Paare

Wer sich heute scheiden lässt, feiert dies oft wie damals die Hochzeit

Die Scheidung ist ein trauriges Ereignis. Doch trotzdem wollen das Paare immer häufiger in der Öffentlichkeit. Dies ist heute selbst in der Kirche möglich.

2500 Kilometer weit gingen die Künstlerin Marina Abramovic und ihr Lebenspartner Ulay 1988 auf der Chinesischen Mauer aufeinander zu. Als sie sich schliesslich begegneten, verabschiedeten sie sich voneinander und gingen in entgegengesetzter Richtung weiter. Das Trennungsritual der beiden ist als Kunstperformance inszeniert, dokumentiert und für die Öffentlichkeit einsehbar.

Ganz anders trennten sich Rocker Jack White und seine Frau Karen Elson: 2011 schmissen sie gemeinsam für ihre Freunde eine rauschende Scheidungsparty.

So unterschiedlich die beiden Paare ihre Trennung gestalteten, gemeinsam ist ihnen, dass sie diese mit einem Ritual beendeten. Doch längst suchen nicht nur Künstler nach einer speziellen Form für ihr Auseinandergehen. «Früher war Scheidung pfui. Heute ist sie entstigmatisiert», sagt Psychotherapeutin Katharina Ley, überzeugt, dass immer mehr Paare den Wunsch nach einem Scheidungs- oder Trennungsritual verspüren. Denn: «Je akzeptierter eine Scheidung ist, desto eher darf man auch eine Form suchen, um das zu würdigen.» Ley hat zu den Themen gutes Beenden und Versöhnung Bücher veröffentlicht und sagt: «Was man ehrenvoll anfängt, soll auch ehrenvoll beendet werden.» Die Scheidung im Amtshaus sei eine «trübe Sache», das helfe einem psychisch überhaupt nicht.

Die Kirche hilft beim Scheiden

Auch Pfarrer Andrea Marco Bianca ist überzeugt, dass eine umfassende rituelle Trennung eine psychohygienisch wertvolle Wirkung entfalten kann. Bianca hat jahrelang über Scheidungsrituale geforscht und diesen Sommer zum Thema promoviert. «Die Wirkung ist fast bei 100 Prozent derjenigen, die ein Ritual praktizierten, positiv», sagt der Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Küsnacht. Das Ritual verhelfe den Teilnehmenden zu mehr Klarheit und Kraft. Es könne Paaren helfen, von der Paar- auf die reine Elternebene zu finden. Und es könne als Präzedenzfall für künftige Familienrituale stehen, indem es signalisiert: Es kann gehen, wir respektieren einander.

Anbieter von Trennungsritualen gibt es zuhauf. Sogenannte Ritualbegleiter, Mediatoren, Paartherapeuten und teilweise selbst Hochzeitsplaner bieten Unterstützung für das Trennungsritual an. Zu den Anbietern gehört auch – auf den ersten Blick überraschend – die reformierte Kirche. 1993 führte Pfarrer Anselm Burr in Zürich zum ersten Mal in der Schweiz einen Scheidungsgottesdienst durch. Heute ist dies in 14 Landeskirchen unter dem Passus «Feiern für Menschen in besonderen Lebenslagen» möglich.

Auch Andrea Marco Bianca hat schon Scheidungsrituale in- und ausserhalb von Kirchen durchgeführt. Er verspürt bei Personen, die kirchlich getraut worden waren und sich als zentraler Akt des Hochzeitsrituals das Eheversprechen gegeben hatten, häufig ein besonderes Bedürfnis nach einem Ritual. «Selbst Leute, die nicht sehr religiös sind, messen ihrem Versprechen, das sie vor Gott gegeben haben, einen hohen Stellenwert zu», sagt Bianca. Schuldgefühle, das in der Kirche gegebene Versprechen gebrochen zu haben, sind weitverbreitet.

Nur konsequent also, dass am Ort, wo ein frisch vermähltes Paar den Segen erhalten hat, auch Scheidende gesegnet werden. Bianca wünscht sich, dass diese Möglichkeit bekannter wird, ist sich aber der Brisanz des Themas bewusst. «Man muss aufpassen: Es geht nicht darum, dass die Kirche die Scheidung segnet. Sondern darum, dass die Kirche bei der Bewältigung der Scheidung hilft, und zwar nicht nur seelsorgerisch, sondern rituell.»

Für Bianca gehört zu einem Trennungsritual mehr dazu, als vielleicht bei einer Trennungsparty im Kreis der Freunde geschieht. Mit dem Zerreissen des Bildes der Expartnerin oder dem Versenken von Nadeln in eine Voodoo-Puppe ist es eben nicht getan. Scheidungsrituale, wie man sie aus ursprünglichen Gesellschaften in Afrika oder Asien kenne, enthielten die drei Elemente Ablösung, Umwandlung und Angliederung. «Zu Worten des Danks und der Vergebung hinzu sollten unbedingt symbolische rituelle Handlungen kommen», sagt Bianca. Denn viele Expartner erlebten, dass man mit Worten nicht weiterkomme, sich nur noch wiederhole, sich gegenseitig beleidige.

Männer zögern öfters

Viele rituelle Handlungen haben mit dem symbolbeladenen Ring zu tun. Zum Beispiel kann ein Paar sich die Ringe zurückgeben, diese zusammen vergraben oder in ein Familienmedaillon umwandeln. In Japan schlagen Paare die Ringe gemeinsam mit einem Hammer platt. Vielleicht schreibt ein Paar aber als Ritual auch alles Schwierige nieder und verbrennt das Papier.

Allerdings ist es nicht einmal zwingend, dass ein Paar gemeinsam ein Ritual durchführt, damit dieses seine positive Wirkung entfalten kann. Therapeutin Katharina Ley sagt: «Wenn einer der Expartner zu einem gemeinsamen Ritual nicht bereit ist, soll das kein Hindernis sein. Jeder Mensch soll selbst seinen Weg finden.» Es sei sehr häufig, sagt Bianca, dass nur eine Person ein Ritual durchführt. Meist seien dies Frauen. «Männer zögern eher, aber wenn sie mitmachen, erleben sie es als hilfreich.»

Ganz allein ein Ritual durchzuführen, empfiehlt sich allerdings nicht unbedingt. «Zeugen sind immer eine Erleichterung, dann kann man auch etwas verkünden», sagt Ley. Und Marco Bianca, der Pfarrer, ergänzt: «Damit wird auch gezeigt, dass man zum neuen Zivilstand steht.»

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