Als Miriam Maertens ein Kleinkind war, diagnostizierten die Ärzte bei ihr zystische Fibrose. Bei der Krankheit produziert der Körper ein zähflüssiges Sekret, das sich unter anderem in der Lunge ausbreitet. Die Mediziner gaben Miriam Maertens eine Lebenserwartung von nur einigen Jahren. Heute ist sie 49 Jahre alt – und langjähriges Ensemblemitglied des Zürcher Schauspielhauses.

Wann haben Sie das letzte Mal ganz bewusst geatmet?

Miriam Maertens: Das war heute Morgen im Flugzeug. Ich war müde, und die Luft war nicht gut. Da habe ich tief eingeatmet, um den Körper etwas wach zu machen – was geklappt hat.

Wie nutzen Sie die Atmung, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Sehr natürlich. In der Ausbildung habe ich Atemtechniken und Zwerchfelltraining gelernt, aber ich bin kein grosser Fan davon. Wenn ich in einer Figur bin, funktioniert die Atmung automatisch.

Überlegen Sie sich bei den Proben, wie eine Figur atmet?

Ja, das gehört dazu, hängt aber auch von der Szene ab.

Was war bezüglich Atmung die anspruchsvollste Rolle, die Sie je spielten?

Wenn ich neben dem Schauspiel noch singe. Dann ist der Atem doppelt gefragt. Mir macht das aber auch am meisten Spass.

Merken es die Zuschauer, wenn Schauspieler auf der Bühne nicht richtig atmen?

Ja, wenn es stimmlich nicht reicht, dann gibt es schon mal den einen oder andern Zuschauer der «lauter!» in den Saal hineinruft. Ich bin nun schon so lange am Schauspielhaus in Zürich, dass ich die dortige Akustik sehr gut kenne. Es ist ein eher kleines Theater. Stehe ich im Schauspielhaus in Hamburg vor über 1000 Leuten auf der Bühne, muss ich den Körper und die Stimme anders nutzen. Da braucht es mehr Körperspannung und mehr Kraft.

Als Kleinkind wurde bei Ihnen die Krankheit zystische Fibrose diagnostiziert. Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen?

Bei der Krankheit handelt es sich um eine ständige Einschränkung, die über die Jahre immer schlimmer wird. Es gab nicht den einen Moment, wo ich plötzlich keine Luft mehr bekam. Vielmehr merkte ich, dass ich zu manchen Sachen fast nicht mehr fähig war.

Konnten Sie die Atemnot überlisten?

Mir hat das Singen extrem geholfen – es gilt ja als das beste Zwerchfelltraining. Wohl instinktiv habe ich bereits als Kind sehr viel gesungen. Zudem hatte ich einen Hund, mit dem ich viel an der frischen Luft war. Das sind zwei Dinge, die das Atmen leichter machen: singen und ganz viel Zeit an der frischen Luft verbringen.

Wie stark hat die Krankheit Ihren Alltag beeinflusst?

Kurz bevor ich 2012 eine Spenderlunge bekam, konnte ich fast nichts mehr machen und war vollkommen abhängig von den Inhalier- und Sauerstoffgeräten. Ein kurzer Spaziergang mit meinem Hund reichte, und die Fingernägel liefen blau an. Ich war nur noch vom Kopf gesteuert, der Körper konnte eigentlich nicht mehr.

Seit einer Lungentransplantation sind Sie geheilt. Können Sie sich an den ersten Atemzug nach der Operation erinnern?

Nein. Man wacht nicht auf und denkt hurra, ich kann atmen. Nach dem Eingriff ist man voller Schmerzen und Medikamente. Wer ein neues Gelenk erhält, braucht auch zuerst Reha und muss die Muskulatur aufbauen. Ähnlich ist dies mit einer neuen Lunge.

Wer gesund ist, hält das Atmen für selbstverständlich. Ist das bei Ihnen heute auch der Fall?

Total. Was mich aber jeden Tag begleitet, ist Dankbarkeit. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich dieses Spenderorgan bekommen habe und leben darf. Das vergisst man keinen einzigen Tag, wenn man ein gesundes Organ und die Kraft zum Atmen geschenkt bekommen hat.