Schicksalsgeschichten
«Manche werfen uns vor, dass wir selber schuld sind»: Zwei junge Betroffene erzählen von ihrem Leben mit Diabetes

Mit der Krankheit Diabetes bringt man schnell einen Typ Mensch in Verbindung: eher älter, übergewichtig, ungesunder Lebensstil. Mit ein Grund, weshalb jüngere Personen eher nicht mit dieser Diagnose rechnen.

Sheila Eggmann
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In der Schweiz haben rund 500’000 Personen Diabetes. Die Hälfte aller Diabetikerinnen und Diabetiker weiss jedoch gar nichts von ihrer Krankheit. Das schreibt der Verein Diabetesschweiz auf seiner Website. Die meisten von ihnen leben mit Typ-2-Diabetes. Lediglich 40’000 leiden am Typ 1. Zwei von ihnen erzählen ihre Geschichte.

Typ 1 und Typ 2: Die Unterschiede

Diabetes entsteht, wenn der Körper nicht in der Lage ist, ausreichend Insulin zu produzieren. Insulin ist ein Hormon, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und den Zuckerhaushalt im Körper reguliert. Wenn der Körper kein Insulin mehr herstellen kann, bekommt man Diabetes Typ 1. Mit dieser Erkrankung ist man lebenslang auf die Gabe von Insulin angewiesen. Heilungsmöglichkeiten bestehen bisher noch nicht.

Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes hingegen produziert die Bauchspeicheldrüse zwar weiterhin Insulin, jedoch nicht genügend oder der Körper kann es nicht mehr wirksam verwenden, um Blutzucker in Energie umzuwandeln. 
Die Entwicklung des Typ-2-Diabetes wird begünstigt durch Erbfaktoren, Übergewicht und Bewegungsmangel. Er tritt in den meisten Fällen erst in der zweiten Lebenshälfte auf.

Giulia Lötscher, 31, Journalistin:

Giulia Lötscher lebt seit zehn Jahren mit Diabetes.

Giulia Lötscher lebt seit zehn Jahren mit Diabetes.

Bild: Belinda Schmid

Dezember 2011. Mein Leben: ganz normal. Ich geniesse die schulfreie Zeit vor meinen Zwischenprüfungen mit Weihnachten, Spengler-Cup, Skifahren, Silvester. Ich feiere mit Freunden zusammen, wir trinken viel Alkohol, haben Spass.

Ich fühle mich wie immer, frei, das ganze Leben vor mir – 2012, das wird ein gutes Jahr.

In dem Jahr, in dem ich 20 werde, ich meine Matura abschliesse, ich von zu Hause ausziehe. Doch es wird auch ein Jahr, das ich nie wieder vergessen werde.

Es ist schon morgens, als wir nach der Silvesterparty endlich ins Bett gehen. Doch schon nach wenigen Stunden werde ich von höllischem Durst geweckt und ich muss auf die Toilette. Ich gehe in die Küche, trinke, was mir in die Hände gerät. Im Kühlschrank finde ich eine grosse Flasche Bergamotte, die ich in einem Zug austrinke. Erstaunt über mich selbst, denn: Ich hasse Bergamotte. Doch meine Kehle zehrt nach der kalten Flüssigkeit. Ich lege mich zurück ins Bett. Mir ist schlecht.

Die ganze Geschichte von Giulia Lötscher lesen:

Irina Trinkler, 25, Sachbearbeiterin

Irina Trinkler lebt seit zwölf Jahren mit Diabetes.

Irina Trinkler lebt seit zwölf Jahren mit Diabetes.

Bild: Manuel Nagel

Ich habe meine Diagnose im Jahr 2010 erhalten. Damals war ich 14 Jahre alt. Ich war ständig müde, trank extrem viel Wasser und musste viel auf die Toilette. Ich wusste aber nicht, weshalb. Deshalb liess ich mich bei einem Arzt durchchecken.

Ich weiss nicht mehr viel von diesem Arztbesuch. Aber was ich noch weiss: Mit dieser Diagnose haben wir nicht gerechnet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte in meiner Familie noch nie jemand Diabetes. Ich kann mich daran erinnern, dass ich nach dem Arztbesuch mit meiner Mutter im Familienvan sass. Sie war recht schockiert. Ich wusste aber nicht wirklich, was los war.

Ich wusste absolut nichts über Diabetes. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen wird.

Die ganze Geschichte von Irina Trinkler lesen:

So gehen die beiden Frauen heute mit der Krankheit um

Die Insulinpumpe von Giulia Lötscher gibt in regelmässigen Abständen Insulin an ihren Körper ab.

Die Insulinpumpe von Giulia Lötscher gibt in regelmässigen Abständen Insulin an ihren Körper ab.

Bild: Belinda Schmid

Irina Trinkler wollte anfangs nicht wahrhaben, dass sie Diabetes hat. «Ich hatte Mühe, es zu akzeptieren», sagt sie. Sie versuchte, die Krankheit wenn möglich zu verstecken und spritzte nicht regelmässig Insulin. Heute sagt sie:

«Ich wusste, dass das gefährlich werden konnte. Aber ich hatte einen sturen Kopf.»

Ihr Körper reagierte mit ständiger Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Gründe, weshalb Trinkler mehrere Ausbildungen abbrechen musste.

Wie Lötscher und Trinkler heute mit ihrer Krankheit umgehen, lesen Sie hier: