Neues Buch
Sind Katastrophen vorhersehbar? So ordnet Historiker Niall Ferguson die Corona-Pandemie ein

Der britische Historiker Niall Ferguson geht der Frage nach, wann Katastrophen vorhersehbar sind. Es geht um schwarze Schwäne, graue Nashörner und Drachenkönige.

Christoph Bopp
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Der grosse Tag des Zorns, den John Martin Year zwischen 1851 und 1853 in Öl verewigte.

Der grosse Tag des Zorns, den John Martin Year zwischen 1851 und 1853 in Öl verewigte.

Bild: Tate Britain

Wenn es zu Katastrophen kommt, dann waren sie unvorhersehbar. Dies bleibt natürlich wahr, auch wenn bei einigen (den meisten?) der Katastrophen in der menschlichen Geschichte Vor- und Warnzeichen unübersehbar gewesen waren. Warum liegt Neapel am Fuss des Vesuvs? Warum leben so viele Menschen dort? Warum startete Napoleon seinen Russlandfeldzug? Warum hat im Sommer 1914 niemand erkannt, dass sich da etwas Grösseres zusammenbraut?

Es gibt katastrophische Ereignisse, bei denen sich kaum glaubhaft vertreten lässt, sie wären eigentlich vorhersehbar gewesen. Zum Beispiel der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert. Obwohl es schon unzählige Massensterben gegeben hat, von denen wenigstens die Gebildeteren hätten wissen müssen. Im Rückblick ist es denn auch schlüssig: Man hat mit einer solchen Seuche rechnen müssen, wenn die Kontinente zusammenrücken, wenn der Mensch seine Handelsrouten in immer neue Gefilde vortreibt.

Aber wer hätte eine solche Warnung vorbringen können? Das Vorbild liefert Kassandra, die Seherin, welche die Trojaner warnt, das Pferd nicht in die Stadt hineinzubringen. Ihr Ruf blieb ungehört. Wohl auch deswegen, weil man ihn gerade nicht hören wollte. Endlich war der Krieg vorbei, jetzt war die Stunde des Feierns, nicht der Angst.

Niall Ferguson Britischer Historiker und Buchautor

Niall Ferguson
Britischer Historiker und Buchautor

Bild: Keystone

Niall Ferguson stellt sich die Frage in seinem neuen Buch auch. Warum gerade jetzt ein Buch über Katastrophen? Mitten in der Pandemie? Kommt es zu spät oder zu früh? Zu früh sicher nicht, schreibt der britische Historiker, wenn man doch nicht sicher sein kann, wann eine Pandemie wirklich vorüber ist. Nur drei der zehn Kapiteln handeln von der Corona-Pandemie. Sie zeigt natürlich eindrücklich, wie es kommt, dass man eigentlich vorbereitet ist, aber trotzdem in der Bewältigung versagt.

Shit happens – weil es halt manchmal sehr komplex wird

Historiker beschäftigen sich natürlich besonders gern mit Katastrophen, die einen Wendepunkt bedeuten. Sie sind dabei nicht sehr hilfreich, kritisiert Ferguson die eigene Zunft, weil sie die jeweiligen Katastrophen als Konsequenz langfristiger Entwicklungen erklären. Der Erste Weltkrieg ist dann eine Folge der deutschen Flottenaufrüstung und der französisch-russischen Annäherung. Ereignisse, die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben. Für Historiker sind solche Erklärungen plausibel, weil sie Komplexität nicht verstehen. «Extremereignisse, mit denen sich Historiker so gern beschäftigen, sind nichts anderes als Störungen und manchmal auch komplette Zusammenbrüche komplexer Systeme», schreibt Ferguson.

