Mode
Bitte unbefleckt: Männer jenseits der 30er sollten keine bedruckten T-Shirts mehr tragen – auch nicht im Homeoffice

Unser Autor ist schon sein Leben lang auf der Suche nach dem perfekten Leibchen: Irgendetwas passt nie so ganz. Eine Anleitung zu mehr Stil.

Raffael Schuppisser
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Marlon Brando hat das T-Shirt populär gemacht.

Marlon Brando hat das T-Shirt populär gemacht.

Bild: DPA

Zweifellos wäre es gut, Lebensweisheiten zu folgen. Doch irgendwann werden die meisten unpraktikabel. So auch der einstige Ratschlag meines Turnlehrers Arrigoni: «Kein Bier vor vier!» An einen habe ich mich aber ziemlich konsequent gehalten: Ein Mann jenseits seiner 30er-Jahre trägt keine bedruckten T-Shirts. Wer ihn mir mit auf den Weg gegeben hat, weiss ich nicht mehr. Doch wenn ich am Morgen vor dem Kleiderschrank stehe und meine Hand aus Versehen ins falsche Fach greift, geistert er mir durch den Kopf.

Zu meiner Garderobe gehört nämlich ein beachtlicher Stapel weisser T-Shirts mit Prints. Zu den Lieblingsleibchen gehört eines mit Velomotiv und der Aufschrift «I Love The Morning Ride», das Retro-Shirt von Puma mit der Nummer 7 und jenes mit dem «Space Invaders»-Aufdruck aus Amsterdam. Ich liebe diese Leibchen – und fühle mich mit ihnen manchmal ganz schön allein.

T-Shirts mit Print sind immer verkappte Werbebotschaften und gehören sich nicht

Murakami: «Gesammelte T-Shirts».

Murakami: «Gesammelte T-Shirts».

Bild: DuMont, 188 Seiten

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass auch der japanische Schriftsteller Haruki Murakami ein Faible für T-Shirts hat. Jüngst hat er das Büchlein «Gesammelte T-Shirts» herausgegeben, in dem er seine liebsten Stücke abbildet und mit Witz beschreibt. Doch zu meinem Schrecken sammelt Murakami T-Shirts mit Prints nicht nur, er trägt sie auch! Und das mit 80 Jahren! Er sagte kürzlich in einem Interview:

«Das spielt doch kaum eine Rolle. Im Grunde trage ich dieselbe Kleidung wie früher.»

Oh weh! Murakami ist mit seinen kurzen, präzisen Sätzen ein Stilist der Sprache, offenkundig aber nicht der Mode. Das sieht man rasch, wenn man den Band durchblättert. Wer hat denn so wenig Selbstachtung, dass er ein T-Shirt im Stil von Heinz-Ketchup (mit der Aufschrift: «Ich tue Ketchup auf mein Ketchup») oder von Volkswagen trägt?

Bild: DuMont

Als ich als junger Journalist (also diesseits der 30er) an Computerspielmessen gereist bin, habe ich mich immer über die Berufskollegen (Influencer gab es damals noch nicht) gewundert, die Shirts mit Game-Figuren trugen und sich, um ein weiteres zu ergattern, johlend vor eine Bühne stellten, auf der eine Dame Leibchen in die Menge warf. Bald erkannte ich, dass das keine Eigenart der Spezies Gamer ist. Musikjournalisten tragen Shirts von Iggy Pop & The Stooges, den Beatles – und natürlich Nirvana.

Ein unifarbenes T-Shirt zeugt von Stil – am besten weiss

Sie alle sollten sich jedoch über eine Tatsache im Klaren sein: Wer ein bedrucktes T-Shirt trägt, wird zur Werbefigur. Ich würde es tun, wenn die Bezahlung stimmte. Seit ich 30 bin, trage ich nur noch unifarbene Shirts – vorzugsweise weiss. Klar, das kann man langweilig finden wie jüngst eine Kollegin, auf deren modischen Rat ich viel gebe. Sie gab aber ohne Umschweife zu, dass sie die bedruckten Shirts ihres Mannes peinlich findet.

Um sich weder Peinlichkeiten noch stilistischen Unsicherheiten auszusetzen, trägt Facebook-Gründer Marc Zuckerberg tagtäglich ein graues T-Shirt – sofern er sein Unternehmen nicht gerade vor einem politischen Ausschuss im Senat in Schale und Krawatte verteidigen muss.

Bild: AP Photo/Eric Risberg

Er möchte sich nicht jeden Tag entscheiden müssen, was er anziehen solle, sagt Zuckerberg, deshalb greife er stets zu ebendiesem grauen Shirt. Ein guter Entscheid.

