Ein frostiger Wintermorgen, erster Schnee hat Bäume und Dächer von Ulm überzuckert. Am Rand der süddeutschen Stadt lebt Wilfried de Beauclair in einem Seniorenzentrum. Er erwartet die Journalistin im Anzug.

Der Mann sieht schlecht, hört schlecht, ist aber rege und heiter. Er spricht bedächtig, die Wanduhr tickt in die Pausen hinein. Seine Sätze formuliert er druckreif. Dass auf dem Hemd ein Kaffeefleck ist, stört ihn nicht, das gehöre zu einem Grossvater, sagt er. De Beauclair ist vierfacher Grossvater und zehnfacher Urgrossvater. Er ist verwandt mit der Autorin dieses Artikels – er ist ein Onkel ihrer Mutter.

Wilfried de Beauclair, Sie sind 106 Jahre alt. Ein stolzes Alter.

Wilfried de Beauclair: Das hätte ich nie für möglich gehalten. Denn die Kriegsjahre von 1914 bis 1945 waren auch für mich nicht schön.

Haben Sie ein Rezept, wie man so alt werden kann?

Ja. Man wird rechtzeitig geboren. (lacht)

Leben Sie besonders gesund, oder haben Sie früher viel Sport gemacht?

Ich habe weder Sport gemacht, noch war ich gesund, ich bekam in französischer Internierung nach Kriegsende eine entsetzlich langwährende Krankheit, wie heisst sie.

Knochentuberkulose.

Und habe sie überstanden, es war erst 1956, dass ich wieder arbeitsfähig wurde. Bei der Firma SEL in Stuttgart arbeitete ich mit bei der Entwicklung des Computers SEL ER 56. Später durfte ich die Post- und Postsparkassendienste mit den damals gerade aufkommenden Computern, an deren Entwicklung ich ja tätig war, modernisieren. Und das ging sehr erfolgreich. Ich wurde auf der Stufenleiter der Postbeamten bis an die oberste Grenze befördert und hatte ein schönes Leben in den letzten 50 Jahren.

Sie blicken zufrieden auf Ihr Leben zurück.

Ja. Durchgestanden, was durchzustehen war, und genossen, was zu geniessen war.

Ist es denn schön, so alt zu werden?

Ich werde noch älter. Mit jedem Jahr.

Gibt es Dinge, die nicht so schön sind am Altwerden?

Gibts auch. Man muss natürlich mitwirken, mithelfen, dass man das Richtige tut, um die Zeit durchzustehen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, im Gegenteil. Ich wünsche mir nur, dass er sanft und zügig kommt, mich nicht lange zappeln lässt.

Als jüngerer Mensch verdrängt man ja gerne, dass der Tod einen trifft. Ist mit 106 der Umgang mit dem Tod anders?

Ja, natürlich. Ich bitte um Verzeihung, mein Mundwinkel ist nicht wasserdicht (Er tupft sich mit einer Serviette den Mund ab).

Ihren Humor haben Sie nicht verloren.

Ich habe ihn eigentlich gewonnen. Als Kind, ich bin ja in Ascona gross geworden, oder besser gesagt jung geworden, und es war schön. Dass es nachher anders wurde, lag nicht an mir, auch nicht an den Zeitumständen, sondern an der Politik der 30er-Jahre.

Sie haben zwei Weltkriege erlebt und überlebt.

Ja, den ersten in Ascona, es gab Lebensmittelknappheit, die Schweiz war ja umgürtet von Krieg, keine Importe. Ich entdeckte, dass man Kartoffeln essen kann, die auf dem Acker wachsen, das hatte ich vorher nicht gewusst.

An was erinnern Sie sich gerne aus dieser Zeit?

