Experten haben es schwer. «Die Leute in diesem Land haben die Nase voll von Experten.» So zu hören vor der Brexit-Abstimmung. Egal, wer es gesagt hatte, er hatte recht. Die Leute entschieden sich offensichtlich, nicht auf die Experten zu hören.

Oder liegen etwa die Dinge doch nicht so einfach? Die Frage «Wer ist ein weiser Herrscher?» lässt sich im Zeitalter der Demokratie nicht mehr so unbefangen stellen. Denn die Regierungen wollen wiedergewählt werden und müssen darum Resultate – irgendwie messbare Resultate – vorweisen. Früher berief man sich gern auf A-priori-Regeln: Risikoavers müsse der Herrscher sein, keine aussenpolitischen Abenteuer, innenpolitisch auf Ausgleich und Gerechtigkeit bedacht. Aber das schöne Wetter während der Regierungszeit war wahrscheinlich weit wichtiger als die Entscheidungen des Königs.

Das änderte sich, als die Behörden begannen, Daten zu sammeln. Mehr als nur Volkszählungen, sondern richtige Erhebungen: Einkommen, Vermögen, Sparneigung, Kindersterblichkeit, Fertilitätsrate und dergleichen. Indikatoren für eine gute Regierung? Das Sammeln der Daten führte auch zu Kontroversen, wie die Daten denn zusammenhängen: zur Geburt der Statistik. Immerhin stützte sich die Politikberatung auf irdische Dinge. Empiriker lösten die Sternguck-Astronomen ab. Und mit der modernen Wissenschaft entstanden auch die Experten-Gremien in den Akademien der Royal Society. Bereits hier stellte sich die Frage der Unabhängigkeit. Wissenschaft darf nicht auf die herrschende Meinung achten – und sich deshalb von der Politik fernhalten.

Caspar Hirschi, Professor für Geschichte an der Universität St. Gallen, schildert die Entstehung des Experten als Fachmann vor Gericht bei Prozessen. Doch hier handelt es sich um Leute, die sich im Bau oder in der Manufaktur auskannten, die besser wussten, wie etwas zu machen war. Politik-Beratung hingegen soll eher die Frage beantworten, was eigentlich getan werden müsste. Ein Unterschied, den man im Auge behalten muss.

Alkohol gefährlicher als LSD

Hirschi beginnt mit einem Experten, der 2006 versuchte, sich gegen die Regierungsmeinung durchzusetzen. Es ging um die Gefährlichkeit von Drogen. Professor David Nutt wusste, dass Alkohol in mehrfacher Beziehung gefährlicher ist als LSD oder Ecstasy. Das lässt sich empirisch belegen. Aber die Regierung weigerte sich, ihrer Drogenpolitik eine wissenschaftlich solidere Schädlichkeits-Klassifikation zugrundezulegen. Weil die öffentliche Meinung zum Beispiel das mit dem Alkohol etwas anders sieht. Professor Nutt wollte, so der Tenor, gleichzeitig Experte und Berater, aber auch Kritiker der Regierung sein.

Die Geburt des Intellektuellen

Die beiden nächsten Fälle gelten als Mustererzählungen für die Entstehung der Rolle des Intellektuellen in der modernen Gesellschaft. Voltaire in der Affaire Calas und Emile Zola in der Dreyfus-Affäre. Sie wiesen auf einen Justizirrtum hin und erhoben die Stimme der Vernunft. «Ecrasez l’infâme!» und «J’accuse!» wurden Slogans, die unerschrockene Männer bornierten Autoritäten entgegenschmetterten. Die Experten sind in beiden Fällen eher im Hintergrund zu suchen. In der Dreyfus-Affäre ging es im Kern um graphologische Gutachten. War Dreyfus der Verfasser eines Briefes, der zerrissen im Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris gefunden wurde? Graphologie war damals keine und ist auch heute keine Wissenschaft. Also ging es eher um gesellschaftliche Motive. Antisemitismus und Standes- und Klassendünkel der Offizierskaste. Voltaire und Zola waren keine Experten oder deren Kritiker, sondern eher moralisch überzeugte Demagogen, welche die Volksmeinung in ihrem Sinn steuerten.

