinnesorgane stimulieren, sonst bleibt die Immersion unvollständig. Wie will man im Metaverse Parfüm verkaufen, wenn man nichts riecht? Wer mietet eine virtuelle Strandvilla, wenn man die sanfte Meeresbrise nicht auf der Haut spürt? Worin besteht der Reiz eines virtuellen Dinners, wenn man nichts schmecken kann?

Forscher tüfteln daher an Technologien, mit denen sich auch Berührungs-, Geschmacks- und Geruchssinn stimulieren lassen. So hat das japanische Start-up Vaqso vor einigen Jahren einen Duft-Dispenser entwickelt, der das VR-Erlebnis mit Gerüchen anreichert. Auf das VR-Headset wird mit einem Magnet ein Aufsatz befestigt, der mit verschiedenen Kartuschen befüllt werden kann – von Ozean über Karamell bis hin zu Schiesspulver gibt es 15 verschiedene «Flavors».

Läuft der Nutzer mit seinem Avatar durch ein virtuelles Café, verströmt der Dispenser Kaffeegeruch. Noch handelt es sich um einen Prototyp, doch ein Geruchserlebnis könnte die Immersion kompletter machen.

Neurowissenschaftliche Studien belegen, dass sich wohlriechende Düfte positiv auf das Kaufverhalten auswirken. Wo es gut riecht, shoppt man gerne. Das können sich die virtuellen Ladenbesitzer zu Nutze machen. Ist man im Metaverse von einem Duft betört, kann man das Produkt gleich nach Hause ordern.

Kälte empfinden wegen Pfefferminzgeruchs

Der Computerwissenschafter Nimesha Ranasinghe tüftelt schon seit einigen Jahren an Apparaturen, die durch elektrische Stimulation der Zunge Geschmacksempfindungen auslösen. Die Zunge ist in verschiedene Geschmackszonen aufgeteilt, die über Nervenbahnen mit dem Gehirn kommunizieren. Ranasinghe und seinen Forschungskollegen gelang es mittels elektronischer Stäbchen nicht nur, die Intensität dieser Geschmacksrichtungen zu modulieren, sondern bei Probanden, die ungesalzene Kartoffeln assen, auch die Illusion von Salz zu erzeugen.

Auch die taktile Wahrnehmung lässt sich in der virtuellen Realität stimulieren. Forscher der Universität Chicago haben im vergangenen Jahr ein VR-Headset entwickelt, das durch das Versprühen von Chemikalien in die Nase Rezeptoren im Drillingsnerv aktiviert und damit Kälte- oder Wärmeempfindungen provoziert: Wenn man etwa Pfefferminz riecht, fühlt es sich kalt an, weil das Menthol denselben Rezeptor wie bei der Kälteempfindung triggert.

Die Entwicklungspotenziale sind gross. Man stelle sich vor, man könnte in einer VR-Ausstellung den Rosenduft im alten Rom riechen. Oder den Geruch von Schiesspulver bei der Schlacht von Waterloo anno 1815. Geschichte wäre ganz anders erfahrbar.

Natürlich erinnert uns das an das sogenannte 5D-Kino. Die Kombination aus 3D, Wind und Nebel, Düften sowie Rüttelsitzen konnte sich allerdings nie durchsetzen. Es stellt sich die Frage: Will man wirklich den faulen Geruch mittelalterlicher Kloaken in historischen VR-Ausstellungen oder den modrigen Geruch von Massengräbern in Computerspielen riechen? Vielleicht ist die Geruchsneutralität des virtuellen Raums am Ende doch keine so schlechte Idee.

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