Interview

Ist Gott in der grossen Datenwolke zu finden?

Die Digital-Theologin Claire Clivaz, 48, stammt aus dem Kanton Waadt. Sie arbeitete sechs Jahre als Pfarrerin Teilzeit in der reformierten Gemeinde Lutry. Dann widmete sie sich ganz der akademischen Karriere und als Assistenz-Professorin dem Neuen Testament an der Universität Lausanne. 2014 wechselte sie zum Schweizerischen Institut für Bioinformatik, wo sie seit 2018 die Gruppe «Digital Humanities+» leitet. Die Theologin ist Mutter von drei Kindern. Ihr letztes Buch: Ecritures digitales, Brill, 2019. (kus)

Die Digital-Theologin Claire Clivaz, 48, stammt aus dem Kanton Waadt. Sie arbeitete sechs Jahre als Pfarrerin Teilzeit in der reformierten Gemeinde Lutry. Dann widmete sie sich ganz der akademischen Karriere und als Assistenz-Professorin dem Neuen Testament an der Universität Lausanne. 2014 wechselte sie zum Schweizerischen Institut für Bioinformatik, wo sie seit 2018 die Gruppe «Digital Humanities+» leitet. Die Theologin ist Mutter von drei Kindern. Ihr letztes Buch: Ecritures digitales, Brill, 2019. (kus)

Im Zeitalter der Digitalisierung müssen sich besonders Protestanten eingestehen: Das Christentum ist nicht mehr nur eine Buch-Religion.

Wie sie dasteht mitten im Pendlerstrom vor dem Bahnhof Bern, hat Claire Clivaz etwas Sanftes. Eine erfolgreiche Erforscherin der digitalen Welt stellt man sich anders vor. Wenn sie spricht, ändert sich das. Die Theologin beendet ihre Sätze oft mit einem Ausrufezeichen. Beruflich liest sie nicht primär die Bibel, sondern das Internet. Die Bibel wird digital: Sie ist auf Youtube-Videos, in den sozialen Netzwerken oder den zwei populären App-Plattformen YouVersion und Glo-Bible. Claire Clivaz sagt: «Plötzlich sind da noch Bild und Ton und Online-Kommentare. Sobald religiöse Schriften im Internet sind, ändert sich alles!»

Sie ist fasziniert von dieser neuen Nicht-nur-Buch-Religion. Seltene Manuskripte werden nun auf jedem Computer einsehbar und vergleichbar. Gerade hat sie sich dem letzten Kapitel des Markus-Evangeliums gewidmet, von dem sechs neue Enden gefunden wurden – und sie noch ein siebtes entdeckt hat. Ausgerechnet auf Wikipedia. Jemand hatte vor 13 Jahren in der Nationalbibliothek von Turin ein Foto von diesem Manuskript gemacht. «Eine Trouvaille! Hier steht zum Beispiel nicht, dass die Frauen aus Angst am Grab Jesu geschwiegen hätten. Dafür ist von der Erscheinung eines Kindes die Rede!» Diese Frau ist den uralten theologischen Schriften komplett verfallen. Und steht doch voll in der digitalisierten Welt.

Gibt es in der grossen Datenwolke des Internets Gott?

Claire Clivaz: Es stellt sich die Frage, ob das Christentum nur eine Religion des Buches ist. In der Reformation fanden die Protestanten: Ja, alle sollen die Bibel lesen. Die Katholiken sahen das anders. Als Protestantin ist das Zeitalter der Digitalisierung nicht einfach. Wir müssen einräumen: Das Christentum ist auch eine Religion der Personen, der Gemeinschaften, des Geistes.

Gott ist also auch im Internet?

Ich glaube nicht, dass Gott speziell im Internet präsent ist. Er ist überall. Die Theologie kann uns helfen, dass wir aus dem Internet eben gerade nichts Magisches machen.

Besteht dieses Risiko tatsächlich? Das Internet ist so technisch, der Bildschirm im grellen LED-Licht ...

Ja, eigentlich nicht, aber die Leute verhalten sich davor wie Kinder vor etwas Magischem. 1953 hat ein Professor der Pariser Universität Sorbonne die französische Übersetzung des Wortes Computer ausgesucht: «ordinateur». Er dachte, das sei eine Maschine, die Ordnung bringen werde in die Welt wie Gott! Und wir sind tatsächlich ein bisschen diesem Phantasma verfallen und glauben via Internet alles wissen zu können.

