Depression

«Komm, wir müssen die Esel putzen» – Hier leben psychisch Kranke bei Gastfamilien statt in der Klinik

Sie sind Barbaras (mit dem Reisbesen) neue Familie: Christina und Christian mit ihren Eseln Pedro (braun) und Luser vor dem Hof in Aeschi BE.ANNETTE BOUTELLIER

Sie sind Barbaras (mit dem Reisbesen) neue Familie: Christina und Christian mit ihren Eseln Pedro (braun) und Luser vor dem Hof in Aeschi BE.ANNETTE BOUTELLIER

Im Kanton Bern leben 55 psychisch kranke Patienten bei Gastfamilien. Wer sind die Menschen, die Fremde aufnehmen? Ein Familienbesuch im Berner Oberland.

Wohlig warm wird einem, als man an einem kalten Dezembertag im Berner Oberland in die Küche des Bauernhauses tritt. Christina – orange-roter Strickpulli, dunkles, kurzes Haar, kleiner Stecker im Nasenflügel und nie im Leben 47 Jahre alt – hat die Besucher herzlich auf der Holzveranda empfangen. «Wo es aussieht, als wäre nichts zu tun, ist schon vieles getan worden», heisst es auf einem Papier, das mit Reissnägeln an der Holzwand befestigt ist.

Es gibt Kaffee mit Milch von den eigenen Kühen, die unten am Ende der grossen Wiese im Stall stehen. Ehemann Christian überlässt das Reden seiner Frau. Während Christina spricht, umklammert sie ihre Tasse mit beiden Händen. Dabei ist ihr Blick direkt und freundlich. Sie sind Landwirte. 14 Milchkühe, 3 Kälber, 2 Esel, 7 Katzen und ein Hund. Christian ist auch Zimmermann.

Ein ganz normales Bauern-Paar aus Aeschi bei Spiez im Berner Oberland. Am Kühlschrank steht der Spruch: «Ig u s’Müetti sind äba no vo früecher.» Der heutigen Jugend sei Tradition nicht mehr so wichtig. Es gehe alles um Konsum. Der Spruch wolle sagen, dass man zufrieden ist mit dem, was man hat. Ihre Generation gehe eben nicht jedem Trend nach. Christinas Worte klingen wehmütig, aber keineswegs abwertend. An der Holzwand hinter dem Tisch hängen Bilder der Kinder. Alle zwischen 20 und 26 Jahre und alle bereits aus dem Haus. «Soll ich Barbara holen?», fragt Christina nun schon das zweite Mal.

Aufs Herz hören

Ja, vielleicht. Schliesslich – so heisst es doch – spricht man nicht über Leute, die nicht anwesend sind. Barbara lebt bei Christina und Christian. Doch eigentlich kennen sie die Frau gar nicht. Sie wissen nicht viel von Barbaras Vorgeschichte. «Das wollen wir auch gar nicht. Wer erzählen möchte, tut das von selbst», sagt Christina. «Es ist kein Vorteil, wenn man zu viel weiss. So können wir auf unser Herz hören», pflichtet ihr Mann Christian bei. «Wir erzählen den Familien bewusst nichts», ergänzt Sozialarbeiter Santo.

Jetzt geht es aber doch um Barbaras Geschichte. Die 48-Jährige aus Biel wohnt seit Anfang Dezember bei dem Paar in Aeschi bei Spiez. Von ihrem Zimmer aus blickt Barbara direkt auf den Niesen, den Thuner oder auch Spiezer Hausberg, der aussieht wie ein Kegel. «Das Ländliche gefällt mir sehr gut. Es ist ganz anders als in der Stadt», sagt Barbara schüchtern. Sie schätze den Zusammenhalt, vorher habe sie alleine gelebt. Und erst die Tiere. Barbara strahlt, wenn sie von den Tieren erzählt.

