Ausflug

Unser Autor wurde im Jura voll verregnet – Weshalb er trotzdem zurück will und was er das nächste Mal anders machen würde

Mit dem E-Bike durch den Naturpark Jura Vaudois. Trainierte Biker können auf die elektrische Unterstützung gut verzichten. Wetterfeste Kleidung ist so oder so Pflicht.

Mit dem E-Bike durch den Naturpark Jura Vaudois. Trainierte Biker können auf die elektrische Unterstützung gut verzichten. Wetterfeste Kleidung ist so oder so Pflicht.

Es gibt Angenehmeres, als mit dem Bike bei Wind und Regen durch den Waadtländer Jura zu strampeln. Auch wenn man dabei elektrische Hilfe hat. Unser Autor erinnert sich dennoch mit Freude an seine Reise zurück.

Eigentlich hätte alles anders kommen sollen. Das Programm sah vor, dass wir uns am Freitag in Le Sentier, einem 3000-Seelen-Dorf am südwestlichen Ende des Lac de Joux, treffen. Für eine E-Bike-Tour durch den Naturpark Jura Vaudois (siehe Karte).

© CH Media

Drei Tage, zwei Nächte, Start und Ziel beim höchsten See des Juragebirges. Doch dann kam der Regen und warf unsere Pläne über den Haufen. Den Lac de Joux bekam ich letztlich gar nie zu Gesicht. Aber dazu später.

Die Wetterprognose verschlechterte sich so drastisch, dass einen Tag vor Beginn der Tour entschieden wurde, die erste Etappe zu streichen. Statt den steilen Anstieg von Le Sentier hoch zur Alm Pré de Bière unter die Pedale zu nehmen und dann weiter nach Arzier-Le Muids zu fahren, treffen wir uns also in Nyon, von wo wir mit dem Postauto durch Einfamilienhausquartiere und Rebberge zum Tierpark La Garenne kurven. Die Wolken hängen grau über dem Juramassiv, es nieselt. Sobald wir in Le Vaud aussteigen und zum Zoo marschieren, beginnt es, wie aus Kübeln zu giessen.

La Garenne ist kein klassischer Tierpark, vielmehr ein Refugium für heimische Wildtiere, die auf der Strasse angefahren oder sich anderweitig verletzten und aufgefunden wurden. Die Ursprünge gehen auf den Gefängniswärter Erwin Meier zurück. «Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass wir den Park, wie wir ihn heute kennen, 2014 bauen konnten», erzählt Stéphanie Massy, Rangerin im Park, mit Geierfeder im Lederhut und Bindeglied zwischen Mensch und Tier.

Im März 2016 konnte der Park neu eröffnet werden.Wildschweine (eines davon wurde einst von einer älteren Frau in ihrem Wohnzimmer grossgezogen), Luchse, Damhirsche, aber auch zahlreiche Vogel­arten haben hier eine neue Heimat ­gefunden. Stéphanie erzählt:

Gelingt das nicht, ­bekommen sie in La Garenne eine neue Heimat.

Steinböcke im Tierpark «La Garenne» in diesem Sommer.

Steinböcke im Tierpark «La Garenne» in diesem Sommer.

Die finden auch wir in der «Au­berge de l’Union» in Arzier. Bloss für eine Nacht, aber im Zimmer mit den massiven Holzbalken direkt unter dem Dach umhüllt einen sofort ein Gefühl von Heimat. Und das kuschlige Bett lässt die erkalteten Glieder rasch Wärme tanken. Der Fisch, der Wein, der Käse – fast alles, was hier serviert wird, kommt aus der Region.

Wer kennt Romainmôtier? Hier heiratete einst ein US-Superstar

Eine Region, die wir am nächsten Tag trotz tief hängenden Wolken mit dem E-Bike erkunden. Vorbei an der zweitältesten Linde der Schweiz in Marchissy (sie wurde irgendwann im 14. Jahrhundert neben der Kirche am Ortseingang gepflanzt) pedalen wir der Veloroute 50 entlang.

Die zweitälteste Linde der Schweiz neben der Kirche von Marchissy.

Die zweitälteste Linde der Schweiz neben der Kirche von Marchissy.

Wir pausieren kurz beim Schloss von L’Isle, erbaut Ende des 17. Jahrhunderts nach den Plänen von Jules Hardouin-Mansart, dem Architekten von Louis XIV, dem Sonnenkönig. Dann geht es weiter an Feldern und Weiden vorbei, durch den urchigen Wald nach Moiry bis Romainmôtier.