Am interessantesten, aber auch am kompliziertesten ist der Fall der Erdbebenforscher, welche im Nachgang des grossen Erdbebens von L’Aquila vom 5. auf den 6. April 2009 vom Bezirksgericht L’Aquila zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Wegen fahrlässiger Tötung von 29 Menschen, die von ihren einstürzenden Häusern erschlagen wurden – insgesamt starben 308.

Zu Unrecht verurteilt

Die Geschichte erregte grosses Aufsehen. Und die Kommentare waren sich einig: Geht nicht. Man kann nicht Experten verurteilen für etwas, was sie nicht können: Erdbeben voraussagen.

Der Fall liegt aber ungleich verwickelter. Die Experten wurden in einem politischen Manöver ins Erdbebengebiet geschickt. Sie sollten die Bevölkerung beruhigen. Ein Amateurseismologe hatte Ende März Alarm geschlagen. Die Lokalpolitiker liessen ihn über das Zivilschutzamt in Rom aus dem Verkehr ziehen. Gleichzeitig gab es aber kleinere Beben. Der Präsident des Zivilschutzes, Guido Bertolaso, später in Korruptions- und Sex-Skandale verwickelt, inszenierte die Tagung der Experten und gab auch gleich die Kommunikation vor: Die kleineren Beben würden Energie abführen und so das Risiko eines grossen Bebens vermindern. Kein Experte würde so etwas sagen, die Wissenschaft sieht es einhellig anders, aber es hat sich auch keiner gewehrt, dass es von Nicht-Experten so geäussert wurde. Und weil das Risiko kleingeredet wurde, blieben 29 Menschen zu viel in ihren Häusern anstatt, wie es sonst bei Vorbeben Usus ist, auf der Strasse zu übernachten.

Der Prozess zeigt beispielhaft, wie Wissenschaft und Politik miteinander agieren. Experten verdanken ihren Status – ob nur in Italien oder überall, sei dahingestellt – der Politik. Daraus ergibt sich eine Loyalitätspflicht. Und die beschädigt ihre Integrität oder ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit. Als Experten hätten sie darauf hinweisen müssen, dass das Risiko nach den kleineren Vorbeben nicht kleiner geworden sei, wie die Polit-Propaganda wollte, sondern eher grösser. So sieht es die Wissenschaft, ohne zu behaupten, sie könne ein Erdbeben voraussagen. Das Urteil des Gerichts ist nicht so skandalös.

Und die Ökonomen?

Die Geschichte ist aufschlussreich. Aber den Elefanten im Zimmer der Politikberatung hat Hirschi nicht einmal erwähnt: die Ökonomen. Natürlich dürfen auch sie sich darauf berufen, dass Wissenschaft ein Unternehmen unter prinzipieller Ungewissheit ist. Aber hier bietet die Geschichte viele Beispiele für anmassendes Wissen: Es begann mit den desaströsen Finanz-Manövern von John Law am Hof von Ludwig XV. und Jacques Necker im Vorfeld der Revolution unter Ludwig XVI. Allerdings war der französische Staat schon vorher mehr als bankrott. Milton Friedman und seine Chicago-Boys gaben dem brutalen Pinochet-Regime Ratschläge. Welche Rolle spielten Jeffrey-Sachs und seine Harvard-Kollegen bei der Privatisierung der Sowjet-Ökonomie? Auch da ist einiges schiefgelaufen und wäre deshalb auch einmal einen Historiker-Blick wert.

Caspar Hirschi Skandal-Experten – Experten-Skandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 399 S., Fr. 39.90.

Skandal-Experten

Caspar Hirschi Skandal-Experten – Experten-Skandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 399 S., Fr. 39.90.