Er wollte der Osteoporose vorbeugen und seinem Immunsystem einen Anschub geben. Also besorgte sich Bernd (Name geändert) aus dem Internet ein hoch dosiertes Vitamin-D-Präparat, um sich täglich eine Extra-Ration dieses Naturstoffs zu gönnen. Doch von der «Rundum-Wellness», die ihm der Anbieter des Produkts versprochen hatte, spürte er nichts. Als Erstes verschwand sein Appetit, dann die Lust auf Sex; stattdessen kamen Kopfweh, Schwindel und Muskelschwäche. Es dauerte lange, bis die Ärzte dahinterkamen, dass sich Bernd mit Vitamin D vergiftet hatte. Sie versuchten noch per Cortison, seine Nieren zu retten. Doch deren Verkalkung war schon zu weit fortgeschritten. Bernd ist heute ein Dialyse-Patient.

Der 60-Jährige gehört neben einer 78-jährigen Frau zu den Fallberichten, die von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft vorgelegt wurden, um im Zusammenhang mit Vitamin D vor gefährlichen Überdosierungen zu warnen. Denn die eigentlich zu den Hormonen zählende Substanz sei «zu einer Modedroge» geworden, sagt Christian Kretschmer vom deutschen Arzneimittelverzeichnis «Gelbe Liste». Die «New York Times» spricht sogar von einer «neuen Religion».

«Möchte man den Meldungen im Internet glauben, hat fast jeder Mensch ein Vitamin-D-Defizit, und es gibt kaum ein Organsystem, das nicht positiv auf Vitamin D anspricht», sagt Kretschmer. Und diese Botschaften kommen an. Im Februar des vergangenen Jahres waren in Schweizer Apotheken zeitweise keine Vitamin-D-Tropfen mehr zu bekommen, weil wegen des trüben Winters die Nachfrage explodiert war. In Deutschland wandern über sieben Millionen rezeptfreie Packungen jährlich über den Apothekentresen. Hinzu kommen unzählige Produkte, die im Internet bestellt werden. In Neuseeland und den USA konsumiert bereits jeder zweite über 50-Jährige Vitamin D in Pillen-, Tabletten- oder Pulverform.

In hohen Dosen giftig

Dabei bringen solche Präparate, wie aktuelle Studien belegen, selbst in angemessener Dosierung nur wenig Positives für die Gesundheit. So ist schon länger bekannt, dass Vitamin D die Aufnahme von Calcium und Phosphaten und damit die Festigkeit der Knochensubstanz reguliert. Darüber hinaus werden ihm auch vorbeugende und therapeutische Effekte bei Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, multipler Sklerose sowie Demenz und Depressionen nachgesagt. Diese Hoffnungen ruhen vor allem auf der Beobachtung, dass Vitamin-D-Rezeptoren an vielen Organen des Körpers zu finden sind. Ausserdem gehen viele Erkrankungen Hand in Hand mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln im Blut.

Doch die könnten, wie Endokrinologe Helmut Schatz von der Ruhr-Universität Bochum betont, «eine Folge und nicht die Ursache der Erkrankung sein». So zehren gerade Diabetes und Krebserkrankungen an den Vitaminressourcen, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass es nutzt, wenn man diese Ressourcen wieder aufrüstet. Ein Loch im Eimer schliesst sich ja auch nicht, indem man immer wieder Wasser nachfüllt. Am Internationalen Institut für Präventionsforschung in Lyon fand man bei einer Analyse der wissenschaftlichen Daten keine Hinweise darauf, dass eine tägliche Vitamin-D-Zufuhr von 10 bis 20 Mikrogramm (400–800 IE) einen Einfluss auf nicht-skelettale Erkrankungen wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen hätte. Immerhin scheinen Asthma und akute Atemwegsinfekte positiv darauf zu reagieren, und auch die Krebssterblichkeit geht geringfügig zurück. Doch das reicht nicht, um Vitamin D als Schutz gegen diese Krankheiten empfehlen zu können.

