Familie

Weniger Übergewicht und vernünftigeres Verhalten – gemeinsames Essen macht Kinder gesund

Je länger das Essen dauert, desto positiver wirkt es auf die Kinder.

Je länger das Essen dauert, desto positiver wirkt es auf die Kinder.

Eltern haben alle Hände voll zu tun: arbeiten, die Kleinen bespassen, den Haushalt führen. Und dazu noch gemeinsam kochen und essen? Ja! Denn das gemeinsame Essen hat langfristig gute Effekte.

Die meisten Eltern haben genaue Vorstellungen davon, wie ihr Kind sein sollte: gesund, ausgeglichen, gut in der Schule und ohne grosse Kapriolen in der Pubertät. Gäbe es eine Pille, die all das verspräche, sie wäre ausverkauft. Dabei gibt es dieses Wundermittel schon: das gemeinsame Familienessen.

Dutzende Studien zeigten in den vergangenen Jahrzehnten, wie eng regelmässige Familienmahlzeiten mit dem Wohlergehen der Kinder zusammenhängen. Wer häufig zusammen isst, ernährt sich auch den Rest des Tages über bewusster. Und ist geprägt fürs Leben.

Schon vor der Coronakrise zeigte sich, dass Familien dem gemeinsamen Essen wieder mehr Gewicht beimessen – der Alltagshektik zum Trotz. So essen Kinder und Jugendliche in Deutschland häufiger mit ihrer Familie als noch vor zehn Jahren. Das ist das überraschende Ergebnis einer Langzeituntersuchung des Robert-Koch-Instituts. Auch wenn das Mittagessen als Familienessen oft entfällt, stehen das gemeinsame Frühstück und Abendessen hoch im Kurs. Das dürfte mit dem Ausbau der Ganztagsschule und der Berufstätigkeit von Frauen zusammenhängen.

Seltener Softdrinks und Süssigkeiten

Die Studien zeigen: Jugendliche, die oft in ihrer Familie essen und das Essen auch gemeinsam zubereiten, greifen seltener zu Softdrinks und Süssigkeiten. Doch liegt das tatsächlich am gemeinsamen Essen? Oder essen gesundheitsbewusste Familien einfach häufiger zusammen?

Die Erklärungen für den positiven Effekt waren in der Wissenschaft lange uneinheitlich. Um Klarheit zu schaffen, wertete nun ein Team um die Verhaltensforscherin Mattea Dallacker vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 57 Studien aus.

Ihre Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift «Obesity Reviews» veröffentlicht wurden: Die Häufigkeit von Familienessen hängt tatsächlich mit der Ernährungsgesundheit von Kindern zusammen. Und: Es reicht, wenn ein Familienmitglied mit dem Nachwuchs isst. Gute Nachrichten für Alleinerziehende und Berufstätige. Zudem spielt es keine Rolle, ob am Morgen, Mittag oder Abend zusammen gegessen wird. Kinder profitieren unabhängig vom Mahlzeittyp.

Anteil übergewichtiger oder adipöser Kinder gesunken

Wie wichtig das ist, zeigt ein Blick auf die aktuelle Ernährungssituation: In der Schweiz bringt jedes sechste Kind mehr auf die Waage, als dies gesund ist. Das zeigt das 12. BMI-Monitoring der Gesundheitsförderung Schweiz aus dem Jahr 2018. Immerhin: Seit dem Messstart im Schuljahr 2005/06 ist der Anteil übergewichtiger oder adipöser Kinder und Jugendlicher von 19,9 Prozent auf 16,7 Prozent gesunken. Die Situation hat sich also ein bisschen verbessert.

Das Monitoring hat auch ergeben, dass der Anteil übergewichtiger und adipöser Schülerinnen und Schüler mit steigendem Alter wächst. Im Kindergarten und in der ersten Klasse ist jedes neunte Kind zu schwer, in der Oberstufe bereits jedes fünfte. Der Anteil liegt in städtischen Gebieten mit 17 Prozent höher als in ländlichen mit 14 Prozent.

