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Gegenreaktion: Jetzt kommt der Reise-Trend «Revenge Travel»

Nach all den Monaten Verzicht wollen nun immer mehr Menschen vor allem eines: Raus in die Welt – koste es, was es wolle.

Anna Miller
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Fleisch-Berge auf Mallorca: So könnten Ferien bald wieder aussehen.

Fleisch-Berge auf Mallorca: So könnten Ferien bald wieder aussehen.

Getty

Über Monate mussten wir zuhause sitzen, wenn überhaupt, durften wir an einen kleinen Schweizer See fahren, ein bisschen Wandern in den Bergen. Weiter ging’s für viele während der Pandemie nicht. Und wenn man Expertinnen glauben will, hat sich da ordentlich was angestaut.

Während einige innerhalb der Reisebranche bittere Tränen weinen und sagen, der Tourismus würde sich frühestens in ein paar Jahren erholen und auf Vor-Corona-Niveau kommen, läuten andere bereits ein neues Zeitalter ein: Das des «Revenge Travel». Zu Deutsch: Rachereisen. Waren viele also lange Zeit eingesperrt oder durften nicht reisen, tun sie das, sobald es wieder möglich ist, dafür umso mehr, länger, intensiver. In Deutschland war das an Ostern beispielsweise schon der Fall, als 40'000 Very-Last-Minute-Bucher ihre Lieblingsinsel Mallorca überfluteten.

Laut einer Umfrage des internationalen Anbieters «G Adventures» bei 4462 Reisenden aus der ganzen Welt gaben 13 Prozent «Revenge Travel» als obersten Grund für ihre nächste Reise an. 53 Prozent gaben an, dass sie Ferien benötigen, um den durch die Pandemie verursachten Stress oder berufliche Überlastung abzubauen.

Psychologisch macht dieses Verhalten durchaus Sinn

Ob in China oder Amerika, renommierte Zeitungen wie die «New York Times» berichten von Familien, die sich Luxusklasse-Ferien auf den Malediven leisten, um den armen Kindern nach all den Monaten zuhause mal «was Richtiges» zu bieten. Oder von Instagram-Celebrities, die jetzt, wo sie geimpft sind, noch schneller an die Orte pilgern wollen, die vor der Krise bereits überfüllt waren – Venedig, Rom, Barcelona. Damit sie schon dort waren, bevor alle anderen wiederkommen.

Die psychologische Erklärung hinter dem Phänomen des «Revenge Travel»: Müssen Menschen plötzlich auf Dinge verzichten und empfinden ihre persönlichen Freiheiten als stark eingeschränkt, kommt es zu einem Gegeneffekt – einer Trotzreaktion. Der Fachbegriff lautet Reaktanz: Wir wollen überkompensieren, was uns vermeintlich weggenommen wurde. Und viele Menschen sehen im Reisen den ultimativen Freiheitsakt.

Im Moment ist vielerorts noch Ruhe vor dem Sturm – weil eine vierte Welle da ist und viele Reisebestimmungen sich trotz Impfung noch immer wöchentlich oder monatlich ändern. Die bleibende Unsicherheit und ein grosser Anteil nicht-geimpfter Schweizerinnen und Schweizer hält viele noch davon ab, ihren geplanten Urlaub so richtig nachzuholen.

Immerhin 30 Prozent der Schweizer fliegen kaum

Doch Experten gehen davon aus, dass Reisen explodieren werden, sobald sich die Lage stabilisiert. Vor allem auch, weil sich viele Menschen in der Pandemie klar darüber geworden sind, dass sich alles sehr schnell ändern kann. Die Weltreise, der Strandurlaub an einem exotischen Ort oder das Erlebnis-Wochenende waren Träume, die man zwar auf der Liste hatte, aber gerne auch mal aufschob. Jetzt heisst es: Lieber jetzt als nie. Wie aber passt das nun zu all den Menschen, die sagen, sie wollen weniger reisen, sich stärker um die Umwelt kümmern und achtsamer leben?

Tatsächlich hat der Öko-Trend auch die Reisebranche erreicht. Fast 30 Prozent der Schweizer geben in Umfragen an, Reisen prioritär mit dem Zug zu machen oder wenig bis gar nicht zu fliegen. Doch das ist immer noch eine Minderheit.

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