Medizin
Technologie statt Tierversuche? – «Der Mensch ist keine Maus, aber auch kein Zellhaufen»

Zellkulturen und Computersimulationen können Versuche am Tier ersetzen. Doch selbst diese Modelle werden mit Tieren getestet.

Niklaus Salzmann
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Auf solchen Chips werden mit echten Zellen menschliche Organe simuliert.

Auf solchen Chips werden mit echten Zellen menschliche Organe simuliert.

Harvard Wyss Institute

Drei Möglichkeiten gibt es, das Leid von Tieren zu verringern. Erstens: Tierversuche durch andere Methoden ersetzen. Zweitens: die Versuche so zu verbessern, dass sie mit weniger Tieren auskommen. Drittens: den Umgang mit den Tieren verfeinern, um ihnen weniger Stress und Leid zuzufügen. Ersetzen, verringern, verfeinern, auf Englisch «replace, reduce, refine»: Das sind die sogenannten 3R-Prinzipien. Um sie voranzutreiben, stellt der Schweizerische Nationalfonds für die kommenden fünf Jahre zwanzig Millionen Franken zur Verfügung.

Mit der Abstimmung, die ein komplettes Verbot von Tierversuchen fordert, stehen die Ersatzmethoden im Vordergrund. Doch wie weit lassen sich Tierversuche durch andere Methoden ersetzen? Das Kompetenzzentrum Swiss 3RCC hat am Dienstag gegenüber den Medien einige Beispiele vorgestellt, wo Ersatzmethoden bereits zum Einsatz kommen – aber auch deren Grenzen aufgezeigt.

Organ-on-a-chip, Organ auf einem Chip, heisst eines der Zauberwörter. So kann etwa ein Abschnitt des Darms auf einem Chip mit echten menschlichen Zellen nachgebaut werden. Damit kann zum Beispiel abgeschätzt werden, welche Nebenwirkungen Antikörper zur Krebsimmuntherapie im Darm haben. Ziel ist es, in Zukunft die Zellen einzelner Personen zu verwenden, um zu sehen, wie genau diese Person auf die Antikörper reagiert. Nicht beurteilen lässt sich damit aber beispielsweise die Frage, wo sich die Medikamente allenfalls im Körper ansammeln. «Der Mensch ist zwar keine Maus, aber er ist eben auch kein Zellhaufen», sagte Adrian Roth, Verantwortlicher für Medikamentensicherheit bei Roche.

Kosmetika kommen ohne Tierversuche aus

Auch Kosmetika werden an Zellkulturen getestet. Ob die Haut eine gewisse Chemikalie verträgt oder ob sie davon irritiert wird, lässt sich gut an solchen Modellen ausprobieren. Tierversuche für Kosmetika werden in der Schweiz und in der EU keine mehr durchgeführt. Schwieriger ist es zu simulieren, was passiert, wenn der Mensch eine Chemikalie einatmet. Barbara Rothen, Professorin an der Universität Freiburg, arbeitet daran, dreidimensionale Lungenzellkulturen zu züchten. Aber bis zum industriellen Einsatz dürfte es noch Jahre dauern.

Manchmal braucht es nicht einmal Zellen, gewisse Prozesse des Körpers können sogar im Computer simuliert werden. So können bei der Suche nach neuen Wirkstoffen gewisse Moleküle wegen unerwünschter Eigenschaften frühzeitig aussortiert werden. Das lohnt sich nicht nur aus Tierliebe. Gegenüber Tierversuchen ist es weit weniger aufwendig, und es lässt sich eine viel grössere Zahl von Molekülen betrachten.

Den Schlaf gibt es nicht auf einem Chip

Bei neuen Modellen – ob ein Organ auf einem Chip oder eine Computersimulation – stellt sich aber immer irgendwann die Frage, wie gut sie den realen Vorgängen im Lebewesen entsprechen. Barbara Rothen:

«Wir brauchen Tierversuchsdaten, um die Modelle zu validieren. Das ist unglaublich wichtig.»

Es gibt auch Prozesse, die sich auf einer Ebene abspielen, die sich nicht simulieren lässt. Schlafmittel beispielsweise wirken zwar im Gehirn, aber wie effizient und sicher sie sind, lässt sich nicht an Hirnzellkulturen feststellen. Für diese Fragen braucht es laut Schlafforscherin Anita Lüthi von der Universität Lausanne Tierversuche, ebenso wie für Aussagen zum Abhängigkeitsrisiko oder zu Zusammenhängen zu Herz-Kreislauf-Gesundheit.