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Jetzt will die Tiger-Mutter die ganze Nation drillen

Mehr Drill: Die Botschaft des Buches «Die Mutter des Erfolgs» ist es, dass der strenge chinesischeErziehungsstil der entspannten westlichen Haltung gegenüber Kindern überlegen sei. keystone

Mehr Drill: Die Botschaft des Buches «Die Mutter des Erfolgs» ist es, dass der strenge chinesischeErziehungsstil der entspannten westlichen Haltung gegenüber Kindern überlegen sei. keystone

Fühlen Sie sich anderen überlegen, fürchten Sie, dass was Sie tun, nicht genügt,und widerstehen Sie Versuchungen: Das empfehlen Amy Chua und Jed Rubenfeld in ihrem neuen Buch

Als Tiger-Mutter machte Amy Chua 2011 Schlagzeilen. Die in den USA geborene Chinesin philippinischer Abstammung berichtete in ihrem Buch «Die Mutter des Erfolgs» (Originaltitel: «Battle Hymn of the Tiger Mother») frei heraus, mit welchen kompromisslosen Erziehungsmethoden und disziplinarischen Massnahmen sie ihre beiden Töchter zum schulischen und musikalischen Erfolg drillte. Die Botschaft des Buches: Der strenge chinesische Erziehungsstil sei der entspannten westlichen Haltung gegenüber Kindern überlegen.

In ihrem neuen Buch «The Triple Package», das heute auf Deutsch erscheint, doppelt Chua gemeinsam mit ihrem jüdischen Mann Jed Rubenfeld mit einer weiteren aufwieglerischen These nach: Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind anderen überlegen. Alle anderen tragen zum Niedergang der USA bei.

Die Gruppen in den USA, die die beiden Jura-Professoren als besonders erfolgreich herauskristallisieren, sind Chinesen, Juden, Kubaner, Nigerianer, Inder, Iraner, Libanesen und Mormonen. Diese acht Gruppen seien gemessen an Einkommen, beruflicher Stellung, Prüfungserfolg und weiteren Kriterien erfolgreicher als weisse Durchschnittsamerikaner. Ihre Behauptung stützen die beiden Autoren teilweise mit Statistiken. So machten Nigerianer nur 0,7 Prozent der schwarzen US-Bevölkerung aus, seien aber mit annähernd dem Zehnfachen dieses Prozentsatzes unter den schwarzen Studenten an amerikanischen Eliteuniversitäten vertreten. Für gewisse Gruppen fehlen aber genaue Daten, wie Kritiker der Autoren festhalten.

Mit Überheblichkeit zu Wohlstand

Den Erfolg der acht kulturellen Gruppen führen die beiden Professoren der Yale University auf ein sogenanntes Dreierpack zurück: Erstens hätten sie den Glauben tief verinnerlicht, dass die eigene Gruppe einzigartig und überlegen ist. Zweitens litten sie an einer Verunsicherung in Bezug auf den eigenen Wert oder den eigenen Platz in der Gesellschaft. Drittens impften diese Gruppen ihren Kindern von klein auf Disziplin ein und lehrten sie, Versuchungen zu widerstehen.

Damit eine Gruppe über Generationen hinweg Spitzenpositionen in der Forschung, in Unternehmen und der Politik überproportional häufig besetzen kann, muss sie eine Position des Aussenseitertums bewahren. Assimilierung ist in den Augen des Elite-Paars wenig erstrebenswert, denn sie schwächt das Überlegenheitsgefühl der Gruppe ab. «Amerikaner der zweiten und dritten Generation fangen (vielleicht zu Recht) an, den Überlegenheitskomplex ihrer Eltern für bigott oder rassistisch zu halten und ihn aus diesem Grund abzulehnen», heisst es im Buch. Nähern sich Nachkommen von Einwanderern der hedonistischen Lebenshaltung der amerikanischen Kultur an, geht die Impulskontrolle verloren. Sobald aber ein Element des Dreierpacks fehlt, kann eine Gruppe laut Chua und Rubenfeld nicht mehr besonders erfolgreich sein.