Bereits in jungen Jahren gute Essgewohnheiten zu etablieren, erspart Eltern also mühevolles Nachjustieren im Teenageralter. Und man kann sich Schlimmeres vorstellen, als gemeinsam zu essen. Christine Brombach jedenfalls kann sich für das Familienessen begeistern. Für die Ökotrophologin von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil liegen die positiven Effekte der gemeinsamen Mahlzeiten auf der Hand. Die Wissenschafterin sagt:

Teenager profitieren davon, was sie als Kleinkind sahen

Auch legen die Ergebnisse nahe, dass Kinder jeden Alters vom Familienessen profitieren. Das überraschte die Forschenden, da frühere Studien gezeigt hatten, dass der Einfluss der Familie mit zunehmendem Alter des Kindes abnimmt.

Das liegt daran, dass Teenager eigene Ernährungsgewohnheiten entwickeln und sich von der Kernfamilie abgrenzen. Entsprechend nehmen sie weniger Mahlzeiten am heimischen Esstisch zu sich. Halb so tragisch, deuten nun die wissenschaftlichen Ergebnisse an. Mattea Dallacker vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sagt:

Sprich: Auch wenn Teenager es zunehmend vorziehen, mit Freunden zu essen, heisst das nicht, dass sie in den Wind schlagen, was ihnen ihre Eltern zuvor an Essverhalten vorgelebt haben.

Vorteile gelten für alle Gesellschaftsschichten

Das spannendste Ergebnis der Studie ist allerdings, dass die Vorteile des Familienessens für alle Gesellschaftsschichten gelten. Kritiker hatten wiederholt darauf hingewiesen, dass die gute Ernährungsgesundheit von Kindern mit dem sozioökonomischen Status der Eltern zu tun haben könnte. Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang. Die Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass Familien mit hohem sozioökonomischem Status häufiger zusammen essen als jene aus ärmeren und bildungsferneren Familien.

Oft stecken Sachzwänge dahinter. Zum Beispiel könnten Eltern mit niedrigem sozioökomischen Status häufiger in Teilzeitjobs arbeiten und weniger flexibel in ihren Arbeitszeiten sein. Ganz klar ist das aber nicht.

Die amerikanische Forscherin Barbara Fiese von der Universität Illinois, die als eine der ersten eine gross angelegte Metastudie zu Familienessen in den USA durchführte, sagt:

Man brauche Langzeitstudien und Einblicke in das Zeitmanagement der Menschen. Klar sei, dass heutzutage ein grosser Druck auf Familien laste. Die gute Nachricht: Kommt es zum gemeinsamen Familienessen, profitieren die Kinder mit geringem sozioökonomischen Status genauso – vorausgesetzt, die Atmosphäre stimmt.

Sehr gut ist es, wenn die Kinder kochen helfen

Verhaltensforscherin Dallacker hat in der Fachzeitschrift «Health Psychology» veröffentlicht, was entscheidend zur positiven Wirkung von Familienessen beiträgt. Erstens: Der Fernseher sollte aus sein und das Handy abseits vom Tisch liegen. Ebenfalls eine gute Idee: Nicht motzen, wenn die Kinder nicht alles essen, was sie sollen. Besser: Immer wieder Gemüse und Obst anbieten – nicht darauf beharren, dass es gegessen wird.

Wichtiger ist die gute Stimmung am Tisch. Denn das bleibt haften. Das heisst aber auch: Die To-do-Liste besser nicht während des Mittagessens abarbeiten und keine bekannten Konfliktthemen anschneiden.

Ausserdem empfehlen die Autoren, die Kinder beim Kochen helfen zu lassen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit greift dann der sogenannte Ikea-Effekt: Was selbst zubereitet wurde, wird stärker wertgeschätzt.

Ein abschliessender Tipp aus der Studie lautet: sich Zeit lassen. Je länger das Essen dauert, umso besser. Für die Zubereitung muss das nicht unbedingt gelten – auch simple Gerichte kann man geniessen.

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