Kirchengeschichte
Papst Martin I.: Sein Eifer gegen eine «Irrlehre» machte ihn zum Märtyrer

Dieser Tage gedenken die Katholische wie die Orthodoxe Kirche Papst Martin I. Das einst als Märtyrer verehrte Kirchenoberhaupt hat sich im 7. Jahrhundert gegen den Kaiser aufgelehnt und ist wegen Verrats verurteilt worden.

Andreas Faessler
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Der heilige Papst Martin I., Medaillon mit Konterfei in der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom.

Der heilige Papst Martin I., Medaillon mit Konterfei in der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom.

Bild: PD

Die Christologie befasst sich mit der Person des Jesus von Nazareth. Die Lehre fragt nach dem Wesen Jesu, nach seiner Identität. Innerhalb dieser christologischen Auseinandersetzung mit der Natur des Gottessohnes war der sogenannte Monotheletismus eine am Übergang der Spätantike ins frühe Mittelalter höchst umstrittene dogmatische Lehre.

Sie besagte im Kern, dass Jesus Christus als Wesen aus Fleisch und Blut eine menschliche wie auch eine göttliche Natur habe, jedoch nur einen (mono) allein von Gott vorgegebenen Willen (thelema). Die monotheletistische Lehre war vom byzantinischen Kaiser Heraklios begründet und verbreitet worden. Ihr gegenüber stand die Lehre eines göttlichen wie auch eines menschlichen Willens in Christus.

Papstweihe ohne kaiserliche Bestätigung

Einer der eifrigsten Gegner des Monotheletismus, dieser als ­häretisch angesehene «Ein-Willen-Lehre» als Auffassung des Wesens Jesu Christi, war Papst Martin I. (ca. 600–655), dessen Gedenktag die Kirche am 13. ­respektive 14. April feiert. Martins Kampf gegen diese «Irrlehre» sollte für ihn schliesslich schicksalbestimmend sein.

Der um das Jahr 600 in der umbrischen Stadt Todi geborene Martin soll ein tugendhafter Mann von starkem Charakter und einer ausgeprägten Menschenliebe gewesen sein. Vor seiner Wahl zum Pontifex amtierte er als Diakon und päpstlicher Gesandter am Kaiserhaus in Konstantinopel. Der hier besonders verbreitete Monotheletismus stiess Martin sauer auf. Als er am 21. Juli 649 einstimmig zum Nachfolger von Papst Theodor I. gewählt worden war, empfing er aus lauter Kampfeslust die Weihe, ohne die seit justinianischer Zeit erforderliche Bestätigung des Kaisers abzuwarten. Dies kostete Martin die Anerkennung des weltlichen Regenten. Im Jahr vor Martins Papstwahl hatte der byzantinische Kaiser Konstans II. jeglichen Disput um die heftig umstrittene monotheletistische Lehre untersagt, weil dadurch die Einheit von Kirche und Kaiserreich gefährdet war. Und dies war angesichts muslimischer Bedrohung von Osten her alles andere als wünschenswert.

Griechische Martins-Ikone.

Griechische Martins-Ikone.

Bild: Joachim Schäfer,
Ökumenisches Heiligenlexikon

Papst Martin jedoch widersetzte sich dem kaiserlichen Dekret, hielt seine Kampfansage gegen den Monotheletismus aufrecht und verbannte diesen an seiner im Oktober 649 in Rom einberufenen Synode, an der eine Vielzahl an westlichen wie östlichen Würdenträgern teilnahmen. Die an der Synode von Papst Martin erlassenen Bestimmungen hatten sofortige Gültigkeit. Patriarch Pyrrhos von Konstantinopel, der sich dem neuen Erlass verweigerte und weiterhin den Monotheletismus verfocht, wurde umgehend exkommuniziert.

Jetzt sandte der Kaiser ein Verhaftungskommando nach Rom, welches unter der Leitung seines Statthalters Olympius den Papst festnehmen sollte. Olympius jedoch liess seinen Auftrag fallen, revoltierte gegen den Kaiser und schlug sich auf die Seite Martins. Dieser konnte schliesslich einige Zeit lang ungestört walten, da er wohl von Olympius geschützt oder zumindest in Ruhe gelassen wurde.

Todesurteil wird in Verbannung umgewandelt

Als Olympius 653 starb, und Theodor Kalliopa dessen Amt übernahm, bedeutete es das Aus für den mittlerweile gesundheitlich angeschlagenen Papst Martin. Theodor Kalliopa liess ihn in der Lateranbasilika verhaften, als ohnehin «unrechtmässiger» Papst absetzen und nach Konstantinopel verfrachten. Dort wurde er der Revolte von Olympius ­mitschuldig gesprochen und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt – er sollte gevierteilt werden. Zunächst aber steckte man den gesundheitlich stark angeschlagenen Mann in einen Kerker und misshandelte ihn.

Pyrrhos jedoch ersuchte um Martins Begnadigung. Der Kaiser gab statt, und Martin wurde 654 nach Chersonesos auf der heutigen Halbinsel Krim ins Exil geschickt, wo ihn ein elendes Dasein in Entbehrung und Menschenunwürdigkeit erwartete. Zu seinem Verdruss wurde noch im selben Jahr mit Eugen I. ein Nachfolgepapst gewählt. Martin hatte eine Abdankung ver­weigert, weshalb er sich bis zu seinem Ableben im September 655 im Exil als rechtmässiges Kirchenoberhaupt sah. Dennoch soll er vom Exil aus der Wahl Eugens seine persönliche Zustimmung gegeben haben.

Am sechsten ökumenischen Konzil in den Jahren 680 und 681 unter der Leitung von Papst Agatho wurde Martins Doktrin verankert und die Lehre des Monotheletismus verurteilt. Das Konzil hielt fest, dass Jesus Christus in sich zwei Naturen vereine sowie auch zwei natürliche Willen, die nie im Widerspruch zueinander stehen, weil der menschliche Wille dem göttlichen stets untergeordnet ist.

Ein Heiliger für West wie Ost

Es verhalf Martin jedoch nicht zur posthumen Rehabilitation, weil er wegen Verrats und nicht etwa wegen Häresie verurteilt worden war. Martins sterbliche Überreste wurden später von der Krim in die Basilika San Martino ai Monti in Rom überführt. Die Verehrung des hl. Papst Martin I. als Märtyrer war in der westlichen wie in der östlichen Kirche gleichermassen populär. Er gilt als der letzte Papst, auf den dies zutraf.

Der katholische Gedenktag ist der 13. April, der orthodoxe der 14. April. Der alte Volksglauben besagt, dass die Wetterlage am Gedenktag des hl. Papstes Martin I. den Rest des Aprils bestimme.

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