Mandala

Seien Sie noch einmal Kind und malen Sie sich hinein in den Flow

Ausschnitt eines der Mandalas aus Johanna Basfords Buch.

Ausschnitt eines der Mandalas aus Johanna Basfords Buch.

Von wegen Gekritzel und Kinderkram! Gestresste Eltern und Manager entspannen sich neuerdings beim Ausmalen von Mandalas und Blumenranken. Probieren Sie es auch mal aus.

Sie fühlen sich gestresst und wollen endlich mal komplett abschalten? Mal keinen Blick auf den Bildschirm und in die Zeitung, wo doch nur schlechte News aus aller Welt dominieren. Lieber ab in den Garten oder auf die Yoga-Matte? Nicht doch. Spitzen Sie die Farbstifte – und kaufen Sie sich ein Malbuch.

Das tun derzeit ganz viele Menschen – von der gestressten Mutter bis zum Manager. So viele, dass es die Ausmalbücher von Johanna Basford bereits auf die vordersten Ränge der Amazon-Bestsellerliste gebracht haben. Über 1,5 Millionen hat sie schon verkauft. Ihre Bücher «Mein verzauberter Garten» oder «Mein Zauberwald» treffen offensichtlich den Nerv der Zeit.

Kinderkram? Nicht doch

Blätterranke oder Schmetterling? Setzen Sie Ihre Buntstifte einfach irgendwo an, legen Sie ein paar lockere Schwünge aus dem Handgelenk hin. Boah, wie gut das tut! Mit jedem Blättchen, jedem Ästchen rückt der Alltag ein Stück weiter weg, wo die berufliche und private Performance kein Thema mehr ist. Und schon taucht man ab in längst vergessene Zeiten. Damals, als man mit den eigenen Kindern stundenlang «gmöölelet» hat. Oder noch weiter zurück, als man selbst noch in dieser unbeschwerten Kinderwelt lebte und es völlig egal war, ob man nun über die schwarzen Linien hinaus malte. Ist auch heute völlig egal. Man muss das Bild ja danach nicht an die Wand hängen. Es braucht beim Ausmalen der Bilder keine künstlerische Ader und auch keine Perfektion.

Natürlich wird niemand zugeben, dass er sich mit solchen Kindereien abgibt. Aber es muss wohl doch etwas dran sein. Wieso würden sonst so viele zum Farbstift greifen, um Ranken, Äste, Blätter und Blüten akribisch auszumalen? Sind es Menschen, die auch mit 50 noch immer Kind sein wollen? Oder gar traumatisiert ihre Kindheit verarbeiten, weil sie damals beim Ausmalen keine ruhige Hand hatten?

Gut möglich, dass solche Hintergründe mitspielen. Hinterfragen muss man das Phänomen trotzdem nicht. Es passt einfach gut in die aktuelle Do-it-yourself-Bewegung. Zu den Städtern, die sich in Kursen beibringen, wie man Hühner hält und Früchte einkocht, die in Bastelshops pilgern und dort Näh-Kits für Freizeittaschen und Wollschals kaufen.

Die Malbücher sind nur eine Fortsetzung dieser Ich-kann-alles-Mentalität und das perfekte Kontrastprogramm in unserer durchdigitalisierten Welt, in denen man Bilder auf den Displays mit dem Finger einfach wegwischen kann.

Kein Richtig oder Falsch

In solchen Zeiten liegt genau die Faszination darin, ganz altmodisch auf einem Blatt Papier gedankenverloren mit Stiften seine Schleifen zu ziehen. Das Ausmalen sei eine Art Flucht vor der Selbstoptimierung, erklärt Katharina Eichler in einem Interview das Phänomen. «Hinein in den eigenen Flow, in dem es kein Richtig oder Falsch mehr gibt.»

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Anti-Stress-Masche zieht

Eichler arbeitet im Münchner Verlag Edition Michael Fischer, der im Fahrwasser der Basford-Welle Ausmalbücher herausgibt. Denn mittlerweile sind die Bücher der Engländerin längst nicht mehr die Einzigen, die in den Auslagen der Buchhandlungen aufliegen. Es gibt Malbücher zu Fernsehserien wie «Games of Thrones» oder «Breaking Bad». Aber auch solche, in denen man Ryan Goslings Augen und Beyoncés Karriereweg kolorieren kann. Auch Magazinmacher haben diesen Trend aufgenommen. Aus dem Burda-Verlag etwa stammt das Magazin «My Harmony» mit Seiten zum Ausmalen. In der Heftreihe «Mal’s dir aus!» des Megastar-Verlags können Erwachsene ganze Zimmereinrichtungen oder Hausfassaden, aber auch Gitarren im Flower-Power-Stil ausmalen.

Mal abgesehen davon, dass Erwachsene niemals zu Malbüchern für Kinder greifen würden, hat das Phänomen nicht zuletzt damit zu tun, dass dahinter ein paar schlaue Marketingmenschen die richtige Verkaufsmasche trafen. Seit die Bücher als Anti-Stress-Mittel verkauft werden, gehen sie wie frische Brötchen über den Ladentisch. Wer will sich nicht mal etwas Gutes tun, einfach runterfahren und loslassen?

Noch hat die Wissenschaft die Wirkung von Malbüchern nicht untersucht. Vielleicht wirken sie tatsächlich beruhigend, weil das Smartphone mal nicht im Zentrum steht und man nicht dauernd auf einen Bildschirm starrt. «Ausmalbilder überfordern nicht und sie schüchtern auch nicht ein, wie es ein leeres Blatt Papier oft tut», meinte Johanna Basford gegenüber der «New York Times». Vor allem aber ist Ausmalen nun international anerkannt, sozusagen sozial akzeptiert.

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