Rot leuchtet die Ampel, doch der Car fährt durch. Das blaue Licht des Polizeiwagens erhellt die Nacht Usbekistans. Am Strassenrand salutieren Soldaten. Würden sie nicht geradeaus starren, sähen sie, wie die Passagiere im Car sich irritiert angucken. Gewöhnlich eskortiert die Polizei nicht eine Gruppe von Journalisten vom Flughafen ins Hotel. Gewöhnlich werden diese auch nicht von Fernsehteams und traditioneller Musik begrüsst. Doch für ein Land, das auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 160 von 180 liegt und in der Vergangenheit unter anderem die BBC rausgeworfen hat, ist es ein grosser Schritt, ausländische Journalisten einzuladen. Es empfängt sie deshalb wie hohe Gäste. Zu den Klängen des Karnai, eines kleinen metallenen Alphorns, und der Trommeln der Doira, einer Art Tamburin, wird schon bei der Ankunft mitgeteilt: In diesem Land ändert sich gerade viel.

Nach Jahrzehnten der Abschottung will sich Usbekistan öffnen. Wie einst, zu Zeiten der Seidenstrasse, sollen ausländische Besucher durch das Land streifen und sich von den Prachtbauten überwältigen lassen. Einige sollen im 12. Jahrhundert bereits den Mongolenherrscher Dschingis Khan derart beeindruckt haben, dass er seine Zerstörungswut zumindest teilweise zügelte. Auf der touristischen Weltkarte sind diese kulturellen Schätze jedoch weitgehend unbekannt. Wer einmal vor ihnen gestanden hat, kann sich darüber nur wundern. In Usbekistan unterwegs zu sein, fühlt sich an, als trete man in die Filmkulisse eines Märchens aus 1001 Nacht. Doch die dicken Lehmmauern, die grünen Maulbeerbäume oder die feingliedrigen Ornamente – die hat sich kein Szenograph ausgedacht. Sie sind historische Zeugen. Zeugen frühen Prunks und Glanzes.

Dabei ist in Usbekistan nur ein Drittel der Fläche bewohnt, der Rest ist Wüste. Einst zogen Karawanen hindurch, rasteten in den Oasen und verwandelten diese in wohlhabende Städte. Chiva, Buchara, Samarkand – sie waren solch blühende Zentren. Ihr Glanz begann zu bröckeln, als Seefahrer neue Handelsrouten erschlossen. Neben Liechtenstein ist Usbekistan das einzige doppelte Binnenland. Das heisst: Zwei Länder müssen immer durchquert werden, um das Meer zu erreichen.

Wodka und Gebete

Wer Anfang Mai über staubige Strassen nach Chiva fährt, passiert braune Ackerbrachen. Bald spriessen hier die ersten Pflänzchen. Durstig, nach Wasser verlangend. Jenem Gut, das durch den Klimawandel in Usbekistan immer rarer wird. Dennoch werden bis heute rund um die Wüstenstadt Reis und Baumwolle angepflanzt. Chivas Altstadt gilt – wie jene in Buchara und Samarkand – als Unesco-Weltkulturerbe. Mit ihren Lehmbauten, türkisen Kuppeln und den Palästen orientalischer Herrscher ist sie eine eigentliche Museumsstadt. Nur etwa 1200 Menschen leben darin. Der Alltag der 100'000 Einwohner findet ausserhalb des historischen Kerns statt. Ausser sonntags. Da kraxeln Kinder auf den mit Türmchen und Bastionen geschmückten Stadtmauern. Familien schlendern zwischen Marktständen mit Pelzhüten und Keramikschüsseln, schlecken Soft Ice oder essen Hot Dogs. Sie fotografieren sich mit einem Gaukler, der auf einem fliegenden Teppich zu schweben scheint, oder lassen einen Vorbeter Koran-Verse für sie rezitieren. Die meisten Usbeken sprechen die arabische Sprache nicht.

Als unabhängiger Staat ist Usbekistan ein junges Land. Zwei konträre Weltanschauungen haben es geprägt. Da waren orientalische Herrscher mit dem Islam. Da waren aber auch die säkularen Sowjets, die in den 1940er-Jahren öffentlich Tschadors verbrannten und die Schulpflicht für Mädchen einführten.

Wohl deshalb sind heute Begegnungen mit Germanistik-Studentinnen möglich, die in Jeans gekleidet sind und ihre Haare offen tragen. Wir stehen in Buchara zwischen Basaren und einem 46 Meter hohen Minarett, als sie uns ansprechen. In Gesprächen mit Touristen wollen sie ihr Deutsch verbessern – und legen los: Wie alt sind Sie? Sind Sie verheiratet? Eine weitere Frage – vermutlich nach Kindern – geht unter. «Was? Über dreissig und nicht verheiratet. Wie ist das möglich?» In Usbekistan ginge das nicht, schieben sie fast entschuldigend nach.

Frauen heiraten Anfang zwanzig. Mehrheitlich arrangieren die Eltern die Hochzeit. Die Suche nach dem passenden Bräutigam beginnt mit der Volljährigkeit der Töchter. Dann schwärmt die Generation jener Tanten und Mütter aus, die in Kleider voller bunter Blumenmuster steckt und beim Lächeln Goldzähne aufblitzen lässt – ein Mode-Relikt aus Sowjetzeiten. Ihre Vorschläge können die jungen Frauen zwar ausschlagen, doch in der Regel fügen sie sich dem Wunsch der Eltern. Diese sind in Usbekistan nicht nur Respektspersonen, sondern «kismet» – göttliches Schicksal. Noch heute wird die Zahl der arrangierten Hochzeiten auf 70 Prozent geschätzt. Selbst in den grösseren Städten turteln praktisch keine Pärchen. Freundschaften zwischen Männern und Frauen sind auch nach der Hochzeit Tabu – und bis heute bezeichnen usbekische Frauen ihren Ehemann als «Besitzer». Das irritiert aus westlicher Sicht umso mehr, da Usbekinnen selbstbewusst auftreten, Hotels führen oder an Hochschulen unterrichten.

