Pandemie
Forscher sagen, wie die Zukunft von Corona aussehen könnte – in drei Szenarien

Seit rund anderthalb Jahren stellt das Coronavirus die Welt auf den Kopf. Immer klarer ist geworden: Verschwinden wird es wahrscheinlich nicht mehr. Welche Szenarien erwarten Forscher stattdessen?

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Wie lange noch? Pflegende des Lausanner Uni-Spitals rüsten sich für einen Einsatz auf der Intensivstation.

Wie lange noch? Pflegende des Lausanner Uni-Spitals rüsten sich für einen Einsatz auf der Intensivstation.

Keystone

An den Gedanken muss man sich wohl oder übel gewöhnen: Fachleute gehen davon aus, dass das Coronavirus vorerst nicht ausgerottet werden kann. Aber wird die herausgehobene Stellung, die Sars-CoV-2 seit rund anderthalb Jahren einnimmt, irgendwann ein Ende haben? Welche Risiken drohen noch? Darüber hat ein Wissenschaftler-Team einen Beitrag für das Fachblatt «Nature» geschrieben.

Der Artikel beginnt zwar optimistisch mit der Aussage, dass es eine realistische Erwartung sei, die Pandemie dank der globalen Anstrengungen beim Impfen unter Kontrolle zu bringen. Das Autorenteam um Amalio Telenti und Davide Corti, das beim Pharma-Unternehmen Vir Biotechnology und verschiedenen Forschungsinstitutionen arbeitet, geht aber auch auf noch unabsehbare Entwicklungen und Unsicherheiten ein.

Drei Szenarien dargelegt

Von drei Szenarien, die das Team nennt, ist eines besonders beunruhigend: Dass die Menschheit die Pandemie eben doch nicht schnell kontrollieren könne und auch künftig mit schweren Verläufen und einer hohen Zahl an Infizierten zu kämpfen haben werde - was wiederum die Weiterentwicklung des Virus begünstigen könne.

Ein zweites und wahrscheinlicheres Szenario sei der Übergang von Corona in eine saisonale Krankheit wie die Grippe. Effektive Therapien wie etwa im Labor hergestellte Antikörper-Präparate könnten helfen, die Krankheitsschwere und die Rate der Spitalaufnahmen und Todesfälle massiv zu senken, schreiben die Autoren.

Welchen Einfluss hat Corona künftig auf die Spitalauslastung? Blick auf die Intensivstation des Kantonsspitals Baden.

Welchen Einfluss hat Corona künftig auf die Spitalauslastung? Blick auf die Intensivstation des Kantonsspitals Baden.

Alex Spichale

Grippe: Klingt harmlos, ist sie aber nicht

Eine künftig zu erwartende Vergleichbarkeit mit der Grippe äusserte auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, jüngst im «Handelsblatt»: «Es werden kontinuierlich Corona-Patienten auf den Intensivstationen landen, aber eben nicht in überdurchschnittlichen Zahlen wie in der Hochzeit der Pandemie. Das erleben wir auch bei der Influenza.»

Normale Grippe - das mag für manche harmlos klingen. Die Autoren des «Nature»-Beitrags erinnern jedoch daran, dass mit Influenza pro Jahr schätzungsweise mehrere Hunderttausend Todesfälle weltweit einhergehen. «Dies ist eine äusserst erhebliche gesundheitliche Belastung und entspricht einem relativ optimistischen Blick auf die Zukunft der Sars-CoV-2-Pandemie», halten sie zu diesem Szenario fest.

Als dritte - und wohl optimistischste - Option nennen die Autoren den Übergang von Corona in eine Krankheit mit vergleichsweise deutlich weniger schwerer Symptomatik, ähnlich bei den altbekannten Coronaviren. Diese zählen zu den klassischen Auslösern von Erkältungen. Mehrfach betonen die Autoren jedoch, dass es nicht möglich sei, sicher vorherzusagen, ob die Krankheitsschwere von Corona tatsächlich mit der weiteren Anpassung an den Menschen zu- oder abnimmt und wie lange eine solche Entwicklung dauern könnte.

Ausläufer der spanischen Grippe bis in die 1950er-Jahre

Eine irgendwann mögliche Entwicklung hin zu einem grippe- oder erkältungsähnlichen Erreger vielleicht mit Spitzen in den Wintermonaten dürfte nach Schätzung der Autoren jedenfalls nicht eintreten, bevor es unter anderem eine weiter verbreitete Immunität in der Bevölkerung gibt. Telenti und Corti blicken auch auf die Influenza-Pandemie von 1918/19: Nachkommen des Erregers H1N1 hätten noch bis in die 1950er Jahre hinein Epidemien hervorgerufen.

Auch die Entwicklung von Varianten, die dem Immunsystem von Geimpften und Genesenen entgehen können, bleibt laut dem Beitrag ein Risiko. Dadurch, dass die Pandemie derzeit in vielen Weltregionen nicht oder nur unvollständig unter Kontrolle sei, bestehe die Gefahr, dass sich mehr Virusvielfalt herausbilde. Solche Entwicklungen mit neuen Werkzeugen vorhersagen zu können, wäre laut den Autoren förderlich. Auch eine mögliche Rolle von Tierarten, in denen das Virus zirkulieren und sich weiter verändern könnte, heben sie hervor.

«Gute Gründe sprechen dafür, dass Sars-2 nicht mehr so viel auf Lager hat»

Sie halten jedoch fest, dass bisher eine relativ begrenzte Zahl an Mutationen unabhängig voneinander in mehreren Varianten auftauchte, was auf eine konvergente und möglicherweise eingeschränkte Evolution von Corona hinweise.

Das deckt sich mit Einschätzungen des Berliner Virologen Christian Drosten: «Es gibt aus virologischer Sicht gute Gründe anzunehmen, dass Sars-2 gar nicht mehr so viel mehr auf Lager hat als das, was es uns bisher zeigen konnte», sagte er kürzlich in einem Interview mit dem Schweizer Online-Magazin «Republik».

Christian Drosten.

Christian Drosten.

dpa

Corona-Experte Drosten rechnet auf lange Sicht damit, dass sich Sars-CoV-2 wie ein Erkältungs-Coronavirus verhalten werde. In den kommenden zwei bis vier Jahren seien Übergangszustände zu erwarten - das Virus werde Impflücken nutzen, sagte er Ende Mai in einer Anhörung im Parlamentarischen Begleitgremium Covid-19-Pandemie des Bundestags. (dpa/mwa)

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