Dies beklagt Tiger-Mutter Chua in Bezug auf ihre eigene kulturelle Gruppe: Traditionelle chinesische Erziehungsmethoden mit ihrem Schwerpunkt auf Drill, Gehorsam und Disziplin hätten zweitausend Jahre dynastischer Abfolgen, kommunistische Umwälzungen und sogar die Kultur revolution mit ihrer antikonfuzianischen, antiintellektuellen Stossrichtung überstanden. «Eines können sie aber offenbar nicht überstehen: die Vereinigten Staaten.» Nach nur einer Generation in den USA nehme die traditionelle strenge Erziehung in chinesisch-amerikanischen Familien ab, die elterlichen Erwartungen sänken und von der zweiten zur dritten Generation käme es zu einem drastischen Einbruch der akademischen Leistungen.

Die Autoren verhehlen nicht, dass sie mit einer Gesellschaft, in der Wünsche instant befriedigt sein wollen, in der sich alles um das Heute statt um das Morgen dreht, wenig anfangen können. So wird das neue Buch der beiden Bestsellerautoren zu einem umstrittenen Ratgeber für eine ganze Nation: «Für einen Fortschritt ist Impulskontrolle vielleicht das wichtigste Element, auf das es sich zu konzentrieren gilt.»

Indem das Ehepaar eine Anleitung liefert, wie jedes Individuum sich die Dreierpack-Eigenschaften aneignen und es zum Erfolg bringen kann, will es den Vorwurf des Rassismus entkräften, den es im Buch vorwegnimmt und der von amerikanischen Kritikern erhoben wurde. Die Vereinigten Staaten von Amerika hätten die Chance, wieder zu der Dreierpack-Kultur zu werden, die sie einst war. Von den drei Elementen des Dreierpacks – Überlegenheitskomplex, Verunsicherung und Impulskontrolle – seien vor wenigen Jahren zwei verloren gegangen: «In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erklärten die USA der Unsicherheit und der Impulskontrolle den Krieg», heisst es im Buch. Nur der Überlegenheitskomplex sei übrig geblieben – und dieser führe allein nicht zum Erfolg, sondern zu «Arroganz, Selbstgefälligkeit und Anspruchsdenken». Die USA und jedes einzelne Individuum müssten zur Dreierpack-Kultur zurück finden.

Schweiz hält am Tabu fest

Auch wenn sich die Autoren fast ausschliesslich mit der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzen: Das Buch dürfte im Zuge der Zuwanderungsdebatte auch hierzulande einen Nerv treffen. In der Schweiz gibt es kaum Forschung dazu, wie einzelne Einwanderergruppen reüssieren – und wenn Daten vorhanden sind, werden sie nicht publiziert. Dass Chua und Rubenfeld über die unterschiedlichen Leistungen von kulturellen Gruppen sprechen, ist so gesehen ein Tabubruch. Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm etwa hätte in ihren Studien zu Schulschwänzern und zu besonders erfolgreichen Migranten unter jungen Berufsleuten durchaus Aussagen zu Herkunftsländern machen können. «Wir haben in unseren Studien tunlichst vermieden, darüber zu reden, wer am meisten schwänzt oder am besten ist», sagt sie. Denn allgemeine Aussagen zu ganzen kulturellen Gruppen führten zu einem problematischen neuen Kulturalismus. «Wirft man ganze Kulturen in einen Topf, wird man vielen Untergruppen nicht gerecht», sagt Stamm, die aktuell das Forschungsinstitut SwissEducation in Bern leitet. Für sie ist das Konzept des Dreierpacks zu simpel. «Unsere Forschung hat gezeigt, dass es zu kurz greift, Einwanderer-Erfolg anhand von kulturellen Faktoren zu erklären.» Stamm sagt, es sei ein viel grösseres Konglomerat von zum Teil zufälligen Faktoren – etwa ob eine Mentoren-Figur vorhanden ist –, welche für das Obenausschwingen von leistungsstarken Migranten verantwortlich ist.

Amy Chua, Jed Rubenfeld: Alle Menschen sind gleich – erfolgreiche nicht. Die verblüffenden kulturellen Ursachen von Erfolg. Campus Verlag, 318 Seiten, ca. Fr. 29.90.

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