Als Touristin lässt es sich problemlos unterwegs sein. Lechzende Blicke, brüske Annäherungsversuche gibt es kaum. Und obwohl in Moscheen traditionellerweise nur Männer beten, können Touristinnen unverhüllt und ohne Kleidervorschriften in historisch bedeutsame Gotteshäuser eintreten.

Der Islam ist vorherrschende Religion, doch das Land legt Wert darauf, säkular zu sein. Der Staat kontrolliert die Ausbildung und teilweise auch die Predigten der Imame. Von den Minaretten hört man keinen Muezzin rufen und religiös gekleidete Personen trifft man nur selten. Die Sowjets haben ihren Teil dazu beigetragen, Regeln aufzuweichen. So spülen Usbeken ihr fleischlastiges Essen munter mit Wodka runter.

In Moscheen und Medresen – islamischen Hochschulen – türmen sich die Auslagen der Souvenirverkäufer. Etwa in der Stadt Samarkand. Ihr Hauptplatz namens Registan ist gleichzeitig ihr Wahrzeichen. Drei monumentale Medresen präsentieren eine Schönheit, in der man sich verlieren kann. Türkis glänzen die grossen Kuppeln, Ornamente in allen Blautönen klettern die Wände hoch und in den Innenhöfen spenden Maulbeerbäume etwas Schatten. Auch eine üppig mit Gold verzierte Moschee findet sich hier. Wer unter ihrer Kuppel den Kopf in den Nacken legt, blickt in Kreise filigraner Blätter und Blumen. Sie sind symmetrisch so perfekt angeordnet, dass es scheint, als würde man in ein überdimensioniertes Kaleidoskop gucken.

Prunk und Plattenbauten

Es lohnt sich, Usbekistan vom Nordwesten des Landes in Richtung Osten zu bereisen. Einem Crescendo gleich stellt sich auf der Route Chiva–Buchara–Samarkand stets aufs Neue das Gefühl ein, am Höhepunkt der Reise angekommen zu sein. Das Finale findet sich in der Gräberstadt Schah-i Sinda in Samarkand. Wer durch die Gasse dieser Mausoleen schreitet, taucht in die mittelalterliche Keramikkunst ein. Blau gekachelt ragen links und rechts die Wände empor, schöpfen die Farbe in allen Nuancen aus und geben den Blick auf verschnörkelte Pflanzen, geometrische Muster oder Schriftzüge frei. Dem Tod eine solche Pracht gewidmet hat Amir Timur. Der Feldherr herrschte im 14. Jahrhundert und schuf mit seinem ausgeprägten Grössenwahn diese Monumentalbauten. Wohl ganz im Sinne Timurs haben ihn die Usbeken nach der Unabhängigkeit als Nationalhelden wiederentdeckt und stellen ihn nun im ganzen Land auf Sockel.

Wer durch die Altstädte bummelt, vergisst schnell, dass auch eine andere Architektur die Orte prägte: Plattenbauten. Ausserhalb der Lehmmauern reihen sich fahle Blöcke und bilden in ihrer kargen Funktionalität einen krassen Gegensatz zur orientalischen Üppigkeit. Hammer und Sichel sind zwar von den Fassaden verschwunden, doch die monotone Handschrift der sowjetischen Bauart definiert ganze Quartiere.

Der Usbeke Zoirshoh Klichev hat in der UdSSR als Staatsarchitekt gearbeitet und sich auf die Restaurierung historischer Gebäude spezialisiert. Während der Sowjetzeit sei viel zerstört worden, sagt er. Enge Gassen und hohe schattenspendende Wände mussten Boulevards und Beton weichen, die der brennenden Sonne kaum etwas entgegensetzen. Das Wissen der früheren Baukunst sei fast verloren gegangen, sagt Klichev: «Die Sowjets sorgten dafür, dass wir unsere Wurzeln fast vergessen haben. Während meines Studiums lernte ich über die Architektur anderer Länder, aber praktisch nichts über unsere Baukunst.» Bis heute drohen historische Gebäude verloren zu gehen. Primär durch Private, die sich nicht um Bauvorschriften kümmern. Denn auch in Usbekistan gilt: Altes zu restaurieren ist weitaus teurer als Neues zu bauen. Der Weg sei noch lange, sagt Klichev, aber er habe grosse Hoffnung in den Präsidenten.

Damit ist er nicht allein. Ob Architekt, Reiseleiter, Landwirt oder Handwerker – sie eint die Zuversicht in Schawkat Mirsijojew. 2016 übernahm er die Nachfolge des verstorbenen Islom Karimov, der das Land seit der Unabhängigkeit regierte und abschottete. Mirsijojew will dies ändern. Als Zeichen davon hat er die Einreise erleichtert. Seit Februar kommen etwa Schweizer und Deutsche visafrei ins Land.

Auch Behruz Hamzaev lobt den Präsidenten überschwänglich. Der Marketingleiter des Tourismusministeriums sagt: «Der Tourismus soll einer der stärksten Wirtschaftszweige des Landes werden.» In den nächsten zwei Jahren sollen die Anzahl Hotelbetten verdoppelt und die Flugverbindungen ausgebaut werden. Inwiefern der neue Präsident tatsächlich gewillt ist, das Land zu öffnen, muss sich zeigen. Etwa dann, wenn Journalisten nicht wegen kultureller Schätze ins Land reisen.