Meine Eltern hatten ein Haus gebaut, oben auf dem Monte Verità, mit grossem Garten. Ich spielte als Kind mit Meerschweinchen und Kaninchen, es war wunderschön. Die Kaninchen und Meerschweinchen haben wir nicht gegessen, wir waren Vegetarier. Und noch schöner war es, wenn meine Eltern mich seltenerweise einmal mitnahmen auf ein Schiff auf dem See.

Sind Sie heute noch Vegetarier?

Im Grunde des Herzens wäre ich das gerne, aber hier im Heim gibts praktisch nur Fleisch. Die Umstellung von vegetarisch zu Fleisch habe ich als Kind, so von acht bis zehn, mit einer schweren Furunkulose überstehen müssen.

Auf dem Monte Verità lebten damals viele Künstler, haben Sie als Kind davon etwas mitbekommen?

Eigentlich nicht. Wir wohnten etwas abseits. Als kleines Kind war es nicht erlaubt, aus dem Garten rauszugehen, in fremde Gelände. Und ich wusste nur aus den Erzählungen, dass da oben auch Künstler, Wortkünstler oder Malkünstler, lebten.

Vater Alexander Wilhelm de Beauclair am Tor des Monte Verità.

Vater Alexander Wilhelm de Beauclair am Tor des Monte Verità.

Der Monte Verità war in Verruf geraten bei den Dorfbewohnern, da dort Hippies oder Nackte lebten.

Das war eine Zeit, nachdem die Künstler ausgezogen waren, als junge Lebenskünstler kamen, die sich schlecht benahmen. Aber das Licht- und Luftbad war eingezäunt mit hohen Bretterwänden. Und die neugierigen Asconeser guckten durch Astlöcher (lacht).

Haben Sie auch mal durch ein Astloch geschaut als Kind?

Nein.

Als Sie acht Jahre alt waren, kehrte Ihre Mutter mit Ihnen und Ihrem Bruder nach Deutschland zurück.

Die Abwanderung kam für uns Jungen genau rechtzeitig, wir wären in Ascona als Vermieter des elterlichen Hauses im Blödsinn verblieben. Ascona war ein schönes Dorf. Aber Kultur hatte es damals eigentlich keine.

In Darmstadt tat sich eine Welt für Sie auf?

Ja. Mein Grossvater weckte dort das technische Interesse.

Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte noch lange Lebensmittelknappheit.

Ja. Es gab Hunger, doch wir wurden aufgepäppelt. Mit einem Sonderschiff voller hungernder Kinder landeten mein Bruder Gotthard und ich 1923 in Reval (heute Tallinn genannt, Anm. d. Red.) in Estland und wurden von den baltendeutschen Familien aufgenommen. Ich kam auf einen Gutshof, und die Hausköchin hat mich grossgezogen, durchgefüttert, dass ich mit roten Backen im Herbst wieder zurückkam. Ich denke gerne daran zurück, wir hatten dort eine schöne Zeit.

Auch sonst hat sich Ihre Kindheit und Jugend sicher deutlich unterschieden von heute.

Natürlich. Es gab nicht so viele Autos. Ich habe als Student 1930 im ersten Semester zu verbilligten Verhältnissen den Führerschein gemacht, Autofahren gelernt. Hat mich damals 30 Mark gekostet. Was heute ungefähr 3000 Euro kostet.

Als Student konnten Sie nicht lange an der Universität bleiben. Warum?

Wegen der Nazis. 1933 verliess ich die Universität. Wer nicht Mitglied in der Hochschul-SA war, musste die Studiengebühren selber bezahlen. So begann ich mit meinen vom Grossvater abgeguckten Feinmechaniker-Kenntnissen in der Wirtschaft zu arbeiten. Ich war in Bremen auf der Weserwerft, in Friedrichshafen am Bodensee beim Flugzeugbau der Firma Junkers, alles interessante Arbeiten. Und dann hatte ich genug, ging wieder auf die Hochschule, wurde Assistent beim berühmten Mathematiker Alwin Walther. Und begann eine Laufbahn in der Feinwerktechnik der Rechenmaschinen. Eine Gruppe von Professoren-Gattinnen hatte sich für uns eingesetzt und private Stipendien organisiert, damit wir wieder auf die Universität können.

