Religion
Bei den Mormonen herrscht ein starkes Gefühl der Gemeinschaft

Seit Anfang Februar hat die Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage in Richterswil ein neues Kirchenoberhaupt. Ihr Glaubensleben ist von einem engen Miteinander und generationenübergreifendem Enthusiasmus geprägt.

Haymo Empl
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Henrik von Scheel hat für alle ­Jugendlichen einen Brief geschrieben. Verpackt in einen bunten Umschlag, der erst im «Notfall» geöffnet werden soll. Also dann, wenn die jugendliche Person nicht mehr weiter weiss. Eine rührende Geste, bezeichnend aber für das Gedankengut der christlichen Gemeinde «Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage», auch bekannt als Mormonen. Der scheidende Bischof in einer seiner letzten Amtshandlungen kämpft mit den Tränen, «seine» Kirche wird er schmerzlich vermissen, Henrik von Scheel wird bald schon nach Dänemark zurückkehren.

«Stabsübergabe» in Richterswil: Bischof Roland Roffler (links) übernimmt von Henrik von Scheel.

«Stabsübergabe» in Richterswil: Bischof Roland Roffler (links) übernimmt von Henrik von Scheel.

Bild: PD

Rückblick: Vor gut drei Jahren wurde Henrik von Scheel als Bischof in der Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage eingesetzt. Er löste seinerzeit den Zuger Fredy Gantner ab. Und nun ist also Henrik von Scheel derjenige, der einen (freiwilligen) Abgang macht. Sein Nachfolger: Roland Roffler.

Sympathische Bodenständigkeit

«Als junger Mann lernte ich, dass Aufgaben und Verantwortungen im Leben und in der Kirche teilbar sind. Als neuer ­Bischof ist man in der Gemeinde nicht alleine. Die Aufgaben lassen sich teilen. Da ich weiss, dass Mitglieder der Gemeinde fleissig mitwirken werden, fühle ich mich gelassen und zuversichtlich. Und dafür bin ich dankbar», so der neue Bischof gegenüber dieser Zeitung. Er wirkt geerdet und bodenständig. Ein Mann, den man gerne in seinem Freundeskreis hätte, weil er durch seine ruhige Art jegliche Dramen alleine mit seiner Anwesenheit verhindert.

Dem neuen Bischof stehen «Ratgeber» zur Seite. «Sie helfen ihm bei den vielfältigen Aufgaben und unterstützen ihn, beispielsweise in der Jugendarbeit, in der Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes, bei der Seelsorge et cetera. Die beiden Ratgeber sind auch die Stellvertreter des Bischofs, wenn dieser nicht da ist», erklärt Oliver M. Bassler. Er ist stellvertretender Leiter der Kommunikation in der Kirche Schweiz und fügt an: «Sämtliche ‹Ämter› in der Kirche Jesu Christi werden ehrenamtlich ausgeführt, neben einem regulären ­Beruf. Er wird vom ‹Pfahlpräsidenten› (analog dem Bischof der katholischen Kirche) vorgeschlagen und dem Präsidenten der Kirche zur Bestätigung vorgelegt. Ein Pfahl ist gleichzusetzen mit einer Diözese, sprich einer ­Verwaltungseinheit mehrerer ­Gemeinden eines Gebietes.»

Mehr Inhalte, weniger Rituale

«Mormonen» wird die Glaubensgemeinschaft nicht gerne genannt. Oliver Bassler erklärt wieso: «Der Begriff ‹Mormonen› ist entstanden, da die Mitglieder der Kirche Jesu Christi neben der ­Bibel auch an das Buch Mormon glauben. Wenn man allerdings von Mormonen spricht, wird ein falscher Eindruck erweckt, nämlich dass wir die Kirche von Mormon sind.» Und wie sieht das Glaubensleben der Kirchenmitglieder aus? Es fällt auf, dass ein Gottesdienst sich mehr um Inhalte und weniger um Rituale dreht. In der katholischen Kirche folgt der Pfarrer einer vorgegebenen Liturgie. Im Gemeindehaus in Samstagern sind diese Abläufe weniger starr und wirken etwas improvisierter. Dadurch wird die «Messe» entspannter und herzlicher, auch weil die einzelnen Mitglieder aktiv in den Ablauf integriert werden. Wer jetzt aber Bilder von entrückten Menschen unter zuckenden Bewegungen vor sich hat, liegt falsch. Denn die Mitglieder der Gemeinde verstehen sich weder als Sekte noch als verschwiegene Gemeinschaft.

Im Prinzip basiert die Lehre auf den Grundpfeilern des Christentums, Altes Testament/Neues Testament und – als wesentlicher Unterschied – zusätzlich beispielsweise noch das Buch Mormon. Der Gründer der Kirche Jesu der Heiligen der Letzten Tage war im Jahr 1830 Joseph Smith. Zeit seines Lebens erzählte Smith von einem Erlebnis, das er als Junge hatte, als er Gott und Jesus Christus als zwei getrennte Wesen sah, die ihm sagten, dass die wahre Kirche Jesu Christi verloren gegangen sei und durch ihn wiederhergestellt werden würde. Die christliche Glaubensgemeinschaft zählt weltweit nach eigenen Angaben über 16 Millionen Mitglieder. In der Schweiz sind es knapp über 10000. Dennoch steht die Kirche Jesu Christi ausserhalb der christlichen Ökumene.

Was machen die Landeskirchen «falsch»?

Sitzt man als Gast in einer Versammlung dieser Kirche, staunt man. Kinder sind im Gottesdienst die Regel und nicht die Ausnahme, sie wissen sich zu beschäftigen, es wird enthusiastisch gesungen, die Inhalte werden spannend vermittelt, und es gibt auch ein Abendmahl. Und auch dort ist wieder dieses starke Gefühl der Gemeinschaft spürbar, die so ungekünstelt ­authentisch daherkommt.

Die Landeskirchen können von solchem Enthusiasmus und einem so jungen Altersdurchschnitt nur träumen, und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, was – angesichts der leeren Kirchenbänke – diese falsch machen. Oder anders gefragt: Was macht die Kirche Jesu Christi besser?