Wigoltingen-Raperswilen

«Wir brauchen eine offene Kirche»: Pfarramtskandidat Ulrich Henschel stellt sich und seine Ansichten vor

Ulrich Henschel stellt sich zur Wahl als neuer Pfarrer in Wigoltingen.

Ulrich Henschel stellt sich zur Wahl als neuer Pfarrer in Wigoltingen.

Als Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde Wigoltingen-Raperswilen steht der 58-jährige Ulrich Henschel zur Wahl. Die Kirchenvorsteherschaft hat aus mehreren Bewerbern eine Auswahl getroffen. Die Abstimmung findet wegen der Coronapandemie zusammen mit dem Budget und Steuerfuss 2021 sowie dem Kreditantrag zur Renovierung des Pfarrhauses am 17. Januar an der Urne statt.

Was macht Sie als Pfarrer aus?

Ulrich Henschel: Es ist bestimmt meine Lebenserfahrung und die meiner erlernten Berufe, die sich prägend auf meine Tätigkeit als Pfarrer auswirken. Ich bin Pfarrer mit Leib und Seele. Aber kein «Einzelkämpfer». Das Arbeiten in und mit Teams jeder Altersstufe macht mir Freude. Kirche ist für mich eine Art Herberge, in der sich Personen und Gruppen wohlfühlen dürfen – sozusagen ein zweites «Zuhause» angeboten bekommen. Ich mache gern bedürfnisgerechte Angebote.

Was ist ihr erster Eindruck von der Kirchgemeinde Wigoltingen-Raperswilen?

Das Vorstellungsgespräch war durch Offenheit, Herzlichkeit, Wertschätzung und Humor geprägt. Meine Frau und ich fühlten uns willkommen. Ich spürte, dass hier engagierte Menschen die Kirchgemeinde aktiv voranbringen möchten. Da habe ich gedacht, wenn die Mitglieder der Pfarrwahlkommission, die ja einen Querschnitt der Kirchgemeindemitglieder repräsentieren, schon so sind, ist dies der richtige Ort für mich. Und als wir dann in die Kirchen gingen, war ich überwältigt. Ich fühlte mich sehr wohl.

Dann kamen die Begegnungen am Vorstellungsgottesdienst?

Als Erstes möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die zu diesem festlichen Gottesdienst vor Weihnachten beigetragen haben. Wir spürten Wertschätzung. Meine Frau Ruth und ich bemerkten die vielen kleinen Gesten am Ausgang, ein Zunicken oder den ein oder anderen nach oben gerichteten Daumen. Ein Mann überreichte uns sogar eine Toblerone als Willkommensgruss. Das hat uns berührt und hinterliess den Eindruck einer offenen Gemeinschaft.

Ulrich Henschel mit seiner Frau Ruth.

Ulrich Henschel mit seiner Frau Ruth.

An der letzten Pfarramtsstelle in Oberglatt liess man Sie ungern nach Deutschland gehen. Hat eine Rückkehr in die Schweiz mit der Suche nach Gott zu tun?

Nein. Für meine Frau und mich ist es ein «Zurückkommen» in ein von uns liebgewordenes Land. Hier wurden aus Menschen Bekannte und dann Freunde. Meine Mutter hatte zu der Zeit drei Schlaganfälle und einen Nierentumor. Und ich fühlte mich als ältester Sohn in der Verantwortung. Gott sei Dank, hat sie sich schnell im Rahmen ihrer Möglichkeiten erholt und wir konnten im Geschwister- und Familienkreis mit ihr alles Wichtige regeln und so die Rückkehr in die Schweiz planen. Eine Suche nach Gott ist die Rückkehr in die Schweiz nicht: Er ist schon da, wo wir sind. Gott ist überall, wo sich Menschen ihm zuwenden.

Jungen und älteren Menschen Gemeinschaft bieten hat mit Erwartungen zu tun. Welchen?

Ich liebe eine nach allen Seiten offene Kirche. Traditionelle Werte haben genauso Platz wie Ideen von alternativen Angeboten. Wer den Menschen, egal ob jung oder älter, aufmerksam zuhört, bekommt von ihnen Impulse, wie sie «Kirche» und Gemeinde sehen und wo ihre Wünsche und Bedürfnisse liegen. Es ist einfach wichtig die Ohren und das Herz immer offen zu haben – ob nun nach einem Gottesdienst, auf einem Gemeindefest oder im Volg, der Käserei oder einer Beiz.

Ein Beispiel wäre?

Menschen, je nach Interesse und Talent einzubinden. Dies gelingt etwa in den Jugendgottesdiensten. Einige haben das Interesse an einer Lesung, andere wollen sich mit einem Instrument beteiligen, andere singen gern oder bedienen die Technik – ob nun Licht, Ton oder Kamera. Andere geniessen die Gemeinschaft im Vorbereitungsteam oder im Gottesdienst. Und so erreicht die «Frohe Botschaft» viele.

Ihre Jahreslosung aus dem Lukasevangelium 6,36 heisst «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.» Ein Glaube inmitten der Coronapandemie, der in den Hintergrund rückt?

Ich glaube eher das Gegenteil: Dass der Glaube in den Vordergrund rückt. Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die es sich bewusst machen, nicht allein sind, dass Gott sie begleitet, sodass sie seelisch gestärkter durch diese Zeit gehen können. Ich wünsche mir und uns allen, dass wir die Pandemie gut überstehen. Dass wir zusammenstehen und gegenseitig barmherzig sind, so wie Gott zu uns Menschen das lehrte. Die Frohe Botschaft verkünden und leben heisst auch, dass es nicht um einen strafenden Gott geht. Der bekannte Schweizer Theologe, Karl Barth, hat es einmal etwa so ausgedrückt: Die Hölle existiert – aber sie ist leer. Denn wäre noch eine glaubende Seele darin, wäre Christus umsonst am Kreuz gestorben. Und dies ist für mich ein überwältigend schönes Bild eines liebenden und barmherzigen Gottes.

Sie möchten ein Pfarrer für alle sein. Ist das realistisch, Wünsche und Anliegen aller Kirchbürger erfüllen?

Wie sagt man so schön: «Allen kann man es nie richtig recht machen. Man kann es aber versuchen.» Ich denke, wenn wir offen, wertschätzend sind, uns gegenseitig ernst nehmen, aufmerksam, einfühlsam und erfinderisch – kann es gelingen. Es braucht eine offene Kirche, die etwas bewegen und nahe bei den Menschen sein möchte. Es braucht Menschen, die uns von ihren Wünschen, Ideen und Visionen berichten und sich beteiligen. Dazu zählt für mich unbedingt der Dialog in Wigoltingen und Raperswilen. Und darauf freue ich mich sehr.

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