Sie gelten als Pionier der Computertechnik, als einer der ersten Informatiker.

Das war dadurch, dass ich Freundschaft mit dem Berliner Konrad Zuse bekam, der nun wirklich den ersten mechanischen Computer, das Wort ist damals nicht gebraucht worden, gebaut hat. Ich habe ihm geholfen, ich habe ihn unterstützt und wir bauten gemeinsam immer weitere Rechenautomaten, die nicht nur taten, was man ihnen per Tastendruck vorgab, zwei plus drei ist fünf, sondern man konnte auch sagen, rechne zwei mal drei, er hat gewusst, was er tun muss.

Sie haben dann die Maschinen schnell weiterentwickelt.

Ja, bald konnten Sie Gleichungen lösen, lange Zahlenkolonnen speichern und auswerten. Da fing wirklich eine neue Zeit an. Alles noch im altmodischen Stil. Zimmergrosse Apparate, Millionen teuer. Heute kann das ein kleiner Taschenrechner.

Wie war das, als Sie Konrad Zuse kennen gelernt haben. Waren Sie überrascht, als Sie seine Rechenmaschine gesehen haben?

(lacht) Ich habe doch irgendwo ein Foto, im Wohnzimmer seiner Eltern stand, das Zimmer ausfüllend, eine Apparatur, die Zuse zusammen mit Freunden aus eigenen Mitteln gebaut hat.

Hätten Sie sich träumen lassen, dass die Rechenmaschinen, die Sie mitentwickelt haben, schon bald unfassbar viel konnten?

Nein. Es lag auch ausserhalb meiner Vorstellung, dass man einmal in den Weltraum wird fliegen können mithilfe solcher Apparätchen.

Es gibt computergesteuerte Häuser, selbstfahrende Autos. Meinen Sie, irgendwann werden Computer über das Leben der Menschen bestimmen?

Prophet will ich nicht sein.

Sie, der Miterfinder des Computers, haben gar keinen Computer hier im Seniorenzentrum.

(lacht) Wozu sollte ich einen haben?

Das fehlt Ihnen nicht, Technik, Mathematik?

Nein.

Mit was beschäftigen Sie sich jetzt?

Verzeihen Sie, wenn ich mich wiederhole, ich bin ein alter Mann. Ich brauche es nicht mehr, mir eine Arbeit vorzulegen, ich lebe halt so dämmerig in den Tag hinein. (lächelt)

Dämmerig? Sie sind so wach. Wie gestalten Sie hier Ihre Tage?

Ich freue mich, wenn sich jemand findet, der mich hier im Rollstuhl durch die schöne Nachbarschaft schiebt. Kommt aber nicht allzu oft vor.

Auf dem Schränkchen steht ein grosser Fernseher, schauen Sie gerne Fernsehen?

Eigentlich nicht. Aber ich habe inzwischen entdeckt, dass gelegentlich doch sehr schöne Filme kommen: Ausland, ferne Kontinente, es gibt gelegentlich wirklich sehr gut ansehbare Filme, im Grossen und Ganzen ist es nichts Berühmtes, aber doch ganz schön.

An der Wand neben dem Fenster hängt ein schönes Gemälde, hat das Ihre Mutter gemalt?

Das Porträt meiner Mutter am Fenster hat der Vater gemalt. Über dem Bett hängt noch ein Bild, das ist von meiner Mutter.

Wenn Sie zurückschauen auf Ihr Leben, gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Das kann ich nicht beantworten.

Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Dass es so weitergeht wie bisher.

Haben Sie einen Rat, damit man ein so glückliches, langes Leben führen kann, wie Sie das erleben durften?

Eine geruhsame Zeit, Glück im Beruf und in der Familie. Letzteres ist das Wichtige.