Wer am Büro des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität in Berlin anklopft, weiss nicht, ob sich hinter der Tür ein Mann oder eine Frau befindet. «Professx Hornscheidt» steht auf dem Schild. Professx Lann Hornscheidt ist nicht etwa Bewohnerin eines berühmten gallischen Dorfs, sondern Wissenschafterin.

Mit einer aussergewöhnlichen linguistischen Empfehlung spaltet sie aktuell die universitären Gemüter. Hornscheidt schlägt vor, in der deutschen Sprache die Endung «-x» einzuführen, um die Geschlechterdiskriminierung zu bekämpfen. Diese Empfehlung bereitet nicht nur Sprachästhetikern Bauchschmerzen.

Streben nach Gleichberechtigung

Warum bemüht sich Professx Hornscheidt dennoch um eine schwer leserliche, mit höchster Wahrscheinlichkeit kaum auszusprechende und damit umzusetzende Endung «-x»? Weil Geschlechtsidentitäten heute kaum noch zu überblicken sind und weil Korrektheit schon lange nicht mehr nur die sprachliche Miteinbeziehung des weiblichen Geschlechts beinhaltet. Müsste Sprache aber nicht ökonomisch, praktisch bleiben? Das Statement von Professx Hornscheidt ist klar: Es geht ihr weniger um die sprachliche Schönheit und Korrektheit, als vielmehr um das politische Bestreben nach geschlechtlicher Gleichberechtigung. Da mache die Endung «-x» durchaus Sinn.

Bisher hatten die Bemühungen um eine geschlechterkorrekte Sprache das Ziel, Frauen erkennbar zu machen, sie nicht nur mitzudenken, sondern sie anzusprechen, wenn auch sie gemeint sind. So reicht es nicht, von Lehrern (sog. generisches Maskulinum) zu sprechen, wenn auch Lehrerinnen gemeint sind. Doch bereits gebräuchliche sprachliche Gleichstellungsmassnahmen wie Paarformen (die Tierpflegerinnen und Tierpfleger), Kurzformen und das Binnen-I (Fussballer/innen oder FussballerInnen) scheinen längst nicht mehr zu genügen. Geschlechtsneutrale Formulierungen wie substantivierte Formen (die Dozierenden) und geschlechtsunspezifische Bezeichnungen (das Uni-Personal) werden immer häufiger gebraucht. Wer sprachlich kreativ ist, greift auf komplexe Umformulierungen zurück. So werden beispielsweise aus den Anwaltskosten Kosten für die Rechtsvertretung.

Sprachlich kompliziert wurde es bereits Ende der 70er-Jahre: Mit dem verrückten Pusch-Vorschlag sollte die Endung «-in» abgeschafft und das Neu-
trum gestärkt werden. Luise F. Pusch, Sprachwissenschafterin und Mitbegründerin der feministischen Linguistik in Deutschland, stellte sich das in der Praxis so vor: «Birgit ist eine gute Student. Ihre Professor ist sehr zufrieden mit ihr. Für ihre Dissertation suchen wir noch ein zweites Gutachter, am besten ein Dozent, das sich in feministischer Theorie auskennt.» Dass niemand heute so spricht oder schreibt, beweist nur, dass solche Vorschläge weit am alltäglichen Sprachgebrauch vorbeigehen.

Plädoyer für mehr Kreativität

Der linguistische Wahnsinn griff über die Jahrzehnte dennoch weiter um sich. So setzten sich moderne Formen mit Unterstrich und Sternchen (Dozent_innen oder Dozent*innen) in Genderkreisen anstandslos durch und wagten sich in die Gesellschaft vor. Die Zeichen bedeuten: Es gibt Frauen und Männer und dazwischen noch andere Menschen, die sich weder mit dem einen noch mit dem anderen Geschlecht identifizieren. So werden die Rechtschreibregeln ganz offensichtlich auf dem Altar der Antidiskriminierung geopfert und aus der «Gewalt durch Sprache» wurde nun eine «Gewalt an Sprache». Und nachdem diese Vorschläge kaum den Weg aus der Universität in die Gesellschaft gefunden haben, soll es das «x» nun richten?

Gut gemeint ist eben nicht immer gut umgesetzt: Unterstriche bilden nach Hornscheidt leider weiterhin Zweigenderung (d. h. ausschliesslich eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen) ab und die Verwendung eines Sternchens sei mündlich wohl kaum eine Option. Die vorgeschlagene x-Form hingegen breche damit, sagt die Professx weiter. Es gehe ihr nicht darum, eine neue Form zu finden, sondern zu zeigen, dass unsere Sprache weiter veränderbar ist und sein muss.

Auf die Bemerkung, das «x» würde stark an ein weibliches X-Chromosom erinnern, antwortet die Linguistin: «Wenn Sie diese Assoziation haben, dann macht es sicherlich Sinn, dass Sie über eine andere Form nachdenken.» Das «x» stehe sinnbildlich für das Durchkreuzen bisheriger Vorstellungen. Professx Hornscheidt plädiert also für mehr Kreativität in der deutschen Sprache. Grundsätzlich eine schöne Idee.

Widerstand gegen Sprachform

Schliesst aber diese Sprachform, die alle einbeziehen soll, nicht gleichzeitig Menschen aus? Menschen, die sich ausserhalb akademischer Mauern bewegen? Menschen, die sich dadurch im Lesefluss gehemmt sehen? Fakt ist: Diskussionen über gendergerechte Sprache finden fast ausschliesslich innerhalb der Universitäten statt. Doch wer die Änderungen schliesslich zu spüren bekommt, ist die gesamte Gesellschaft und damit jede einzelne Person, die sich um Korrektheit bemüht.

Ein kürzlich verfasster offener Brief an die österreichische Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek könnte einen ersten Hinweis auf eine sich entwickelnde Aversion gegen konsequente linguistische, aber wenig alltagstaugliche Gleichbehandlung geben. Die rund 800 Unterzeichnenden, darunter zwei prominente Schweizer, fordern in ihrem Schreiben die Abschaffung des Binnen-I und den Verzicht auf die durchgehende Verwendung von Paarformen. Professx Hornscheidt hat dennoch keine Angst vor Ablehnung. Irritationen würden sie herausfordern, ihr neue Perspektiven und Denkanstösse geben. Soziale Veränderungen funktionieren nun einmal darüber, dass viele Personen ihnen erst ablehnend gegenüberstehen.

Die Gesellschaft nimmt nun entweder den x-ten sprachlichen Vorschlag an oder zwingt ihn hinter die universitären Gemäuer zurück. Solange nicht klar ist, wohin die Irritationen zukünftig führen werden, werden sich die Leser und Leserinnen wohl kein «x» für ein «u» vormachen lassen.