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Unser Autor hat direkt nach der Grenzöffnung Mailand besucht – und fand eine Stadt in Starre

© Christian Berzins

Es musste sein. Kaum hat Italien seine Grenze geöffnet, spaziert unser Autor von Chiasso über den Zoll nach Como. Das Ziel: Mailand.

Das ist kein Corona-Artikel. Hier geht es um Engel und Träume, um Düfte, um das schönste Theater der Welt und vor allem um die Liebe zu einer Stadt. Und ja: Da ist die Frage im Raum, ob man eine Stadt überhaupt lieben kann, da es ihr egal ist, ob es uns gibt. Wie auch immer. Die Sehnsucht, Mailand wiederzusehen, war so gross, dass ich beim erstmöglichen Zeitpunkt hinfahren musste, auch wenn es kein Ausstellung und schon gar keine Oper zu sehen gäbe. Der Moment kam am 3. Juni.

Um 6. 10 Uhr fuhr der Zug in Zürich ab und dauernd pochte die Frage: Würde ich in Chiasso über die Grenze kommen?

© Christian Berzins

Mehr, als dass 400 Meter entfernt vom Bahnhof der Zoll sein würde, wusste ich nicht. Doch kaum hatte ich den Speisewagen verlassen, stiegen aus der 2. Klasse Menschen mit Koffern: Junge Frauen, alte Männer, Russen, Südamerikaner, Italiener – alles wollte Richtung Süden. «Mir nach!», rufe ich in Gedanken, enteile aber, um allfälligen Wartereien auszuweichen.

Bei der Einreise in die Schweiz ist einiges los, «drüben» aber stehen bloss drei Beamte der italienischen Finanzpolizei. Eine 70-jährige Tessinerin ruft ihnen zu, ob sie im Gebäude durch den Schalter gehen müsse. Die drei zucken nicht einmal mit den Schultern.

© Christian Berzins

Ist unser Weg frei zum Bus, dann in den Regionalzug nach Mailand?! Ist da vorn, nein, vielleicht schon da, wo ich stehe, Italien!? Ein Schritt noch … und die Dame beginnt zu weinen. Sie schluchzt:

und lacht schon wieder. Als ob Gefahr drohe, dass uns noch jemand einholt und «hiergeblieben!» brüllt, machen wir fünf rasche Schritte vorwärts, sagen uns «arrivederci», «addio» hätte der Situation entsprochen.

Schon sehe ich die Bushaltestelle. In der Bar gegenüber gibt es Fahrkarten, ich nehme gleich zwei. «Hast du Spiccioli, Kleingeld?», fragt der Barista. Ich komme statt auf 2.60 nur auf 1.60 Euro. «Dann nimm halt nur eine Fahrkarte», sagt er. Ich schmunzle ob der Geschäftsuntüchtigkeit und murmle: «Italien, ich liebe dich.»

Der Bus zum Bahnhof kommt! Um den Entwerter zu erreichen, muss man sich über die Absperrung strecken. Kaum einer tut’s, und prompt poltert der Fahrer los: «Ihr zwei habt abgestempelt, bene, die anderen sind drüben in der Bar, aber die zehn da hinten mit den Koffern, woher haben die ihre Biglietti?!» Er verwirft die Hände, murmelt, flucht – und fährt ab.

Hinten im Bus sammelte sich tatsächlich der erste Teil der Italien-Heimkehrer, der Ausgeschlossenen, der Gestrandeten. Der Bus riecht und stinkt prächtig nach Welt. «Stazione!», brüllt der Autista nach zehn Minuten.

Lange Gesichter hinten, denn da ist weit und breit kein Bahnhof zu sehen. Die Strasse entlang, dann durch einen Park und schliesslich eine lange Treppe hoch geht es aber zum Tor der Welt, an den Billettschalter! Doch die Sportelli sind zu, die Automaten funktionieren nicht. «Am Kiosk, vorn», weist mir ein Putzmann den Weg. Es ist 9.30 Uhr, erst um 9.49 Uhr fährt der Zug, ich stürze den ersten italienischen Caffè hinunter.

Kaum da, hat man die Pistole am Kopf

10.51 Uhr, Milano Garibaldi! Einst im Niemandsland, heute der Ort, wo das Mailand der Zukunft gebaut wird. Das Baumhaus grüsst zur Linken, vorn weist mir der 231 Meter hohe Unicredit-Turm den Weg. Hinein in den Corso Como, wo Männer, die aussehen wie der 27-jährige Jean Paul Belmondo, Kaffe trinken mit Frauen, die lettischen Models gleichen. Die Masken haben sie längst abgestreift.

Links liegt «Eataly», das dreistöckige Delikatessen-Schloss, doch bevor ich es betreten darf, wird mir eine Pistole an den Kopf gehalten. Was er da tue, fragt das Landei aus der Schweiz. Ich messe Ihnen die Temperatur, sagt der Herr so, dass es klingt wie «Kommst du direkt vom Mond oder warst du vorher noch auf dem Mars?»

