Leben

Mit dem Velo dem Rhein entlang – ein Erfahrungsbericht

Durch Wiesen und Wälder mit Aussicht. Bild: Jan Hlavica

Durch Wiesen und Wälder mit Aussicht. Bild: Jan Hlavica

Auf 1233 Kilometern führt der Rhein-Radweg von den Alpen ans Meer. Wir radelten die ersten 250.

Dem Fluss nach. Das ist die schönste Art von Velotouren. Weil es erstens landschaftlich reizvoll ist, und zweitens, weil Flüsse grundsätzlich abwärts fliessen. Bergetappen mit dem Velo sind nicht mein Ding. Eigentlich. Als wir uns aber kurzfristig für ein Fährtli dem Rhein nach entschliessen, muss ich schwer untendurch. Respektive obendurch.

«Ihr müsst oben starten, das ist herrlich!», rieten Freunde. Der internationale Rhein-Radweg beginnt seltsamerweise schon in Andermatt – die Routenplaner meinen also, man strample erst den Oberalppass hinauf, bevor man nur schon die Quelle erreicht. Nicht mit mir! Und schon gar nicht an einem Sonntag, wenn Töffs und Oldtimer und alles, was Rädli hat, sich über den Pass – ohne separaten Veloweg – windet.

Wir starten in Disentis, bringen unser Velo im Zug von Zürich nach Chur irgendwie auch noch rein. Und dann, eben. Oder eben nicht eben. Die Veloroute ist – im Gegensatz zur Autostrasse – ein stetes Auf und Ab. Vom Fluss in ein Dorf hoch, an den Fluss runter, wieder hoch, um das nächste Gehöft zu erschliessen. Oft auf Schotterpisten, aber durch tollste Landschaften. Velofahren macht einfach glücklich.

Beim Schlussaufstieg nach Valendas drohen dunkle Wolken. Doch wie so oft: Das Wetter ist besser als sein Ruf. Am grössten Holzbrunnen der Alpen gibt’s das wohlverdiente Bier noch im Trockenen. Kaum rinnt das Wasser im schicken Badezimmer des historischen Gasthauses am Brunnen aus der Dusche, beginnt es draussen zu regnen. Was soll’s. Auf uns wartet ein kulinarischer Genussabend.

Plane und improvisiere

Alpin, grandios startet der zweite Tag: Hinauf nach Versam, den Abstecher zur Aussichtsplattform über der Rheinschlucht darf man nicht links liegen lassen. Die bizarren, weissen Felsen leuchten, türkisfarben windet sich der Fluss durch diesen einzigartigen Canyon der Alpen. Dann führt die Route oben dem Abgrund entlang, die paar Autofahrer kurven hochkonzentriert, wir können schauen, staunen, die Haarnadeln hinunterpreschen, anhalten, (fast) wo wir wollen …

Wetter-Apps und Velokarte sind unsere wichtigsten Begleiter. Anhand von Höhenprofilen und Kilometerangaben, von Windrichtungen und Regenaussichten bestimmen wir jeweils die Etappe für den kommenden Tag, überlegen Umwegli und buchen Unterkunft und Nachtessen. Auch wenn wir in den Sacochen alles dabei haben, ungebunden unterwegs sind, wollen wir am Abend nicht vor vollen Hotels stehen. Schliesslich sind wir keine Profipedaleure, die locker zig Kilometer weiterradeln mögen.

Trotzdem ist erstaunlich, wie weit man kommt, wie schnell die Landschaften wechseln. Die Weinberge und Dörfer der Bündner Herrschaft mit ihren malerischen Wegen zwischen Mauern oder die Fahrt auf dem Rheindamm mal in Lichtenstein, mal in der Schweiz, mal in Österreich haben ihren eigenen Reiz trotz Gegenwind. Abstecher etwa nach Vaduz oder in das mittelalterlich anmutende Werdenberg (die kleinste Stadt Europas) bringen Abwechslung.

Wechselbäder bieten Tag vier und fünf dem Bodensee entlang. Nach Natur pur am Rheindelta und am Alten Rhein spüren wir hautnah, wie begehrt der Platz am See (geworden) ist. In den Ortschaften lassen uns die Verkehrsplaner auf viel befahrenen Strassen radeln oder führen uns in Schlaufen durch die Quartiere. Aber zum Glück immer wieder an den See.

Was gibt es Praktischeres als ein Velo, das man schnell abstellen kann, um in den See zu tauchen, sich ein Käffeli oder Fischknusperli zu gönnen und dem Treiben in den Häfen zuzuschauen. Wir pedalen genüsslich entlang von Apfelplantagen und Schilfgürteln, durch Dörfer und Felder. In Konstanz ist nach 250 Kilometern Schluss, aber die Fortsetzung wird folgen. Irgendwann wollen wir nach weiteren 1000 Kilometern in Rotterdam landen. Immer dem Wasser entlang.

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