Er ist ein Pascha, daran besteht kein Zweifel. Clan-Chef Kurira hat sich seitlich auf dem Boden ausgestreckt. In voller Länge. Er liegt weich gebettet auf seinem Blätternest, umringt von einem halben Dutzend Weibchen, die ihn kraulen und vom Ungeziefer befreien.

Drei Babys schauen ihren Müttern zu und krabbeln, wenn es ihnen langweilig wird, auf den breiten, silbernen Rücken des 36-jährigen Oberhaupts. Kurira lässt die Kleinen gewähren, er furzt ausgiebig und ungeniert. Die Touristengruppe, die nur eine Armlänge von ihm entfernt die Idylle beobachtet, ignoriert er weitgehend.

Wir befinden uns auf über 3000 Meter Höhe, in den Vulkanbergen Ruandas, an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo und zu Uganda, mitten im nebligen Regenwald des Nationalparks Virunga. Gute zwei Stunden hat der steile Aufstieg gedauert, bis wir zur Gruppe von Kurira gestossen sind. Es hätten gut und gern vier Stunden sein können. Die Berggorillas haben sich im Lauf des Vormittags bergabwärts bewegt; Glück für die Untrainierten und Höhenungewohnten, die es nur mithilfe der einheimischen Träger nach oben geschafft haben.

Die Gorilla-Gruppe hat sich ihren Besuchern angenähert, was die Späher im Wald via Funkgerät sofort mitteilen. Die Aufregung unter den acht Touristen aus aller Welt wächst, und als wir uns nur noch wenige Gehminuten von Kuriras Siestaplatz entfernt befinden, müssen wir Rucksäcke und Wanderstöcke ablegen und zurücklassen.

Die Träger werden das Gepäck bewachen, die Besucher dürfen sich nur mit einer Kamera in der Hand und erst nach ausführlichen, mehrfach wiederholten Anweisungen den Berggorillas nähern: Keine Blitzlichter verwenden, keine Nahrungsmittel mitnehmen. Nicht laut sprechen. Keine abrupten Bewegungen – und vor allem: Was immer auch geschehen mag, niemals die Flucht ergreifen, auf keinen Fall wegrennen.

Emanuel Harerimana führt unsere Gruppe an. Er kennt die Berggorillas seit seiner frühsten Kindheit, als diese noch in die Dörfer hinunterspazierten und Gemüse aus den Gärten stahlen, die Bewohner in Angst und Schrecken versetzten. Der grossgewachsene, schlaksige Ruander hat eine klassische Wildhüter-Karriere durchlaufen; hat als Träger begonnen, wurde zum Späher befördert und führt heute die Touristen zu jenem Dutzend Gorilla-Gruppen, die sich den Umgang mit Menschen gewohnt sind.

Der 31-jährige Harerimana, Ehemann und Vater zweier Kinder, kann sich glücklich schätzen. Wer in Ruanda einen Job in der Tourismusbranche gefunden hat, verdient ein Mehrfaches einer Krankenschwester oder eines Dorflehrers.

Bitte nicht niesen!

Berggorilla-Trekking ist die wichtigste Touristenattraktion der kleinen ostafrikanischen Binnenrepublik. Das Land ist deutlich kleiner als die Schweiz und die Heimat von rund zwölf Millionen Menschen. Von den jährlich gut 28 000 Besuchern reisen etwa 20 000 wegen der Gorillas ins Land; sie geben eine schöne Stange Geld für das Abenteuer in den Vulkanbergen aus. Massentourismus und Schnäppchenjägerei ist hier nicht zu haben – zum Glück, muss man sagen.

Besuch trifft ein! Pro Tag dürfen die Affen jeweils nur eine Stunde lang von einer kleinen Touristengruppe aufgesucht werden.

Besuch trifft ein! Pro Tag dürfen die Affen jeweils nur eine Stunde lang von einer kleinen Touristengruppe aufgesucht werden.

Der Staat hat eingesehen, dass er mit seinen «gentle giants» und überhaupt mit den üppigen Naturschönheiten achtsam umgehen sollte. Ruanda schreibt sich neuerdings einen nachhaltigen, schonenden Tourismus auf die Fahne; eine Verpflichtung, das sich offensichtlich lohnt und von manch anderem afrikanischen Staat mit neidvoller Bewunderung zur Kenntnis genommen wird.

In Bezug auf die Berggorillas, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten vom Aussterben bedroht waren, bedeutet dies: Die Tiere werden nicht mehr gewildert, sondern streng geschützt und wissenschaftlich erforscht. Pro Tag dürfen Menschen gewohnte Affengruppen nur einmal, nur eine Stunde lang und nur von einer kleinen Touristenschar aufgesucht werden. Dreiundzwanzig Stunden pro Tag, sagt Emanuel Harerimana, sollen die Gorillas Gorilla sein dürfen – und nicht zum Zirkusaffen verkommen.

Den Besuchern wird eingebläut, einen gebührenden Abstand zu den Affen zu halten, sie nicht zu berühren und nicht anzuniesen. Die Berggorillas müssen vor menschlichen Krankheiten geschützt werden. Sie wiederum halten sich nicht immer an die strikten Regeln der Tour- Guides. Vor allem die Jungtiere können ihre Neugierde manchmal nicht im Zaun halten und stupsen an den verzückten Zweibeinern herum.

