Eine Bar in Baden: Zwei junge Männer sitzen am Holztisch, zwei Biere vor ihnen und ein Bildschirm mit Fussballmatch hinter einem der beiden. Sie unterhalten sich angeregt, das Ausgleichstor von Dortmund gegen Bremen scheinen sie gar nicht zu bemerken. Das kurze Aufleuchten neuer Nachrichten ihrer auf dem Tisch liegenden Handys unterbricht dagegen immer wieder das Gespräch. Auf jeden solchen Reiz hin folgt der reflexartige Fingertipp auf den Bildschirm.

Wer heute mit einem Freund in der Bar sitzt, steht gleichzeitig in Kontakt mit jenen Bekannten, die nicht da sind. Er tauscht mit ihnen Nachrichten aus oder reagiert mit «Gefällt mir»-Clicks auf ihre neusten Beiträge auf sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook. Für «Digital Natives» ist es eine Selbstverständlichkeit, sich parallel dem Mobiltelefon und dem Gegenüber zu widmen. Nur – echtes Multitasking gibt es nicht, jeder Blick auf das Telefon zieht ein Stück Aufmerksamkeit vom Gegenüber ab. Die digitale Verbindung zu nicht anwesenden Bekannten geht auf Kosten des Kontakts zu den direkt anwesenden Menschen.

Ohne Handy weniger einsam

Zwar ermöglichen es soziale Medien den Nutzern, sich zu vernetzen. Doch eine Studie der Universität Pennsylvania, die im November erschien, hat gezeigt: Wenn Menschen die Nutzung sozialer Medien einschränken, fühlen sie sich weniger einsam. Das wirkt nur auf den ersten Blick paradox – denn Plattformen wie Facebook und Instagram sind nicht darauf ausgelegt, den Nutzern möglichst gute Freundschaften zu ermöglichen, sondern möglichst lange ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Nur das zahlt sich aus für die Anbieter der scheinbar kostenlosen Dienste, die sich über Werbung finanzieren.

Wer diese Netzwerke nutzen will, ohne seine Autonomie zu verlieren, muss sich deshalb auf einen harten Kampf einstellen. Das schreibt der amerikanische Informatiker Cal Newport in seinem neuen Buch «Digital Minimalism». Er empfiehlt darin, viel weniger Zeit mit der Nutzung digitaler Technologien zu verbringen. Vor drei Jahren hat er bereits einen Bestseller zum Umgang mit Ablenkungen bei der Arbeit geschrieben, «Deep Work» (deutscher Titel: «Konzentriert arbeiten»). Es seien die Rückmeldungen auf dieses Werk gewesen, die ihn dazu gebracht hätten, sein neues Buch zu schreiben.

Gut möglich, dass auch sein neues Werk zum Bestseller wird. Denn viele Menschen fühlen sich durch digitale Medien gestresst. Manche besuchen sogar Camps, in denen sie dafür zahlen, für eine Woche oder zwei das Handy weglegen zu müssen – und kehren danach zu den alten Gewohnheiten der Mediennutzung zurück. Dieses sogenannte Digital Detox wurde vor einigen Jahren schon Trend. Nützen tut es nicht. Auch nicht, wenn man sich täglich ein bisschen digital entgiftet: Ein Team von Psychologen der Universität Zürich hat das untersucht. Ihre Studienteilnehmer mussten während zweier Wochen jeden Tag zweimal eine Stunde ohne Handy auskommen. Wohler fühlten sie sich dadurch nicht – sie kompensierten die Auszeit sogar, indem sie danach umso mehr Zeit am Smartphone verbrachten.

Überfordert mit Nichtstun

Das passt allerdings zur Beobachtung von Cal Newport: Der moderne Mensch hat schlicht verlernt, Zeit ohne Smartphone zu verbringen. Er hat sich angewöhnt, jede kleinste Pause mit dem Blick auf den Bildschirm zu füllen – vom Warten auf den Bus über die Liftfahrt bis zu den Sekunden, während derer die Kaffeemaschine die Tasse füllt. Wenn er plötzlich freie Zeit ohne digitale Impulse verbringen muss, ist er überfordert.

Wer seine Gewohnheiten der Mediennutzung verändern will, muss deshalb laut Newport zuerst lernen, die entstehende Leere zu füllen. Der Autor empfiehlt, mit einem Monat radikaler digitaler Entrümpelung zu beginnen. Während dieser Zeit dürfen nur diejenigen digitalen Technologien genutzt werden, bei denen der Verzicht dem Nutzer ernsthaft schaden würde. Geschäftliche Mails checken ist also nach wie vor okay, wenn der Arbeitgeber dies fordert – aber Netflix und Facebook sind tabu. Wer am Ende dieses Monats angelangt ist, soll sich dann fragen, welche Technologien ihm tatsächlich von grossem Nutzen sind – und ob sich dieser Nutzen nicht vielleicht auf andere Weise besser erreichen liesse.

Klar, mit der Cousine in Kanada in Kontakt zu bleiben, ist wertvoll – doch ist das Klicken der «Gefällt mir»-Schaltfläche bei ihren Facebook-Posts der beste Weg dazu? Wie wäre es, ihr stattdessen von Zeit zu Zeit einen Brief oder ein längeres Mail zu schreiben? Oder sie via Whatsapp anzurufen? Denn ja, Programme wie Whatsapp sind durchaus nützlich, das sieht auch Newport so – doch die Nutzer müssen lernen, sie gezielt einzusetzen.

Als Newport mit einem Rundmail Freiwillige für eine einmonatige digitale Entrümpelung suchte, meldeten sich zu seiner Verwunderung mehr als 1600 Menschen an. Und berichteten danach von tiefgründigen Erfahrungen. So der Vater, der realisierte, wie erfüllend es ist, auf dem Spielplatz Zeit mit seinen Söhnen zu verbringen – statt nur bei seinen Söhnen mit dem Blick auf den Bildschirm.

Newport verteufelt digitale Technologien nicht, sondern fordert einen kontrollierten Umgang. Jemand liebt es, stundenlang ohne Unterbruch Filme und Serien zu schauen? Er soll das Netflix-Abo beibehalten – aber sich auf einen fixen Abend pro Woche beschränken. Und wer am Arbeitsplatz zwischendurch eine geistige Auszeit braucht, fühlt sich nach einem kurzen Spaziergang vermutlich wohler, als wenn er sich während einer Viertelstunde ziellos durch unterhaltsame Onlinevideos klickt.

88 Mal schalten Smartphone-Nutzer täglich ihren Bildschirm ein, wie eine Studie vor zwei Jahren ergab. Was sie nicht beantwortet: In wie vielen dieser 88 Fälle würde den Nutzern etwas fehlen, wenn sie auf den Blick aufs Smartphone verzichtet hätten?

In der Bar in Baden berichtet ein junger Mann seinen Kollegen vom neuen Sudoku-Lösungsprogramm, das er am Tag zuvor bis spät in die Nacht programmiert habe. Während die meisten der Gruppe zuhören, nimmt einer sein Handy hervor und öffnet eine App. Später erklärt er, er habe vor einer Stunde ein Bild aus der Bar gepostet und habe nur kurz die Reaktionen der Onlinewelt checken wollen.

Cal Newport: «Digital Minimalism: Choosing a Focused Life in a Noisy World», 304 Seiten, Portfolio/Penguin, ca. 25 Franken. Die deutsche Übersetzung «Digitaler Minimalismus – besser leben mit weniger Technologie» erscheint am 17. April im Redline Verlag.