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Nicht alles, was wir glauben, erlebt zu haben, ist wahr – warum sich unser Gedächtnis so leicht manipulieren lässt

Menschliche Erinnerungen an unsere Erlebnisse können trügerisch sein.

Menschliche Erinnerungen an unsere Erlebnisse können trügerisch sein.

Erinnerungen verändern sich jedes Mal, wenn wir sie abrufen. Das Hirn lässt sich sogar komplett erfundene Ereignisse einpflanzen. Was vor Gericht ein Albtraum ist, hat im Alltag auch Vorteile.

Ohne Erinnerungen sind wir verloren. Wer aus dem Koma erwacht und sich an nichts erinnert, den erschüttert das zutiefst. Wir brauchen Erinnerungen, um uns in der Welt zurechtzufinden, um zu wissen, wer wir sind und wo wir hingehören.

Und wir haben grosses Vertrauen in unsere Erinnerungen. So geben Menschen im Zeugenstand vor Gericht ihr edles Versprechen:

Das setzt voraus, dass die Erinnerung exakt der Wahrheit entspricht. Aber Erinnerungen sind nichts Konstantes, sie werden verfälscht – und ergänzt. Für Patienten, die ohne Erinnerung aus dem Koma erwachen, ist das ein Glück. In vielen Spitälern wird für solche Patienten ein Tagebuch geführt. Lesen sie später, was mit ihnen und um sie herum passiert ist, können sie die Lücken im Gedächtnis füllen. Die Erzählung verschmilzt mit ihren eigenen Erinnerungen.

Exakt meinen wir, uns an dramatische, emotionale Ereignisse zu erinnern. Die Erinnerung hat sich in mein Gehirn eingebrannt, sagen wir zum Beispiel über die Terroranschläge vom 11. September 2001. Viele Leute können noch heute, fast zwanzig Jahre später, genau beantworten, wo und wann sie von den Attacken erfahren haben.

Doch als Armin Schnider, Professor am Departement für klinische Neurowissenschaften der Universität Genf, die Frage in seinem Team stellte, erhielt er von einer Person eine überraschende Antwort: Sie habe vormittags ungefähr um halb elf davon erfahren.

Das konnte nicht sein. Als die Flugzeuge in die Twin Towers rasten, war es in der Schweiz bereits Nachmittag. Für Schnider gibt es eine plausible Erklärung für die Zeitverschiebung in der Erinnerung dieser Person:

In den USA war tatsächlich Vormittag, und dies wurde uns in den Berichten via TV, Radio, Internet übermittelt.

In den Bildern, die um die Welt gingen, war es Vormittag. Die Schweiz hat eine Zeitverschiebung von sechs Stunden.

In den Bildern, die um die Welt gingen, war es Vormittag. Die Schweiz hat eine Zeitverschiebung von sechs Stunden.

Die in den Medien gezeigte Realität vermischte sich in der Erinnerung dieser Person mit dem, was sie selber erlebt hatte.

Kindheitserinnerungen sind recht leicht manipulierbar

Wir stellen uns Erinnerungen vor wie Fotografien, exakte Abbilder der Realität, die in einer Schublade in unserem Hirn abgelegt werden und bei Bedarf hervorgeholt werden können. Doch der Vergleich ist falsch. Erinnerungen verändern sich mit jedem Mal, wenn wir sie hervorholen – wie Figürchen aus weicher Knetmasse, die sich bei der Berührung verformen.

Wie stark sich die Erinnerungen formen lassen, zeigten die Psychologinnen Kimberley Wade und Maryanne Garry in einem Experiment im Jahr 2002 – das Zeitalter von Photoshop hatte gerade begonnen. Sie befragten zwanzig Studierende der Victoria University of Wellington in Neuseeland mehrfach zu deren Erinnerungen an bestimmte Kindheitserlebnisse, zu denen sie ihnen jeweils eine Fotografie vorlegten, die sie angeblich von den Eltern erhalten hatten.

Am Ende des Versuchs, als sie zum dritten Mal befragt wurden, konnten sich die Hälfte der Studierenden zumindest teilweise an eine Heissluftballonfahrt erinnern. Eine Person sagte zum Beispiel: «Ich bin ziemlich sicher, dass meine Mutter vom Boden aus ein Foto machte.» Doch die Ballonfahrt hatte nie stattgefunden. Die vermeintliche Erinnerung basierte auf einer gefälschten Fotografie.

