«Jung & Alt»-Kolumne

Liebe Samantha, wir erwarten von euch Jungen Dankbarkeit

Ludwig Hasler ist Philosoph und Publizist.

Ludwig Hasler ist Philosoph und Publizist.

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt er, wie unsere Gesellschaft aus Sicht eines 76-jährigen aussieht.

Liebe Samantha

Du bist 26, ich bin 76. Ideal fürs Gespräch zwischen Jung und Alt, finde ich. Sind wir auch repräsentativ? Du die exemplarische Junge? Ich der typische Alte? Ich eher nicht. Manchen gelte ich als Nestbeschmutzer – nur weil es für mich wenig Sinn macht, es jahrzehntelang nichts als «schön zu haben».

Und du? Lupenrein jung? Oder schon etwas angejahrt – aus Sicht der «Generation Greta»? Auf Twitter las ich, wie 18-jährige Klimabewegte herziehen über die Generation Y, zu der du irgendwie ja gehörst. «Okay, Schnarchnase!» war noch das Freundlichste. Uns Alte winken sie resigniert ab («Okay, Boomer!»), wenn wir es wieder einmal besser wissen wollen. Wird die Luft dicker zwischen den Generationen? Oder bilden sie gar keine homogene Gruppen? Verlaufen die Trennlinien vertikal? Es gibt ja Schnarchnasen und Engagierte in allen Generationen – so wie es in jedem Alter Charmante und Kotzbrocken gibt, Engagierte und Motzer.

Hast du die Besetzung des Bundesplatzes beobachtet? Sie lief unter der Marke «Klimajugend». Doch so ergraut, wie manche da waren, ist man erst mit 70. Und die Cleverness, mit der das organisiert wurde, lernt man bestimmt nicht im Gymi, dazu brauchte es ein paar Abgebrühte, mindestens, aus der Y-Gruppe. «Klimajugend» gleich Generation Z? Wo waren in Bern Lehrlinge? Am Arbeiten, klar. Spricht alles nicht gegen die Klimajugend. Gegen Generationen-Pauschalen schon.

Und doch. Warum ticke ich so oft synchron mit Gleichaltrigen? Hat uns die Zeit, in der wir aufwuchsen, quasi programmiert? Menschen halten sich an das, was sie kennen. Was kennen wir Alten? Wir sind in den Nachkriegsjahren aufgewachsen, da war alles eher knapp, also packten wir fleissig an, wirtschafteten sparsam, hielten unseren Triebhaushalt in Grenzen. Es sollte ja aufwärts, es sollte uns zügig besser gehen. Das haben wir geschafft. Wir haben sagenhaften Wohlstand erarbeitet. Die Genugtuung darüber verbindet uns. Auch Selbstgerechtigkeit? Möglich, manchmal.

Jedenfalls erwarten wir – zumindest insgeheim – von euch Jungen: Dankbarkeit, logisch. Und was bekommen wir? Vorwürfe. Für euch ist Wohlstand geschenkt, also könnt ihr ihn unbefangen kritisch betrachten – und erblickt seine Kehrseiten, mit denen ihr euch künftig herumschlagen müsst: Klima, zerstörte Natur, Müllberge. Das sind zwei unterschiedliche Positionen: Für uns ist die Welt, die ihr übernehmt, unser Lebenswerk. Für euch eine Art Erbschaft. Sie gehört – wie ein geerbtes Haus – gründlich entrümpelt. Nur dass wir halt auch noch drin sind.

Schluss mit Monolog, Samantha! Ich hol eine Flasche Rotwein – gespannt, wie du das Haus siehst, wie du uns alte Mitbewohner erlebst.

Ludwig

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