Guetzle

Leise rieselt das Mehl: zwei Katastrophenberichte von der letzten Bastion in Frauenhänden

Es ist die letzte Bastion nach dem Stillen und Gebären, die noch in Frauenhänden ist: das Guetzle. Dann sollen auch noch die Kinder mittun. Zwei Katastrophenberichte.

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit ergreift Frauen in der westlichen Welt eine rätselhafte Unruhe. Da ist diese Stimme, die Frauen, ganz egal ob Lehrerin, Architektin, Buchhalterin oder Mutter, befiehlt, unverzüglich mit dem Guetzlen anzufangen.

Diese Stimme – von Müttern an ihre Töchter vererbt – ist stärker als jede Vernunft, die sagt: Wer soll denn dieses Butter-Zucker-Zeug ohne schlechtes Gewissen essen? Wer räumt danach die klebrige Küche wieder auf? Und waren nicht die Zimtsterne letztes und vorletztes und eigentlich seit Grossmutterszeit viel zu hart? Und erst die Aniskräbeli, die bleiben doch bis Ende Januar in der Guetzlidose liegen.

Aber nein, die Vernunft hat in der Adventszeit keine Chance: Unter fünf verschiedenen Guetzlisorten aus eigner Produktion wird es, so denkt das Frauenhirn, nicht Weihnachten. Vielleicht ist dieser uralte Trieb des Guetzlibackens eine der letzten weiblichen Bastionen (nach dem Gebären und Stillen). Ich habe noch von keinem Mann gehört, der einem inneren Befehl folgend in die Küche geht, um Guetzli zu backen, weil er es als seine Pflicht ansieht. Obwohl Männer ja nicht ungern in Blechdosen mit Mailänderli greifen.

Bei Kindern ist die Lust am Guetzlen noch nicht geschlechtsspezifisch verteilt. Wobei sich sehr früh ein geschlechtsunspezifischer Graben zwischen Teigessern und den Teigverarbeitern auftut. Die Schreibende gehörte früher eher zur ersten Fraktion. An das Guetzlen in meiner Kindheit habe ich zwiespältige Erinnerungen.

Ich weiss nicht, ob meine Grossmutter es gerne tat. Ich weiss bestimmt, dass meine Mutter es nicht gerne mit uns Kindern tat und uns darum zum Guetzlen zur Grossmutter schickte. Grossmutter schien mir jedes Mal sehr angespannt. Die Resultate aus ihrem Ofen titulierte mein Vater gerne als «Mehlhaufen».

Da hört die Gleichstellung auf

In unserem Haus ist, vielleicht aus diesem Trauma heraus, Backen Männersache. Waage, Mixer, Rührmaschine, alles fest in maskuliner Hand. Zumindest solange es um Brot, Pizzateig, ja sogar Geburtstagskuchen geht.

Aber beim Guetzlen, da hört die Gleichstellung auch für meinen Mann auf. Und in meinem Ohr wird diese Stimme, je näher Weihnachten rückt, desto lauter: «Komm, wenigstens ein paar Mailänderli. Das kriegt doch jede Frau hin, und denk doch an die kleinen Kinderhände und erst die strahlenden Kinderaugen.»

Ich werden jedes Mal weich und jedes Mal endet es im Desaster. Ohne unnötig ins Detail gehen zu wollen: Als 20-Jährige habe ich es geschafft, Zimtsterne im Ofen zum Explodieren zu bringen. Mailänderli gibt es nur in Dunkelbraun oder sehr schwarz. Die Katze frisst die Kekse vom Blech weg, die Nusshaufen bleiben auch nach dem Backen klebrig und die Küche tagelang.

Aber das Schlimmste ist: Ich mag Weihnachtsguetzli gar nicht besonders. Meine Söhne eigentlich auch nicht. Ist vielleicht eine familiäre Anomalie. Aber das Guetzlibacken mögen die Kleinen sehr. Ich denke, nächstes Jahr schicke ich sie zu ihrer Grossmutter und lasse bei mir zu Hause ganz in Ruhe einige Zimtsterne im Ofen explodieren.

Vor vielem habe ich mich bisher gedrückt als Mutter. Habe keinen Babyschwimmkurs besucht, keine Kinderkleider selber genäht, keine Weinachtsgeschenke mit den Kindern gebastelt. Einen Weihnachtsbaum, fand ich, brauchen wir auch keinen, wenn wir eh anderswo feiern.

Nun bin ich beim Guezlibacken eingeknickt. Zwar haben wir schon genug geschenkt bekommen. Aber für die Frühförderung habe ich es dann doch getan. Der dreijährige Sohn hat mit den Händen in der Mehlschüssel gewühlt (ein sensorisches Erlebnis). Teig kneten gefiel ihm weniger. Er fand das Klebrige eklig. Ich versuchte, ihm den Teig von allen 40 Seiten der 10 keinen Fingerlein zu schaben. Da hing die Kleinste längst an meinem Hosenbein.

Ein Backenzahn plagte sie an jenem Abend, an dem der Vater als Schmutzli unterwegs war, und das Weinen verstummte nur, wenn sie zuschauen konnte. Also hielt ich sie mit einem Arm auf der Hüfte fest. Einhändig Teig von kleinen Fingern abschaben ist wirklich schwierig. Und durchgeknetet war der ja noch nicht wirklich. Ohne dass die Kleine brüllte, wurde er jedenfalls nicht fertig.

Verschnaufpause, während der Teig vor dem Fenster im Kühlen ruhte. Später hantierte der Sohn recht geschickt mit dem Wallholz, ich war drauf und dran, mich für die Guetzliaktion innerlich zu loben: Wunderbar, wie mein Kind die Herstellung eines Lebensmittels verstehen lernt, wie es sieht, dass mit Sorgfalt Schönes entstehen kann, wie er ein Gespür für den richtigen Druck auf den Teig entwickelt. Guetzli backen mit Kindern: elternseits ein heroischer pädagogischer Akt.

Alles ist eine wertvolle Erfahrung

Derweil drückte der Sohn die Förmchen bis zur Hälfte in den Teig. Da konnte ich gut nachhelfen. Auch mit dem Spachtel hantieren ging einhändig recht gut. Das Problem war nur: Während ich ein Guetzli aufs Backblech drapierte, drückte der Backlehrling auf den noch nicht geretteten rum. «Lueg, jetzt sind si verschwunde.» Die Verwandlung von Teig zu Guetzli und zurück, beschloss ich, ist eine wertvolle Erfahrung.

Aber man hat halt eine gewisse Vorstellung entwickelt über die Jahre des Erwachsenwerdens, wie ein Stern aussehen soll. Und wenn man einen Engel drei mal übereinander reindrückt, «dann erkennt man ihn nicht mehr, hueresiech, Junge, begreifst du das nicht?!!». Habe ich natürlich nicht gesagt. Sondern ihn gelobt, als er seine Finger wenigstens vom dreiundzwanzigsten Guetzli lassen konnte.

Wobei – so viele haben wir glaubs nicht geschafft. Ein Teil war ja als Mehl auf dem Boden gelandet, ein anderer klebte als Teig an der Türfalle zum Klo. Die zu dünn ausgewallten Exemplare (das Gespür für den richtigen Druck muss sich noch weiterentwickeln) verkohlten im Backofen.

Es war mir am Ende egal. Dem kleinen Bäcker sowieso, der längst als Brio-Lokomotivführer amtete. Nach der Guetzli-Haptik-Sensorik-Lektion putzte ich die Küche alleine. Immerhin beidhändig. Die Kleine hatte gegen das Zahnweh ein Zäpfchen bekommen.

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