Leben

Jugendliche und ihr Smartphone: «Wenn der Akku leer ist, werde ich nervös»

Pro Tag greifen Jugendliche dreissig Mal zu ihrem Smartphone.

Pro Tag greifen Jugendliche dreissig Mal zu ihrem Smartphone.

Jugendliche sind vier Stunden pro Tag online. Über ihre Internetnutzung machen sie sich jedoch mehr Gedanken als Erwachsene.

Bevor sich Fabian über die Schulbücher beugt, legt er sein Smartphone in einen Nebenraum. Kein Vibrieren, kein Piepsen lenkt ihn dann ab. «Auf diese Art lerne ich am besten», sagt der 19-Jährige. Fabian gehört zu jener Generation, die es gewohnt ist, jederzeit und praktisch überall das Internet nutzen zu können. Und für die es selbstverständlich ist, von Zeit und Ort unabhängig vernetzt zu sein.

Im Schnitt greifen Jugendliche dreissig Mal pro Tag zu ihrem Smartphone und bleiben daran hängen: Vier Stunden ihrer Freizeit verbringen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren täglich online. Das ist deutlich mehr als die 40- bis 50-Jährigen: Diese nutzen digitale Medien durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Tag. Das hat eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz ergeben.

Im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) wurde untersucht, wie es für Jugendliche ist, stets online verfügbar zu sein. Dafür wurden 1001 junge Menschen und 390 Personen über 40 Jahre befragt. «Viele Erwachsene beobachten das Online-Sein der Jugendlichen mit Sorge. Wir wollten nun die Sichtweise der jungen Menschen in Erfahrung bringen», sagt Sami Kanaan, EKKJ-Präsident.

Dabei kam heraus: Die meisten Jugendlichen schätzen es, dass sie jederzeit in Kontakt mit anderen Personen stehen, für die Schule oder den Beruf rasch an Informationen kommen und im Netz unterhalten werden. Die Mehrheit ist der Ansicht, dass die Digitalität ihr Leben bereichere. Mehrmals pro Tag nutzen junge Menschen denn auch Messenger-Chats wie Whatsapp oder soziale Medien. Junge Frauen verbringen dabei mehr Zeit in den sozialen Netzwerken als junge Männer. Diese spielen und informieren sich dafür häufiger im Internet.

Junge Frauen sind öfters auf sozialen Netzwerken

Das stete Online-Sein erlebt eine Hälfte der befragten Jugendlichen als durchweg positiv – die andere Hälfte steht dem ambivalent gegenüber. So fühlt sich ein Drittel durch Apps unter Druck gesetzt, die eine regelmässige Nutzung belohnen. Das ist etwa bei Snapchat der Fall, wo die Anzahl Nachrichten an eine Person mit unterschiedlichen Emojis bewertet wird. Solche Apps belasten junge Frauen insgesamt stärker als junge Männer. Sie fühlen sich auch häufiger schlecht, wenn sie sich im Netz mit anderen vergleichen.

«Dennoch gibt es aber fast keine Jugendlichen, die das stete Online-Sein ausschliesslich negativ erleben», sagt Soziologe Olivier Steiner von der Fachhochschule Nordwestschweiz.Verglichen mit den Erwachsenen erleben die Jugendlichen sowohl die Vor- als auch die Nachteile stärker.

Das bestätigt auch Anna (Name geändert). Die 16-jährige Schülerin hat seit vier Jahren ein Smartphone. Es nerve sie, wenn sie beispielsweise nach ihrem Training zig Mal lese: Wieso bist du nicht online? «Umgekehrt schreibe ich das auch, wenn man mir nicht gleich zurückschreibt», sagt sie. Wenn der Akku leer ist, werde sie nervös. «Die Angst, etwas zu verpassen, kenne ich nicht nur von mir. Die gehört zu meiner Generation», sagt sie. Trotzdem schalte sie ihr Smartphone regelmässig in den Flugmodus: Wenn sie lernt und wenn sie schläft.

Viele Jugendliche geben sich selbst Regeln vor

Wie Anna oder Fabian haben die meisten jungen Menschen Tricks oder Regeln, wie sie mit der steten Verfügbarkeit umgehen. Das hat die Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz ergeben: «95 Prozent der Jugendlichen verfolgen mindestens eine Regulierungsstrategie», sagt Olivier Steiner. Sie löschen etwa zeitraubende Apps, schalten Benachrichtigungsfunktionen aus oder bestimmen Offline-Phasen. Dabei setzen sich jüngere Jugendliche öfters Regeln als ältere Jugendliche. Nur: Halten sie diese auch ein? Ja, sagen zumindest drei Viertel der Befragten.

Heutige Jugendliche sind mit den digitalen Medien und dem Internet aufgewachsen. Dennoch beschäftigen sie deren Auswirkung auf die Gesellschaft etwas stärker als Erwachsene. Fast drei von vier Jugendlichen gaben an, sich damit auseinanderzusetzen. Zudem gibt jeder zweite Jugendlichen an, über die eigene Online-Nutzung nachzudenken. Das ist mehr als bei den Erwachsenen. «Das zeigt, dass junge Menschen an ihren Displays nicht schutzlos oder verloren sind», sagt Sami Kanaan, EKKJ-Präsident. Vielmehr müssten sie in die Diskussionen rund um die Online-Nutzung einbezogen werden, fordert er.

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