Auf ähnliche Weise könnte sich erklären, weshalb sich manche Menschen angeblich an Ereignisse aus den ersten beiden Lebensjahren erinnern. Nach aktuellem Stand der Neurowissenschaften kann das Gehirn in diesem Alter unmöglich Langzeiterinnerungen abspeichern. Doch so manche vermeintliche Kindheitserinnerung passt eins zu eins zu einem Foto im Album. Statt ans Ereignis erinnert sich die Person möglicherweise nur ans Foto. Oder an das, was die Eltern zu diesem Ereignis erzählt haben. Oder an das, was sich das eigene Gehirn im Nachhinein dazu ausgemalt hat. Armin Schnider erklärt:

Wahre und falsche Erinnerungen werden auf dieselbe Weise in der Hirnrinde abgespeichert. Selbst im Hirnscan per Magnetresonanztomografie (MRI) zeigt sich beim Abrufen der Erinnerungen kein Unterschied zwischen echt und unecht.

Im Privaten führt das zu den typischen Reiseberichten eines Ehepaars, bei denen die eine Person erzählt, während die andere mit mehr oder weniger geduldigen Einwürfen die vermeintlichen Fehler korrigiert. Heikel wird es vor Gericht, wo falsche Erinnerungen zur Verurteilung Unschuldiger und zum Freispruch von Kriminellen führen können.

Falschaussagen vor Gericht sind nicht immer gelogen

Zeuginnen und Zeugen sind anfällig für Beeinflussung, die oft sogar unbewusst geschieht. Das beginnt mit der Fragestellung. In einem Experiment wurde beispielsweise eine Filmsequenz eines Autounfalls gezeigt. Anschliessend musste das Publikum schätzen, wie schnell die beiden Fahrzeuge beim Zusammenstoss gewesen waren.

Auf die Frage, mit welchem Tempo die Autos zusammenprallten («smashed»), ergaben die Antworten im Schnitt 66 Stundenkilometer. Wurde dagegen gefragt, mit welchem Tempo sie in Kontakt kamen («contacted»), waren es nur 50 Stundenkilometer.

Bei der Polizei wird das Personal deshalb darauf geschult, nicht mit Fragen zu lenken. «Bei Befragungen dürfen grundsätzlich keine Suggestivfragen gestellt werden», sagt Franziska Schubiger, Chefin der Ermittlungsabteilung Allgemeine Kriminalität bei der Zürcher Kantonspolizei. «Sich konsequent daran zu halten, ist aber sehr schwierig; man muss ständig aufpassen.»

Zeugen würden jeweils zuerst zum freien Berichten aufgefordert. Erst danach würden mit Fragen Unklarheiten geklärt. Diese werden nach Möglichkeit offen formuliert – also nicht «Trug die Frau einen Mantel?», sondern: «Wie war die Frau gekleidet?» Schubiger sagt weiter:

Denn auch in der Partnerschaft, in der Familie, in der Therapie werden Fragen gestellt, welche das Gedächtnis beeinflussen. Es sind sogar Fälle bekannt, wo komplett falsche Erinnerungen durch eine Therapie eingepflanzt wurden. Das kann etwa durch Suggestionsverfahren wie Hypnose geschehen. Eine Frau in den USA war zum Beispiel durch Psychotherapie zur falschen Überzeugung gelangt, sie habe Säuglinge verspeist, sei vergewaltigt worden, habe Sex mit Tieren gehabt und einen Mord mit ansehen müssen.

So verheerende Folgen solche falschen Erinnerungen haben können, so wichtig ist es, tatsächliche Delikte zu erkennen und ahnden zu können. Den Entscheid über Schuld oder Unschuld trifft in den USA jeweils ein Geschworenengericht aus per Los bestimmten Laien. Das hält Armin Schnider für bedenklich: «Die Laienjury lässt sich davon beeinflussen, wie sicher die Zeugen vor Gericht in ihrem Auftreten wirken. Doch Menschen können sich einer falschen Erinnerung ebenso sicher sein wie einer richtigen.»

In den USA entscheidet eine Laienjury manchmal über gewichtige Fragen: Auch die Todesstrafen wurde von ihr schon verhängt.

In den USA entscheidet eine Laienjury manchmal über gewichtige Fragen: Auch die Todesstrafen wurde von ihr schon verhängt.