Barbara ist depressiv, leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie kann und will nicht alleine leben. Barbara hat mehrere, auch längere Klinikaufenthalte hinter sich. Auch verschiedene ambulante Anschlusslösungen wurden probiert, wohl hat sie sich hinterher nie gefühlt. Eine andere Lösung musste her. Diesen Sommer kam sie zum Probewohnen auf den Hof in Spiez. Seit Dezember nun lebt sie bei der Familie.

Im Alltag eingebunden

Möglich macht dies die psychiatrische Familienpflege der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) Bern. Sie vermittelt Menschen mit psychischer Erkrankung eine betreute Wohnmöglichkeit in einer Gastfamilie. Anders als in einer Klinik oder einem Heim kann in einer Gastfamilie individuell auf die Patienten eingegangen werden.

Sie sind nicht immer von kranken Menschen umgeben, ihre Krankheit ist nicht ständig Thema. Sie sind umgeben von einem gesunden Umfeld und werden mehr oder weniger auch wie ein gesunder Mensch behandelt. Es geht vor allem um die Normalisierung des Alltagslebens. Sie werden in den Alltag eingebunden, erhalten eine Struktur, einen Zusammenhalt. Der zuständige Sozialarbeiter des Projekts, Santo Casablanca, drückt es so aus: «Die Gastfamilien geben ihnen den Boden unter den Füssen zurück. Ich sage immer: So viel Psychiatrie wie nötig, so wenig wie möglich. Die meiste Arbeit hat die Familie.»

Die Oberärztin der psychiatrischen Familienpflege ist Britta Reinsch. Derzeit sind 55 Patienten bei 37 Gastfamilien im Kanton Bern untergebracht. Der jüngste Patient ist 20, der älteste 70 Jahre alt. Etwas mehr als die Hälfte sind Männer. Die Patienten leiden an einer Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen oder sind depressiv. Voraussetzung: die Patienten sind weder gewaltbereit noch suizidal. Das Angebot ist zeitlich unbefristet – manche bleiben zwei Monate, andere leben 15 Jahre in der neuen Familie.

Wenn es nicht passt

Die Familien haben kein Mitspracherecht, wer zu ihnen kommt. Das Fachteam schaut, wer in welche Familie passt. Aber es kann auch mal nicht passen. Vor Barbara lebte ein Mann bei Christian und Christina. Das ging nicht lange gut. «Er hat mit einem Pickel seinen Laptop zertrümmert. Dann sein Fahrrad», sagt Christina ziemlich unerschrocken.

Hat man da nicht Angst, wenn ein fremder Mensch, der offensichtlich psychische Probleme hat, Sachen zerschlägt? «Chlei vöu Temperamänt», bemerkt Christian in einem ruhigen Ton. Er habe vor allem eine grosse Klappe gehabt. «Einmal gewitterte es hier oben in Aeschi, da hat er sich fast in die Hosen gemacht», erzählt Christian. Christina schildert, wie er dann eines Tages auf dem Stegli vor dem Haus sass und meinte, die beiden seien inkompetent. Christina lächelt, als sie das sagt, und fügt an: «Die muss man ziehen lassen.» «Er hat auch eine wahnsinnige Geschichte hinter sich», wirft Santo ein. Wo er jetzt ist, weiss keiner. Natürlich werde auch darauf geschaut, dass keine Gefahr besteht. «Wir hatten dieses Jahr bei 55 Patienten nur zweimal eine Krisensituation», sagt Santo.

Obwohl es mit dem ersten Gast schieflief, hat die Familie aus Aeschi entschieden, noch einen Gast von der psychiatrischen Familienpflege aufzunehmen. Wie kommt man dazu? Christina arbeitete in einem Altersheim, sie war Leiterin Hauswirtschaft. Dort lebte ein Mann, der sei falsch platziert gewesen. «Er brauchte eine andere Struktur, Aufgaben, er sollte irgendetwas tun, wo er stolz drauf ist, dass er helfen kann», erklärt sie. Der Mann kam tatsächlich an einen für ihn passenderen Ort. Sie dachte sich: Wir können auch so jemanden aufnehmen. Sie stiess auf das Projekt des UPD. «Ich schickte ein Konzept, Strafregisterauszüge, Zeugnisse vom Arzt. Man wird richtig gut angeschaut.» Christian nickt. «Meistens geht die Initiative von den Frauen aus», sagt Santo.