Die Schwarzrücken ihrerseits, die jungen, wilden Kerle im Clan, überkommt hin und wieder das Bedürfnis, sich aufzuspielen. Dann stellen sie sich auf die Hinterbeine, plustern sich auf, trommeln auf die Brust und stossen bedrohliche Laute aus – King Kong lässt grüssen. Emanuel Harerimanas Rat: Sich sofort niederkauern, die Augen senken und tiefe, beruhigende Räuspertöne von sich geben. Sogar abgebrühte Weltenbummler schauen ob solcher Szenarien ziemlich verunsichert drein.

Der Weg zu den Berggorillas führt durch den üppigen, oft nebligen Regenwald des Nationalparks Virunga.

Der Weg zu den Berggorillas führt durch den üppigen, oft nebligen Regenwald des Nationalparks Virunga.

Bei unserem Besuch jedoch verhalten sich auch die rotzigen Schwarzrücken friedlich. Sie naschen an den Blättern, kratzen sich ausgiebig und überall, begaffen die Menschen, gähnen unverhohlen. In regelmässigen Abständen kommunizieren Harerimana und sein Team mit räuspernden Lauten mit dem Affen-Clan. Es geht darum, den Gorillas mitzuteilen, dass man alles im Griff habe – und um zu fragen, ob der Besuch nach wie vor willkommen sei. Zum Glück für uns brummeln Kurira und seine Sippe jedes Mal zustimmend zurück.

Von Wilderern zu Wildhütern

Die sechzig Minuten im Regenwald vergehen viel zu schnell, es ist ein magischer Moment, eine unvergessliche Begegnung – und dann ist plötzlich Schluss. Kein Bitten und kein Betteln erweicht den Guide dazu, auch nur ein paar Minuten länger an der Siesta teilhaben zu dürfen. Das Wohl der Tiere geht vor. Für uns beginnt der lange, glitschige Abstieg, und im Dorf unten warten die Souvenirverkäufer darauf, ihre handgeschnitzten Gorillas, Wanderstöcke oder T-Shirts an den Mann und die Frau zu bringen.

Die Dörfer rund um die Vulkanberge profitieren vom Gorilla-Tourismus: Er bringt den Einheimischen Arbeit und Einnahmen. Nicht zuletzt der Dian-Fossey-Fund legt Wert darauf, die Ortsansässigen für den Schutz von Flora und Fauna einzuspannen.

Aus den Wilderern sind Wildhüter geworden, und als Gegenleistung für die Kooperation werden Schulen und andere dörfliche Infrastrukturen finanziert.

Überhaupt, Dian Fossey! Ihr Lebenswerk, ihr Name, ihre Geschichte, ihre Spuren und ihr tragisches Ende sind im Nationalpark Virunga omnipräsent. Wer ein paar Dollar mehr ausgeben mag, lässt sich nicht nur zu einer Gorilla-Gruppe, sondern auch an ihre Grabstätte führen. Fossey liegt im Regenwald begraben, unmittelbar neben Digit, jenem Gorilla, zu dem sie eine innige Beziehung aufbaute – und nicht verhindern konnte, dass er 1977 von Wilderern getötet und verstümmelt wurde.

Die legendäre amerikanische Forscherin, die 1967 in den Vulkanbergen Ruandas ein bis heute existierendes Gorilla-Forschungszentrum eröffnete, machte sich wegen ihres Kampfes gegen die Wilderer und Zoojäger denkbar unbeliebt. 1985 wurde sie im Schlaf ermordet.

Bis heute rätselt die Welt über die Hintergründe der Meucheltat, die Täter und allfällige Hintermänner blieben unerkannt. Spätestens seit dem Kinofilm «Gorillas im Nebel» (Originaltitel: Gorillas in the Mist. Mit Sigourney Weaver in der Hauptrolle) hat Dian Fossey Weltruhm erlangt.

Fossey ist es weitgehend zu verdanken, dass die Abschlachtung der Berggorillas ein Ende genommen hat, der Bestand im Dreiländereck Ruanda, Kongo und Uganda wieder zunimmt. Tara Stoinski, Präsidentin des Dian Fossey Fund, lobt Ruandas Engagement für den Erhalt von Tier und Natur. Stoinski arbeitet eng mit den ruandischen Behörden zusammen, und jährlich treffen sich Fachleute zu einer einwöchigen Konferenz in der Hauptstadt Kigali.

Höhepunkt des Meetings ist jeweils eine pompöse Zeremonie am Fuss der Vulkanberge. Unter Beteiligung von in- und ausländischer Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness und mit Tausenden von Besuchern erhalten die neugeborenen Gorilla-Babys ihre Namen: Macibiri, Inyange oder Urungano, um einige zu nennen.

Jeder Name hat seine Bedeutung, und früher, als die Namensgebung noch keine Staatsangelegenheit war, haben die Wildhüter die Babys benannt. Clan-Chef Kurira beispielsweise, der eindrucksvolle, bejahrte Silberrücken, hat seinen Namen bekommen, weil er als Baby wegen jeder Kleinigkeit ins Weinen geriet. Eine Heulsuse, befanden die Wildhüter – und gaben ihm den entsprechenden Namen.