Er ist der Verführer, sie die Verführte. Der Valentinstag ist ein Tag voller veralteter Rollenbilder. Soll man ihn boykottieren?

Ann-Marlene Henning: Ich könnte ja auch meinem Mann Wäsche schenken zum Valentinstag, aber mir missfällt dieses Konsumartige. Die andere Seite der Medaille: Die Leute vergessen komplett, sich gegenseitig wahrzunehmen, sich zu beschenken. Sei es mit Komplimenten oder einer Blume. Dafür ist der Valentinstag gut. Die Idee, die ursprünglich hinter dem Tag steckt, ist genial: Erzähl jemandem, dass du ihn magst oder sogar liebst.

Wie können Paare diesen Tag modern feiern?

Es geht nicht um das beste Hotel oder um das beste Essen. Es geht darum, sich an diesem Tag wirklich zu spüren und nicht schweigend nebeneinanderzusitzen. Dass man sagt, ich bin froh, dass ich mit dir zusammen bin. Ich will weiter mit dir zusammen sein und ich will, dass wir uns als Paar weiterentwickeln. Unternehmen wir also etwas Schönes, das uns beide glücklich macht. Einige Paare wollen sich dann auch körperlich näherkommen.

Viele Paare haben mit den Jahren gerade das Reden verlernt.

Wenn man verliebt ist, ist der andere immer genau richtig. Wenn man dann liebt, fängt man an, den anderen zu sehen, wie er ist, mit allen Unterschieden. Mit diesem Anderssein und mit jeder Kritik geht man nun das Risiko ein, abgelehnt, ausgelacht oder gar verlassen zu werden. Und dann alleine dazustehen. Lieber verharrt das Bindungstier Mensch in einer unglücklichen Beziehung, als hier Risiken einzugehen.

Ein gleichberechtigter Valentinstag ist möglich. Wie sieht es beim Sex mit der Gleichberechtigung aus?

Die gibt es kaum, sondern viel mehr genitale Ungerechtigkeit. Wir leben in einem Patriarchat. Ganz oben auf der Leiter steht der weisse Mann, darunter kommen alle anderen. Solange die Menschen nicht gleich viel wert sind, Frauen zum Beispiel weniger Geld bekommen für gleiche Leistung, sind sie auch in der Sexualität benachteiligt.

Viele Frauen sind heute doch stark und selbstbewusst genug, um zu sagen, was ihnen gefällt und was nicht.

An der Oberfläche, ja. Untersuchungen belegen aber, dass auch Frauen, die von sich glauben, emanzipiert zu sein, immer noch ihre Sexualität mehr danach leben, was der Partner möchte. Ein wichtiger Faktor dabei: das genitale Selbstbild. Viele Frauen haben leider ein negatives. Sie halten ihr Genital für schmutzig und eklig. Das führt auch zu riskantem Sexualverhalten: Das heisst etwa Sex ohne Kondom, weil er es so will. Sie macht Dinge mit, die sie eigentlich nicht wollte. Folgen sind manchmal Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften.

Was braucht es, um das zu verändern?

Viel mehr Wissen. Mehrere Professorinnen, alle Mitte 30, beschäftigen sich gerade mit der genitalen Gerechtigkeit und schreiben Bücher darüber. Das gab es vorher nicht. Wenn Frauen sich nun breitmachen in dieser Branche, kommen diese Themen endlich auf den Tisch. Ein positives Genitalverständnis fängt ganz früh an. Eltern sollen kleinen Mädchen zum Beispiel einen schönen Namen nennen für deren Genital.

Angelehnt an den «Pay Gap», die englische Bezeichnung für Lohnungerechtigkeiten zwischen Frau und Mann, hat sich der Begriff «Orgasm Gap» etabliert. Zu Recht?

Ja, es gibt deutlich mehr Frauen als Männer, die nicht kommen. Dabei kann es jede Frau. Wer als Kind aber hört, dass man eine Schlampe ist, nur weil man sich selber berührt, der schämt sich später für seine Lust. Und getraut sich nicht, seinen Körper wirklich zu erforschen. Logischerweise fällt es dann schwerer, zu lernen, einen Orgasmus zu haben. Das geht nämlich nur durch lustvolles Üben mit sich selber.

Was zeigen Ihre Erfahrungen als Therapeutin: Was wünschen sich Frauen wirklich?

Einige wollen tatsächlich gestreichelt und romantisch angeschaut werden, wie das Klischee es besagt. Andere wünschen sich einen Quickie. Sie wollen einfach einen Orgasmus haben. Wieder anderen geht es darum, dass der Mann befriedigt ist. Und, und, und ... Es gibt sie eben nicht: die Frau!

Sex nur für den Mann haben: Für Feministinnen ist das wohl das Letzte.

Wie wichtig nehme ich mich denn, wenn ich sage: Das ist unzeitgemäss! Das muss jede für sich entscheiden. Wenn ich mich als Frau mit Kurven und Weiblichkeit nicht mehr gut finden darf, immer härter werde, um gleichberechtigt zu sein, so ist das für mich der falsche Weg.

Gleichberechtigte Paare haben weniger Lust aufeinander, besagen Studien. Stellen Sie das auch fest?

Wenn ein Mann es als selbstverständlich erachtet, die Hälfte des Haushalts zu übernehmen, und ihm wohl dabei ist, schadet das der Lust kein bisschen. Wenn er hingegen nur mitmacht, weil sie ihn dazu zwingt, wird es für beide unsexy.

Sie tendieren eher zur Version, dass Paare auf Augenhöhe mehr Sex haben?

Ja, sie erleben wahre Intimität. Sie haben Sex, wenn sie Lust auf die Magie des anderen haben. Gleichberechtigte Paare zeigen sich, wie sie sind, und verstecken sich nicht hinter den vermuteten Wünschen des anderen. Und wenn jemand sich zeigt, kann ihn der andere sehen. Das wirkt sich positiv auf die Lust aus.

Es gibt Frauen, die ihren Mann nach wie vor am liebsten nach dem Fitnesstraining im verschwitzten Trägerhemd sehen. Kommen die Triebe erst allmählich in der Moderne an?

Ich mag es selber auch, pure Männlichkeit zu sehen und zu spüren. Aber den Hintern meines Mannes, seine Arme, all das kann ich auch bewundern, wenn er staubsaugt.

Was raten Sie gleichberechtigten und anderen Paaren?

Die Bildschirme auszuschalten, das schaltet die Lust wieder ein. Mit Schirm vor der Nase hat man keinen Kontakt zum anderen. Viele Paare, die mit Problemen zu mir in die Therapie kommen, haben nie über diesen Zusammenhang nachgedacht. Es stellt sich heraus, dass sie mit dem Bildschirm ins Bett gehen statt mit dem Partner.

Tat oder Wahrheit? Liebe und Sex heute. Paartherapeutin Ann-Marlene Henning im Gespräch, Sonntag 17. Februar 2019 11.15-12.15 Uhr im Stapferhaus direkt am Bahnhof Lenzburg. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.