© Keystone

Eine Rolltreppe, dann die zweite hoch – und nun wird die Nase lang und länger: Da liegen die Salumi, dort hängen die Schinken, gegenüber der Käse. Es ist der Duft, für den sich die Zugfahrt schon gelohnt hat. Im selben Moment erreicht mich ein SMS vom Chefredaktor:

Ich kaufe 90 Gramm Prosciutto di cinta senese: Das Kilo für 99 Euro 90. Hundert Gramm Tomaten-Sardinen von Pollastrini aus Anzio sowie ein Glas genuesischer Pesto kommen dazu. Im Notfall werde ich am Zoll alles sekundenschnell hinunterwürgen.

Vorwärts, im Zentrum wartet ein unscheinbares Gebäude, Mauern, welche die schönste Oper der Welt verstecken: das Teatro alla Scala.

© Jean-Christophe BENOIST / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0

Den Corso Garibaldi hoch, vorbei am Häuserfrontgrossen Armani-Plakat, das dort seit ewig hängt: Aktuell zeigt es eine Krankenschwester in Schutzanzug, Italien wie ein Baby im Arm: «Per ripartire in sicurezza abbiamo ancora bisogno di lei», unterschrieben mit «Giorgio Armani»: «Um wieder sicher starten zu können, brauchen wir sie noch.» Die Krankenschwester trägt Engelsflügel.

© Christian Berzins

«Müde, stumm und schön» – und tot

Dann steht sie da, die Scala, stumm und verriegelt. «Stanca, e muta, e bella» singt Otello im Finale, wenn er zur geliebten Desdemona spricht: «Müde, stumm und schön.» Und tot. In den Vitrinen hängen die Anzeigen vom Februar. Bis 4. April, so ein Kleber, könne nicht gespielt werden. Ich streiche an der Scalawand entlang, wäre ich ein Sagenheld wie Siegfried oder ein Prinz in rosa Pluderhosen, würde ich die Scala jetzt küssen. Wer weiss, ob dann nicht plötzlich alle Türen aufgehen würden und sie zu singen begänne?

Durch die Galleria Vittorio Emanuele komme ich zum Duomo.

© Christian Berzins

Als müsste ich Abbitte tun, da ich so lange nicht hier war, zahle ich 3 Euro, spaziere hinein – und bin ganz allein im Wunderraum.

© Christian Berzins

Es vergehen Stunden oder Minuten. Das weiss man in solchen Momenten nicht genau; man weiss dann auch nicht, ob Engel gerade durch den Raum oder durch die Seele flitzen.

In der Via Monte Napoleone, wo sich Gucci, Prada & Co. mit Schaufensterauslagen übertrumpfen, ist wenig los. Und doch könnte man hier innerhalb von neun Minuten 10000 Euro für zwei Sommerkleidchen für eine Liebe und einen Anzug ausgeben. Wie immer hängt bei Valentino das schönste Kleid, es mahnt, dass es Sommer wird.

© Christian Berzins

In der Bar Cova, dem Zentrum der Strasse, wird mir erneut die Temperatur gemessen.

© Christian Berzins

Am Banco, wo sich gegen Mittag die Leute auf den Füssen stehen, steht eine einzige Dame. Eine Kordel hält uns vom Tresen fern. Ich bestelle einen Arneis, und wie eh und je werden dazu Stuzzichini gereicht: Schälchen mit Lachsbrötchen, Nüssen und Chips. Zum Schluss sagt der Barista tatsächlich «grazie», hier, wo man mindestens der Scala-Direktor sein musste, um beachtet zu werden.

Wo essen? Beim Sternekoch Andrea Berton, im coolen «Ratana»? Ich wähle «Rigolo», wo ich schon Geburtstage feierte, wo das alte Mailand lebt. Freudig und mit Ellbogenschlag begrüsst mich Padrone Renato Simoncini: «Möchten Sie wie immer am Tisch hinten links am Fenster sitzen?», fragt er.

© Christian Berzins

Tartare di tonno rosso, Spaghetti alle vongole veraci, Filetti di sgombro, es wird ein Fest.

© Christian Berzins

Gegenüber sitzen drei Russinnen, die aus einer «Drei Schwestern»-Inszenierung gefallen sein müssen: Irina, Mascha und Olga.

Reisen wir nicht auch, um zu erleben, dass die Welt ein Theater ist, um von Idealen zu träumen, von noch schöneren Städten, von noch ausgelasseneren Partys, wo die Freunde juchzend Champagner trinken? Momentan juchzt niemand in Mailand. Meine Reise glich einem fröhlichem Leichenschmaus, bei dem aber alle wissen, dass die Tote noch lebt. Und uns braucht.

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