Denn ein unifarbenes T-Shirt zeugt im Gegensatz zu einem bedruckten von Stil. James Dean wäre nie und nimmer zur männlichen Ikone geworden, wenn er im Film «... denn sie wissen nicht, was sie tun» ein Shirt mit dem Logo von Heinz Ketchup getragen hätte. Und die Karriere von Marlon Brando wäre nie ins Rollen gekommen, wenn er in «Endstation Sehnsucht» in einem verschwitzten Volkswagen-Shirt aufgetreten wäre.

Bild: DPA

Freilich, damals hat es Prints auf Shirts noch gar nicht gegeben. Sie wurden noch Unterhemden genannt und wurden folglich unter den Hemden getragen. Sie offen zur Schau zu stellen, war neu. Es war die Sternstunde des T-Shirts. Dass es im Laufe der Zeit zum Werbeplakat degradiert wurde, hat es nicht verdient.

Das unifarbene T-Shirt, unter dem Sakko getragen, ersetzt das Hemd. Die Kombination zeugt gleichzeitig von Noblesse und Lockerheit. Und dann kann man das Sakko auch mal lässig wegschälen und sich im gut sitzenden Shirt präsentieren wie Jogi Löw, der ehemalige Bundestrainer.

Bild: DPA

Für Männer gilt also: flugs zurück zum unbefleckten T-Shirt. Es besinnt sich auf seine eigentlichen Werte: Schnitt und Stoff. Doch damit taucht schon das nächste Problem auf. So ähnlich sich zwei weisse Shirts auch scheinbar sind, so verschieden sind sie bei genauerer Betrachtung. Es gibt beim Shopping nichts Schwierigeres, als ein passendes weisses Shirt zu finden.

Die Ärmel dürfen nicht herausstehen, der Bauch sich nicht abzeichnen

Der Stoff sollte eine gewisse Dicke haben, sodass sich die Brustwarzen nicht abzeichnen wie bei den Batman-Kostümen von Adam West. Der Hals darf ruhig ein bisschen grosszügig ausgeschnitten sein, aber nie in V-Form. Die Ärmel sollten mindestens die erste Hälfte der Oberarme bedecken und dürfen nie abstehen wie kleine Flügel, aber ebenso wenig Muskel und Fett abzeichnen wie in Plastikfolie vakuumierte, mit Antibiotika behandelte Pouletschenkel.

Ein gutes unterscheidet sich von einem durchschnittlichen Shirt in der Passform an Brust und Bauch. Oben darf es ruhig ein bisschen spannen, den Bauch soll es nicht abzeichnen. In seiner Länge muss es die Taille klar passieren und das Gesäss fast gänzlich überdecken. Das schaffen längst nicht alle Shirts. Die wahre Herausforderung kommt aber erst: Die Leibchen dürfen am Saum nie – aber wirklich nie – herausstehen. Gefühlt 90 Prozent tun es aber. Sie öffnen sich gegen unten wie ein auf den Kopf gestelltes V.

Der Trick besteht darin – ich habe das jüngst mit einem befreundeten und bisschen berühmten Designer besprochen –, dass die Passform gegen unten wieder verjüngt wird, analog zur Wölbung des Pos.

Der Preis ist kein Qualitätsgarant: Über 50 Franken sollte man nie zahlen

Leider verstehen das die wenigsten Modelabels. Ich habe schon Shirts für über 70 Franken anprobiert, die sich von einem (weissen) Kartoffelsack nicht unterschieden. Auf die Marken kann man übrigens nicht gehen. Ärgerlicherweise ändern sie ihre Schnitte ständig.

Ich hatte einmal ein fantastisch sitzendes PKZ-Shirt. Leider wurde es eingestellt und neue, weit abstehende Modelle produziert. Ein weiteres Ärgernis sind die wenig dezent angebrachten Markenlogos. Am schlimmsten sind die Amerikaner: Calvin Klein mit dem riesigen CK auf der Brust geht gar nicht, aber auch Tommy Hilfiger gibt’s nicht ohne Logo. Wenn schon ein Markenschild, dann dezent am Ärmel oder auf der Seite am Saum platziert.

Der Preis sagt übrigens wenig über die Qualität aus. Ich habe schon bei Manor für unter 20 Franken ein passendes Shirt gekauft, nur bei H&M wurde ich nie fündig. Mehr als 50 Franken, so habe ich mir geschworen, zahle ich für ein Shirt aber auch nicht. Schliesslich sind T-Shirts Verbrauchsmaterial. Sie leiern aus und bekommen Flecken. Für den modeaffinen Mann ist es deshalb die Sisyphusaufgabe der Moderne: Ein weisses T-Shirt zu finden, das passt.