So beobachtete ein schwedisches Forscherteam der Universität Uppsala an knapp 1200 Männern, dass zwar diejenigen mit den geringsten Vitamin-D-Spiegeln im Blut ein um 50 Prozent erhöhtes Krebstodrisiko hatten – doch für diejenigen mit den höchsten Vitamin-D-Werten galt genau das Gleiche. «Aus Studien mit Mäusen ist schon länger bekannt, dass hoch dosiertes Vitamin D das Tumorwachstum und Altern beschleunigen kann», warnt Studienleiter Karl Michaëlsson. Die Dosis macht das Gift: ein Hauptproblem des Vitamin D. Nicht nur, dass es als fettlösliche, mit dem Urin unausscheidbare Substanz zum Gift wird, wenn man es in grossen Mengen verzehrt. Bis heute ist auch nicht geklärt, wann eigentlich ein Mangel vorliegt, den man behandeln muss, um das Skelett – dem «klassischen» Einsatzort des Vitamins – vor Knochenschwund zu schützen.

Kaum Unterversorgung

Einige Expertengremien verorten diesen Bereich unterhalb von 30 Nanogramm pro Milliliter Blut, das Bundesamt für Gesundheit unter 20 und das Robert-Koch-Institut (RKI) sogar erst unter zehn bis 12,5 Nanogramm. Die Stiftung Warentest hat aufgrund dieser Werte ausgerech- net, dass gerade mal zwei Prozent der Erwachsenen und vier Prozent der Kinder und Jugendlichen einen Vitamin-D-Mangel hätten. In den Werbeaussagen für Vitamin-D-Präparate, aber auch in den Statements einiger Ärzte ist jedoch von bis zu 80 Prozent die Rede.

Begründet werden diese Zahlen gerne damit, dass der Mensch zwar sein Vitamin D selbst herstellen könnte, dass dies aufgrund seiner urbanen, sonnenlichtfernen Lebensweise aber viel zu kurz käme. Doch die Evolution hätte wohl kaum zugelassen, die Versorgung mit einem so wichtigen Stoff auf Gedeih und Verderb von der aktuellen Sonnenstrahlung abhängig zu machen. Der Körper verfügt daher mit Fett, Muskeln und Leber über effektive Vitamin-D-Speicher, die durch sonnenarme Zeiten helfen. Bei den Bewohnern im subarktischen Schweden hat man daher einen ähnlich hohen Vitamin-D-Level wie im südlichen Skandinavien gefunden. Selbst nach drei Monaten in fast durchgehender Düsternis leiden sie keinen Mangel – und die Zeiten, als man im hohen Norden noch überwiegend Vitamin-D-reiche Schweinswale und Tümmler auf dem Teller hatte, sind lange vorbei.

Es besteht also kein zwingender Grund, die Bevölkerung flächendeckend mit Vitamin-D-Präparaten nachzurüsten. Ihr Einsatz sei, wie Endokrinologe Schatz betont, lediglich bei Neugeborenen zum Schutz vor Rachitis, bei Knochenerweichung als Folge von Darmerkrankungen, bei chronischen Nierenleiden und bei Nebenschilddrüsenschwäche sowie bei Osteoporose ratsam. Er warnt: «Alle anderen Begründungen für eine Vitamin-D-Einnahme sind, abgesehen von Risikogruppen wie etwa verschleierten Frauen, spekulativ.»

Das beste Mittel gegen Knochenschwund scheint – laut einer Studie der University of Missouri – ohnehin ein Kraft- und Sprungtraining von zwei bis drei Mal pro Woche zu sein. Wobei die US-Forscher betonen, dass dabei keine besonders hohen oder langen Hüpfer verlangt werden. Der grösste Sprung bestünde vielmehr darin, dass man über seinen eigenen Schatten springen muss, um mit dem Training anzufangen.