Die Reaktion der Kinder ist durchmischt. Der eine Sohn, der regelmässig zu Hause übernachtet, steht dem Projekt offen gegenüber. Die anderen seien schon skeptisch und fragten: «Dass ihr das könnt? Aus der Psyche?» «Die sind halt nicht so sozial», sagt Christina und lacht.

Ein guter Zustupf

Nur etwa 12 Prozent haben einen professionellen Hintergrund, kommen aus der Pflege oder der Sozialarbeit. So wie Christina. Von den Familien werden keine Vorkenntnisse erwartet, doch sie sollten Einfühlungsvermögen und Interesse am Wohlbefinden des Patienten haben. Sie müssen bereit sein, ihren Alltag mit anderen zu teilen. Zweimal im Jahr müssen sie an Weiterbildungen teilnehmen.

Santo verheimlicht nicht, dass die Familien auch das Finanzielle reizt. «Wir sind mit Leib und Seele Bauern, aber es geht unserer Branche nicht gut, daher ist das ein guter Nebenerwerb für uns», gibt auch Christina ehrlich an. Die Familien bekommen zwischen 100 und 135 Franken pro Tag als Aufwandentschädigung für die Betreuung und die Lebenshaltungskosten. Während ein Klinik-Aufenthalt von der Krankenkasse bezahlt wird, wird ein solcher Wohnplatz vom Sozialdienst und von der IV-Rente finanziert.

Wenn Kinder im Spiel sind

Fast die Hälfte der Familien betreibt einen Bauernhof. Mithilfe im Haushalt und im Stall ist erwünscht, aber kein Muss. Santo bemerkt die Skepsis. Doch er beruhigt. Er und sein Team achten gut darauf, dass kein Patient ausgenutzt werde oder ein Abhängigkeitsverhältnis entstehe. Immer wieder kommen sie zu Gesprächen vorbei, lösen Probleme. Bei Barbara geht es gerade um ihren Sohn. Der 5-Jährige lebt in einem Kinderheim, am Wochenende ist er bei seinen Grosseltern. Geplant ist, dass er hin und wieder auch auf dem Hof bei seiner Mutter schlafen darf.

Bei der Zimmerführung in Aeschi zeigt sie stolz das gerichtete Bett für Pedro. «Es ist ihr Traum, dass ihr Kind bei ihr wohnt», sagt Christina. Aber solange sie Rückfälle habe, sei das kein Thema. Den letzten habe sie vor einem Jahr gehabt. Sie sei dann weinerlich, depressiv, liege nur noch, sehe keine Perspektive. Hier könne man sie auffangen. «Es läuft immer etwas. Wenn ich merke, dass es ihr nicht gut geht, sag ich etwa: Komm, wir müssen noch die Esel putzen. Das lenkt sie ab», erklärt Christina.

Bald sollen sich ein Leumund, ein Heimmitarbeiter und Santo treffen, um den Besuch von Pedro zu planen. «Da sind viele involviert», erklärt Santo. Er muss die Mutter bremsen. Der Junge kann nicht gleich ein ganzes Wochenende bleiben. Erst einmal kommt er zu Besuch. In Begleitung.

Bis dahin geht Barbara viel spazieren. Christina hat mit ihr einen Ämtliplan erarbeitet. Immer wieder fällt das Wort «Ämtli». Für die Patienten sind klare Aufgaben und Strukturen sehr wichtig. Ab Januar hat Barbara eine 50-Prozent-Stelle in einer Werkstatt in Thun. Sie wird dann selbstständig mit Bus und Zug zur Arbeit fahren. «Sie kann viel mehr, als sie sich zutraut», sagt Santo über seine Patientin. Und Christian hält fest: «Sie hat einen Weltschritt gemacht, seit sie bei uns ist.»

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