Das Attentat von Sarajewo, das den Ersten Weltkrieg auslöst, gleicht dem Schmetterling des Professors Lorenz, der mit einem Flügelschlag im brasilianischen Dschungel auf der anderen Seite des Globus einen Wirbelsturm verursacht. Natürlich lassen sich politische und Wirtschaftssysteme, Gesellschaftssysteme überhaupt, als komplexe Systeme darstellen. Aber sie haben einen wesentlichen Anteil in menschlichem Handeln. Und man darf die Frage nach der Verantwortung stellen. War die wilhelminische Flottenpolitik verantwortungslos?

Niall Ferguson: Doom. Die grossen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft. DVA München 2021. 592 S., Fr. 42.90.

Niall Ferguson: Doom.
Die grossen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft.
DVA München 2021. 592 S., Fr. 42.90.

Bild: zvg

Diese Frage ist schwieriger zu beantworten als das andere Beispiel von Ferguson: Die Finanzkrise 2007/2008 wurde ausgelöst durch den Zusammenbruch des Immobilienmarkts in den USA und dem damit zusammenhängenden Ausfall der Ramschhypotheken. Das ist unbestritten, reicht aber zeitlich bis in die 1970er-Jahre zurück. Dass das Finanzsystem anfälliger gemacht worden ist für solche Störungen durch die Deregulierung der Finanzmärkte – hätte man das nicht wissen müssen und dieses Risiko nicht eingehen sollen? Ferguson hält solche Überlegungen für Fehlschlüsse.

Menagerie des Herrn Ferguson: Drei Typen von Katastrophen

Komplexität ist eine nicht ganz einfache Sache, Historiker sind nicht die einzigen, die nicht so gut damit umgehen können. Ein anderes Bild von Ferguson erhellt mehr: «Die Geschichte der Katastrophen ist ein schlecht gemanagter Zoo voller grauer Nashörner, schwarzer Schwäne und Drachenkönige …»

«Graue Nashörner» (so der Titel eines Buches der US-Politanalystin Michelle Wucker) sind gefährliche, aber offensichtliche Katastrophen, mit denen man rechnen muss: Hurrikan Katrina, die Finanzkrise von 2008, Cyberangriffe oder Waldbrände. «Schwarze Schwäne» (der Ausdruck stammt von Nassim Taleb) sind Ereignisse ausserhalb des Bereichs regulärer Erwartungen, sie fügen sich nicht der statistischen Normalverteilung.

Nachdem Hurrikan Katrina im August 2005 in den USA wütete, sah man noch Monate später Spuren der Verwüstung.

Nachdem Hurrikan Katrina im August 2005 in den USA wütete, sah man noch Monate später Spuren der Verwüstung.

Bild: Matthias B. Krause

Der Erste Weltkrieg wurde zum Schwarzen Schwan, weil er nicht «an Weihnachten» zu Ende war, sondern sich zu einem nicht mehr kontrollierbaren Konflikt entwickelte, der erst durch Erschöpfung endete. Zu den Schwarzen Schwänen gehören Börsenkurse und dergleichen. «Drachenkönige» sind laut dem französischen Geophysiker Didier Sornette extreme Ereignisse, die aus allen Verteilungen herausfallen. Sie entwickeln sich nach durchschaubaren ­Gesetzmässigkeiten, aber die Vorstufen lassen sich schlecht lesen: Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis.

Covid-19 wurde zum Schwarzen Schwan, weil Regierungen und Institutionen überfordert waren. Es wurde zu wenig schnell, zu wenig koordiniert und zu wenig konsequent gehandelt. Ferguson macht sich aber auch Überlegungen zu den geopolitischen Entwicklungen: Wie wird die USA-China-Kontroverse ausgehen? Lässt sie sich managen oder artet sie in eine kriegerische Katastrophe aus? Eher überraschend sieht Ferguson die USA in der Favoritenrolle. Kalter Krieg ja, aber anders als der erste, der immer zu einem heissen zu werden drohte. Freiheitliche Systeme haben in einem Konflikt auf wissenschaftlich-technischem Feld die besseren Karten. Das immerhin ist tröstlich.

Niall Ferguson: Doom. Die grossen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft. DVA München 2021. 592 S., Fr. 42.90.