Eingebettet im idyllischen Tal des Nozon entdecken wir die ockerfarbenen Steindächer dieses verschlafenen Nestes. Kaum zu glauben, dass hier Mitte der 80er-Jahre die amerikanische Sängerin Diana Ross den norwegischen Geschäftsmann Arne Naess in der Abteikirche ehelichte, wie uns Monique Chevalley auf einer ihrer historischen Führungen erzählt.

Das malerische Dörfchen Romainmôtier ist unbedingt einen Besuch wert.

Das malerische Dörfchen Romainmôtier ist unbedingt einen Besuch wert.

Die Kirche ist Teil des ältesten romanischen Klosters der Schweiz, das nach dem Vorbild des berühmten Klosters von Cluny in Frankreich gebaut wurde. «Getanzt hat die illustre Gesellschaft damals im Haus des Priors», erzählt Chevalley.

Der Journalistin und Abenteurerin Katharina von Arx ist es zu verdanken, dass dieses imposante Gebäude noch erhalten ist. 1959 erwarb sie eine Ruine, heute ist es ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Einst gebaut als Gasthaus an einem der Pilgerwege nach Santiago de Compostela, bewirtet heute der gebürtige Berner Ulrich Indermühle Gäste im «Maison du Prieur». Sein Hähnchen vom Kaminfeuer ist ein Gaumenschmaus, dessen Duft einem schon beim Betreten der historischen Gemäuer in die Nase steigt. Draussen plätschert der Regen auf den von Jahrhunderten gezeichneten Kalkstein, drinnen knistert das Feuer im offenen Kamin.

Die Nacht ist kurz, wir wollen zeitig los. Doch der Geruch von frischem Gebäck lockt am Ortsausgang in die Boulangerie Fleur de Farine. Croissants, Pain au Chocolat und das typische Nussbrot führen an diesem Sonntagmorgen das halbe Dorf in die Bäckerei. Wir sichern uns mit etwas Glück die letzten Plätze auf einem der gemütlichen Sofas, schlemmen und trinken Tee und Kaffee, ehe wir uns die Regenjacken wieder überstreifen und in strömendem Regen die 400 Höhenmeter zur Bergerie du Petit-Boutavent unter die Räder nehmen.

Triefend nass erreichen wir den Hof von Luc Rempe. «Als wir vor 20 Jahren hier anfingen, gab es weder eine Strasse noch Strom oder Licht», erinnert sich der gelernte Käser mit dem buschigen grauen Bart. Seine Frau, ihre Kinder sowie die befreundete Familie ­Viande haben sich alles selbst aufgebaut, das Haus renoviert, den Stall für die rund 80 Schafe neu errichtet. Nach ihren Vorstellungen. So wie er es liebt, frei und unabhängig.

«Wir könnten nicht von dem leben, wenn wir an die grossen Detailhändler liefern würden», sagt er. Darum geht er auf die Märkte in Nyon, Morges oder Le Sentier, verkauft Käse und Joghurts aus Schafsmilch. Er liebt das Gespräch mit den Menschen, und sie lieben ihn und seine Produkte. Rempe erklärt:

Nach ein paar Bissen Schafskäse geben die Velofahrer auf

20 verschiedene Käsesorten stellen sie her, vom Feta bis zum Brie. Dazu rund 15 verschiedene Sorten Joghurt, wo immer möglich mit Produkten aus der Region. «Die Tiere geben uns den Rhythmus vor», sagt Rempe. Konkret heisst das: Käse machen kann er nur, wenn die Schafe Milch geben, und das ist im Frühjahr und im Sommer, wenn die Schafe ihre Jungen gebären.

Wir hätten weitergewollt, runter an den Lac de Joux. Aber als wir unsere nassen Glieder in der Küche der ­Rempes bei heissem Tee wärmen, entschliessen wir, die Reise abzubrechen. Quasi auf dem Höhepunkt, an der Flanke des Dent de Vaulion, mit göttlichem Schafskäse zwischen den Zähnen. Der grösste See des Juragebirges ist nur einer von mehreren Gründen, zurückzukehren. Auf dem Mountainbike, ohne elektrische Unterstützung. Denn irgendwie passt das Leiden am Berg zu gut zur rauen Natur hier.

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