Die Zeit nagt an den Erinnerungen

Einige Hinweise auf die Plausibilität von Zeugenberichten gibt es aber schon. So sind die Berichte bei ersten Befragungen weit zuverlässiger als spätere. Denn erstens stellt jede Befragung einen Einfluss dar, welcher die Erinnerung verfälschen kann. Und zweitens spielt es eine grosse Rolle, wie viel Zeit seit einem Erlebnis vergangen ist. Flüchtige Erinnerungen, die lange zurückliegen, sind weit anfälliger auf äussere Einflüsse.

Auch Franziska Schubiger von der Kantonspolizei Zürich beobachtet: «Die Abweichungen von den verifizierbaren Fakten hängen stark davon ab, wie lange ein Vorfall zurückliegt.» Doch selbst wenn Befragungen unmittelbar nach einem Vorfall stattfinden, können sich die Berichte verschiedener Personen stark unterscheiden.

Das muss aber nicht unbedingt mit dem Gedächtnis zusammenhängen. Denn bereits beim Beobachten eines Ereignisses können wir dieses verfälschen. «Wir nehmen wahr, was wir wahrnehmen wollen», sagt Armin Schnider. Das Gehirn hat schon im Voraus Erwartungen und ergänzt damit den Sinneseindruck. Wer hat nicht schon nachts in einem Stein oder Ast ein Gesicht zu erkennen gemeint?

Das öffnet aber auch Vorurteilen Tür und Tor. Dem Verbrecher, dessen Kopf im Halbschatten liegt, verpasst unser Gehirn flugs die Gesichtszüge oder Hautfarbe jener Volksgruppe, die wir mit hoher Kriminalität assoziieren. Die Verschmelzung von Beobachtung und Assoziation speichern wir als Ganzes im Hirn ab, sie wird zu einer einzigen Erinnerung, die uns höchst plausibel erscheinen kann.

Diese unpräzise Arbeitsweise unseres Gehirns ist aber nicht immer schlecht. Im Gegenteil, sie kann äusserst effizient sein. Denn vielfach sind die unbewussten Ergänzungen des Gehirns durchaus treffend. Das ermöglicht uns zum Beispiel, handschriftliches Gekritzel flüssig zu lesen, obwohl die einzelnen Striche nur entfernte Ähnlichkeit mit Buchstaben haben.

Nur dank der unpräzisen Arbeitsweise unseres Gehirns lesbar: Ein früher Entwurf von John Lennons  Song «A Day In The Life».

Nur dank der unpräzisen Arbeitsweise unseres Gehirns lesbar: Ein früher Entwurf von John Lennons Song «A Day In The Life».

Für die Problemlösung müssen Erinnerungen ergänzt werden

Auch dass die Erinnerungen im Gehirn flexibel bleiben, ist biologisch sinnvoll. So können wir die abgespeicherten Informationen jedes Mal anpassen, wenn wir neue Erfahrungen machen. Und falls wir dabei auch noch die Berichte von anderen Personen einbeziehen, gibt sich ein umso grösseres Gesamtbild. Einzelne Details mögen darin nicht korrekt sein, doch zum Erkennen der grösseren Zusammenhänge taugt es.

Nicht zuletzt macht die Fähigkeit, Beobachtungen durch Vorstellungskraft zu verändern und zu ergänzen, einen Teil unserer Intelligenz aus. Sie ermöglicht es uns, kreative Lösungen für Probleme in unserem Leben zu finden. Obwohl es weniger exakt arbeitet, ist das menschliche Hirn in dieser Hinsicht den Computern noch weit voraus.

Dass uns das Gehirn durch komplett falsche Erinnerungen in die Irre führt, kommt dagegen sehr selten vor. Auch die gezielten Manipulationen, wie sie in psychologischen Experimenten vorgenommen wurden, haben ihre Grenzen. Wäre den Studierenden im geschilderten Beispiel eine Ballonfahrt im vergangenen Jahr vorgegaukelt worden, hätte niemand sich daran zu erinnern geglaubt. Das Hirn checkt Informationen zuerst auf ihre Plausibilität, bevor es sie akzeptiert.

Kleinere Abweichungen zwischen Erinnerung und Fakten sind also im Alltag kein Grund zur Beunruhigung, sondern widerspiegeln die normale Arbeitsweise des Gehirns, die sich über die Menschheitsgeschichte bewährt hat. In der Justiz aber müssen wir das Gedächtnis als unzulänglich betrachten. «Die Natur hat die Gedächtnisfunktion entwickelt, um sinnvolles Handeln zu ermöglichen», sagt Schnider, «aber nicht, um präzise Aussagen zu Gerichtsfällen zu machen.»

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