Jugendsprache

Sprachforscher: «Jugendliche müssen ihre Sprache ständig erneuern»

Der Purple-Park im Basler Gundeldinger-Quartier. «Es isch so Fisch» («Verstehe nur Bahnhof») kennen nicht alle Anwesenden. Auch das ist typisch für Jugendsprache: Jede Gruppe kennt eigene Codes und Wörter.

Sprachforscher Martin Luginbühl gesteht: Auch er, der sich beruflich mit ihrer Sprache auseinandersetzt, sei ab und zu ratlos, wenn Jugendliche miteinander sprechen. Bei seinen mittlerweile volljährigen Kindern etwa habe er häufig nur erahnen können, wovon sie es gerade hatten.

Dabei weiss der Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Basel vom raschen Wandel der Jugendsprache. Seine Spezialgebiete sind unter anderem Neuere Sprachgeschichte und digitale Kommunikation.

Warum gibt es überhaupt eine Jugendsprache?

Martin Luginbühl: Da muss ich gleich einschränken: Es gibt nicht die Jugendsprache. Das ist ein Mythos, den die Sprachwissenschaft teilweise selber ins Leben gerufen hat.

Die Jugendlichen sprechen zwar anders als Erwachsene, wie jede und jeder tagtäglich im Tram beobachten kann. Aber wenn es die Jugendsprache nicht gibt, wie kann man sie dann erforschen?

Man kann den Sprachgebrauch von einzelnen Gruppen untersuchen, bis zu kleinen Einheiten, etwa eine «Whatsapp»-Gruppe. Schon die hat eigene Codes, zum Beispiel, wenn ein bestimmtes Emoji für einen Lehrer steht. Eine weitere Schwierigkeit ist der Wandel. Die Jugendsprachen verändern sich ständig, werden von ihren Sprechern stetig umgestaltet, je nach Situation, Funktion, Kontext. Das macht das Phänomen schwer greifbar. Vieles ist noch nicht untersucht. Was wir aber sagen können: die verschiedenen Sprechweisen von Jugendlichen unterschieden sich in ihrer grundlegenden Funktionsweise nicht von denjenigen anderer Gruppen.

Die Funktion, die da wäre?

Es geht immer um Identität und Alterität. Die Sprecher wollen sich mit dem Gebrauch von bestimmten Ausdrücken, Redewendungen, Zeichen und so weiter zu einer Gruppe zugehörig identifizieren – und sich gleichzeitig gegenüber anderen Gruppen abgrenzen. Heute geht man davon aus, dass Identität nichts Stabiles ist. Der Mensch kommt nicht auf die Welt und besitzt eine Identität. Sie ist fluid, ständig im Wandel. Sie entsteht auch – oder vor allem – über Kommunikation. Weil die Jugend eine Lebensphase ist, in der sich eine stabile Identität erst noch bilden muss, ist die Kommunikation eminent wichtig.

Die Jungen grenzen sich mit ihrem Slang gegenüber den Erwachsenen ab. Die Jugendsprache ist jedoch mittlerweile längst bei den Erwachsenen angelangt – es gibt 50-Jährige, die «geil», «chillen» und «flexen» sagen.

Das stimmt, die Abgrenzungsfunktion funktioniert relativ rasch nicht mehr. Das hat mit dem Jugendkult in unserer Gesellschaft zu tun. Wir wollen so lange wie möglich jung und jugendlich herüberkommen. Die Sprache ist ein Mittel dazu. Der zweite Faktor sind die Medien sowie die Unterhaltungs- und Werbeindustrie. Sie alle sind auf Jugendliche als wichtige Kundengruppe zugeschnitten. Ganze Marketingabteilungen sind damit beschäftigt, den Jugendlichen aufs Maul zu schauen, sie ihrer Sprache zu enteignen, indem man ihre Sprache kommerzialisiert und für die eigenen Zwecke benutzt. Aber es sind immer nur Teile, Versatzstücke, eine Art Sekundärsprache, welche von Medien und Werbung reproduziert werden. Ein grosser Teil der Kommunikation, die junge Menschen anwenden, bleibt verborgen. Kommt hinzu: Die Jugendlichen wollen mit ihrer Sprache die Erwachsenen nicht zuletzt auch schockieren, etwa mit dem starken Gebrauch von Schimpfwörtern und vulgären, häufig sexualisierten Begriffen wie «fuck». Diesen Teil der Jugendsprache wollen die Erwachsenen gar nicht übernehmen.

Man hat den Eindruck, dass die Jugendsprache immer früher übernommen wird. Veralten die Begriffe auch viel schneller?

Ich glaube schon, dass sich die Jugendsprache wegen dieser Angriffe der Erwachsenenwelt, wenn wir das mal so nennen wollen, immer rascher erneuert. Das hat auch mit neuen Kommunikationsmedien zu tun, die Jugendsprache häufig öffentlich zugänglich machen. Die Jungen müssen folglich ihre Zeichensysteme permanent ändern, immer wieder neu codieren. Aber gerade das ist auch ein Element, das die Jugendsprache stark auszeichnet: ihre Innovativität, das spielerische Element. Etwa dann, wenn Bedeutungen umgekehrt werden. Meine Kinder sprachen eine Zeit lang von «Sturm», wenn wir Eltern nicht zu Hause waren. Das ist das Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung. Mit dem Spiel mit der Sprache demonstrieren die Sprecher auch Kompetenz. Nur wer die Regeln beherrscht, kann sie brechen.

Warum wehren sich junge Menschen nicht stärker gegen die Angriffe? Offenbar sprechen sie auf die auf jugendlich gemachte Reklame an, die sich an sie richtet.

Es gibt auch Beispiele, bei denen diese Strategie nicht funktioniert hat. Die Jugendlichen empfinden solche Werbung dann als anbiedernd. Aber auch hier muss man ausholen. In unserer Gesellschaft gibt es immer weniger definitive Abgrenzungen zwischen den Lebensphasen. Wir sind normtoleranter geworden. Diese Informalisierung betrifft viele Lebensbereiche, etwa die Kleidung. Ich sitze Ihnen als Universitätsprofessor im T-Shirt gegenüber. In den 1950er-Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Sie wären wohl auch nicht irritiert, wenn ich Hemd und Krawatte tragen würde. Aber eben: Jeans und T-Shirt sind heute auch OK. Das sagt viel aus.

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