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Rijeka, die südliche Kulturhauptstadt Europas wacht auf

Der Hafen hat die kroatische Stadt Rijeka geprägt und sie in einen Schmelztiegel der Kulturen verwandelt.

Der Hafen hat die kroatische Stadt Rijeka geprägt und sie in einen Schmelztiegel der Kulturen verwandelt.

Sie gilt als weltoffen und tolerant: Die frühere kroatische Industriestadt Rijeka erlebt gerade eine Renaissance und wurde zusammen mit Galway zur diesjährigen Kulturhauptstadt Europas gewählt.

Rijeka ist keine schöne Stadt, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Für Touristen war die im Norden Kroatiens gelegene Hafenstadt bislang lediglich eine Station auf dem Weg Richtung Süden. Dorthin, wo Mittelmeerperlen wie Split und Dubrovnik mit ihrem reichen römischem Erbe und schönen Kieselstränden locken.

In Rijeka dominieren rostige Hafenkräne, stillgelegte Fabriken und Plattenbauten aus der Ära Jugoslawiens das Stadtbild. Hier und da schimmert in Gestalt prunkvoller Bauten der Glanz einer längst vergangenen Zeit durch, als die Stadt unter der Herrschaft Österreich-Ungarns seine goldene Ära erlebte.

Die Schönheit Rijekas zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Wer sie entdecken möchte, muss Halt machen und sich Zeit nehmen. Muss den Korzo hinabgehen, diese Flaniermeile und Lebensader der Stadt mit ihren zahlreichen Geschäften und Cafés. Wer die 538 Stufen der Petar-Kruzic-Treppe hinauf zum Kastell Trsat erklimmt, erhält einen herrlichen Blick auf die Stadt, den namensgebenden Fluss Rjecina und die Kvarner Bucht. Oder man folgt der Molo Longo, der 1700 Meter langen Hafenmole hinaus aufs Meer.

Dass Rijeka (zu Deutsch: «Fluss») zur Europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde, verdankt sie zum einen ihrer Weltoffenheit. Das Motto des Festjahrs heisst nicht von ungefähr «Hafen der Vielfalt»: Die Stadt gilt als progressiver und toleranter als der katholisch-konservative Rest Kroatiens. Zum anderen hat Rijeka eine reiche, von stetem Wandel geprägte Geschichte. An der Schnittstelle von Mittel- und Südosteuropa gelegen, wurde die Stadt allein während des 20. Jahrhunderts von sieben verschiedenen Mächten verwaltet und spiegelt damit die politischen Verwerfungen Europas der letzten 120 Jahre wider.

Auf dem Strassenmarkt von Rijeka gibt es Früchte, Gemüse und Blumen. Im grünen Gebäude gibt es weitere Stände, wo Fleisch feilgeboten wird.

Auf dem Strassenmarkt von Rijeka gibt es Früchte, Gemüse und Blumen. Im grünen Gebäude gibt es weitere Stände, wo Fleisch feilgeboten wird.

Industrielle Ruinen wandeln sich zu Kulturstätten

Vor dem Ersten Weltkrieg und unter ungarischer Verwaltung trug die Stadt den italienischen Namen Fiume, was ebenfalls «Fluss» heisst. Ungarn baute Fiume zu einem der grössten Mittelmeerhäfen aus, wodurch die Stadt zu einem Schmelztiegel benachbarter Kulturen und Völker wurde. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie folgte eine unabhängige Republik unter Freischärlern, ein Freistaat, eine Annexion durch das faschistische Italien und eine Besetzung durch die deutsche Wehrmacht.

Erst unter der Herrschaft Titos, dem langjährigen Staatschef Jugoslawiens, erlebte die Hafenstadt eine neue Blütezeit. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats Anfang der Neunzigerjahre wurde Rijeka zur drittgrössten Stadt der nunmehr unabhängigen Republik Kroatien. Seither hat sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Ein Grossteil der industriellen Betriebe musste schliessen, und viele Einwohner sind weggezogen.

Karneval in Rijeka: Dieser ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Karneval in Rijeka: Dieser ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Wer heute durch Rijeka wandelt, kann die wechselhafte Geschichte der Stadt an der Architektur ablesen: an dem bunten Nebeneinander von Barock, Jugendstil und Brutalismus. Rund zwanzig Millionen Euro bekam die Stadt von der Europäischen Union für die Erhaltung seines sanierungsbedürftigen architektonischen Schatzes. Eine Reihe industrieller Ruinen werden derzeit renoviert und in Treffpunkte und Kulturstätten verwandelt, wie zum Beispiel der Rikard-Bencic-­Fabrikkomplex. Er wird künftig das Stadtmuseum, die Stadtbibliothek, ein Kinderzentrum und das Museum für moderne Kunst beherbergen. Das ehrgeizigste Sanierungsprojekt der Stadt ist Titos ehemalige Privatyacht «Galeb» (zu Deutsch: Möwe). Darauf hat der jugoslawische Herrscher Staatsgäste und Stars wie Kirk Douglas und Sophia Loren empfangen. Aus dem rostigen Wrack soll bis 2021 ein Museum werden.

Ihr Festjahr hat die Stadt mit einer fulminanten Freiluftoper eröffnet, welche die industriellen Ursprünge Rijekas würdigt. Der nächste Höhepunkt findet an diesem Wochenende mit dem grossen Karnevalsumzug statt. Der städtische Karneval ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt und findet in diesem Jahr unter Mitwirkung zahlreicher internationaler Gruppen statt.

Bis Ende des Jahres stehen 450 kulturelle Anlässe auf dem Programm, darunter Aufführungen von Richard Wagners Oper «Tristan und Isolde» im Kroatischen Nationaltheater, eine Kunstausstellung über die Arbeiten des jungen Gustav Klimt in Rijeka, zwei Konferenzen, die sich mit der Geschichte der Stadt vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befassen und ein Filmfestival, das um die Themen Totalitarismus und Macht kreist.

Weitere Infos: www.rijeka2020.eu/en

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