Neue Studie
Verstädterung und Klimawandel: Einwandernde Pflanzen sind die grössten Gewinner

Der Vergleich der heutigen Pflanzenwelt mit jener in den Jahren 1900 bis 1930 zeigt, welche Arten sich wo durchsetzen. Schweizer Forscher zeigen wer zu den Gewinnern und Verlierern gehört.

Bruno Knellwolf
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Der aus Ostasien stammende Götterbaum (Ailanthus altissima) breitet sich entlang von Autobahnen und in urbanen Gebieten aus.

Der aus Ostasien stammende Götterbaum (Ailanthus altissima) breitet sich entlang von Autobahnen und in urbanen Gebieten aus.

Imago

Gewinner und Verlierer gibt es immer. Auch beim Klimawandel und auch durch die Veränderung der Landschaft. Das zeigt eine Untersuchung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der Universität Zürich. Verglichen wurden der jetzige Zustand der Pflanzenwelt im Kanton Zürich mit jenem zwischen 1900 und 1930. Verlierer innerhalb der gut hundert Jahre sind dabei die einheimischen Pflanzen der Feuchtgebiete und jene der mageren Wiesen. Also jener Wiesen, die nicht intensiv bewirtschaftet und gedüngt werden.

Zu den Verlierern gehören mehrere Enzianarten, die vor 100 Jahren in Trocken- und Feuchtwiesen noch anzutreffen waren. Sie sind grösstenteils sehr selten geworden oder gar verschwunden. «Mit dem Verlust sehr vieler Feuchtwiesen im Kanton Zürich sind auch die Wollgräser mit ihren von weitem erkennbaren, leuchtend weissen Wollschöpfen rar geworden», sagt Thomas Wohlgemuth von der WSL.

Neophyten haben sich viel stärker ausgebreitet als einheimische Pflanzen

Die Gewinner von Klimawandel und veränderter Landnutzung sind dagegen die eingewanderten, nicht einheimischen Arten, Neophyten genannt. Dazu gehört zum Beispiel der aus Asien stammende Götterbaum, der sich entlang von Autobahnen und in urbanen Gebieten ausbreitet. Die Neophyten profitierten überdurchschnittlich – 66 Prozent der nicht einheimischen Pflanzen konnten sich in der Zeit zwischen den historischen und den aktuellen Erhebungen ausbreiten. Von den einheimischen Arten gelang dies weniger als zehn Prozent.

Je röter das Gebiet, desto mehr haben sich Neophyten durchgesetzt.

Je röter das Gebiet, desto mehr haben sich Neophyten durchgesetzt.

WSL/Daniel Scherrer

Unter den Gewinnern ist der Schmetterlingsstrauch, der sich in den Waldöffnungen, auf Ödland und an Ufern von Gewässern ausbreitete. Er gilt als invasiv und steht deshalb auf der Schwarzen Liste. In Rasen, Wiesen und Weinbergen ist heute fast überall der kleinwüchsige Faden-Ehrenpreis zu finden, ein Chatzeäugli aus Südwestasien. Erstmals wurde die Art 1928 im Kanton Zürich gemeldet. «Die Beeren der aus dem Kaukasus stammenden Gartenbrombeere ist winterfest und wird durch Vögel ausgebreitet, weshalb diese Art ebenfalls als Schwarze Liste-Art gilt», erklärt Wohlgemuth.

Ein Blick auf die Neophyten-Karte, welche der WSL-Forscher Daniel Scherrer für den Kanton Zürich erstellt hat, zeigt deutlich, dass sich die Neophyten am meisten im Grossraum der Stadt Zürich und rund um Winterthur und Uster ausbreiten. Neophyten mögen gemäss den Untersuchungen warme, trockene und nährstoffreiche Lebensräume. Ihr gehäuftes Auftreten in den entsprechenden Gebieten spiegle die Intensivierung der Landwirtschaft und die zunehmende Verstädterung sowie die damit verbundene Trockenlegung vieler Feuchtgebiete.

Neophyten mögen es zwei Grad wärmer

Zeigen konnten die Forscher, dass die Neophyten im Flachland gegenüber den einheimischen Arten eine Vorliebe für eine um 1,8 Grad höhere Temperatur haben. Dieser Temperaturunterschied entspricht genau etwa der seit der vorindustriellen Zeit gemessenen Temperaturerhöhung im Kanton Zürich.

Studienleiter Daniel Scherrer sagt:

«Die Neophyten haben klar von der Erwärmung und Landnutzungsänderung im 20. Jahrhundert profitiert.»

Präziser ausgedrückt, heisst das, dass jene Neophyten, welche erfolgreich waren und sind von den neuen Bedingungen profitiert haben. Es gab auch unter den Neophyten Verlierer, die zwar in die Schweiz eingeschleppt wurden, sich aber nicht weiträumig etablieren konnten. «Zum Beispiel auch viele Gartenpflanzen. Unsere Daten zeigen also, dass viele der erfolgreichen Neophyten bereits an die zukünftigen Bedingungen von Zürich angepasst sind, da sie aus wärmeren und trockneren Gebieten stammen», sagt Scherrer. Und diese gehören oft wie der Götterbaum zu den Ruderalpflanzen, zu Pflanzen die gestörte, unwirtliche Lebensräume wie Strassenränder mögen.

«Viele Pflanzenarten werden eingeführt, und viele konnten sich bisher wegen tiefer Wintertemperaturen nicht dauerhaft etablieren. So zum Beispiel die Hanfpalme und der Feigenbaum, die sich nur langsam ausbreiten, beispielsweise in warmen Stadgebieten», sagt Thomas Wohlgemuth. Andere, frosttolerante Arten aus wärmeren Regionen ertragen etwas Kälte, profitieren aber vor allem, wenn es warm ist oder im Winter nicht zu kalt. Sie können sich rascher akklimatisieren und viele Populationen bilden. Ihnen hilft die Ausbreitung durch Vögel so wie der Garten-Brombeere und durch Wind, zum Beispiel entlang von Autobahnen und Verkehrswegen wie der Götterbaum.

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