Das stimmt nicht?

Nein. Manche Regierungen würden sich das wünschen, alles über die Bürger zu wissen. In der Schweiz wird über die elektronischen Patientendossiers diskutiert, Länder wie China gehen viel weiter. Die Smartphones machen es möglich, dass wir permanent überwacht werden können.

Es heisst, Gott sehe auch alles.

Genau, deshalb muss man die beiden unbedingt auseinanderhalten. Das Internet könnte in den Köpfen den Platz des allmächtigen Gottes übernehmen.

Was ist der Unterschied zwischen der Überwachung durch Gott und der durch die Digitalisierung?

Das hängt natürlich von der persönlichen Vorstellung von Gott ab. Wenn man das Gefühl hat, er sei wie ein GPS, das einem zeige, wohin man gehen und was man befolgen solle, dann ist das eine theologische Perspektive, bei der es nur darum geht, es Gott recht zu machen. Dann vielleicht könnten Apps, die uns tracken, Gott ersetzen. (lacht)

Sie lachen. Sie denken nicht so.

Nein, ich verstehe Gott als Quelle der Freiheit. Wir wählen selbst. Das ist ein schwieriges Geschenk. Aber für mich ist Gott kein Überwachungsprogramm wie GPS. Er ist eher ein freiheitliches Gegenüber und eine omnipräsente Zärtlichkeit. Er lässt uns trotz all unseren Schwächen und Problemen aufrecht leben.

Eine künstliche Intelligenz könnte Ihnen zumindest helfen, den Beweis für die Existenz Gottes zu finden.

Nein! Die Frage nach dem Beweis für die Existenz Gottes hat die Menschen schon immer herumgetrieben. Ich halte es da mit dem Philosophen Blaise Pascal und seiner berühmten Wette. Er sagte, es sei immer die bessere «Wette», an Gott zu glauben. Denn wenn Gott existiert und man nicht glaubt, erleidet man einen grossen Verlust. Wenn er hingegen nicht existiert, spielt es keine Rolle, ob man glaubt.

Nicht allen genügt das. Wo sind die Beweise?

Es gibt diese Erzählung im Alten Testament im Buch Exodus, Kapitel 33, wo Mose Gottes Herrlichkeit sehen will. Aber er sieht nur den Rücken Gottes. Im Neuen Testament heisst es wiederum: «Niemand hat je Gott gesehen.» Er hat sich entschieden, sich nicht aufzudrängen. Er wird auch nicht einen Algorithmus schreiben lassen: «Ich bin Gott.» (lacht laut) Er hinterlässt nur diskrete Spuren – und uns die Wahl.

Und doch hat zum Beispiel die sprechende künstliche Intelligenz Siri direkte Antworten auf unsere Fragen. Von Gott ist es schwierig, eine Antwort zu erhalten.

Siri versteht manchmal unsere Fragen nicht mal!

Siri wird immer besser.

Vorhin beim Fototermin vor dem Bahnhof Bern ist ein Mann zwischen uns durchgegangen und hat die Fotografin auf der Leiter gar nicht gesehen. Sein Blick war nur auf dem Smartphone. Man kann sich in diesen Bildschirmen verlieren.

Was ist der Unterschied zwischen einem Einsiedler, der nur noch mit Gott spricht, und dem modernen Menschen, der nur noch aufs Handy starrt?

Diese Mechanismen kann man durchaus vergleichen. Es gibt Gläubige, die sich ebenfalls verlieren. Aber so wie ich das Christentum verstanden habe, sollen wir uns mit den Menschen eng verbinden und uns nicht in eine Ecke zurückziehen.

Sie haben kürzlich ein Buch übers digitale Schreiben geschrieben. Was bedeutet das?

Es geht darum, wie die biblischen Schriften sich verändern, wenn sie digitalisiert sind. Die Bibel wird multimedial und die Diskussionen in den Foren darum herum kann man nicht ignorieren.

Muss die Bibel also neu aufbereitet werden fürs Internet?

Ja, ich glaube, heute muss man die Bibel multimedial erzählen. Als das Buch geschrieben wurde, konnten maximal 10 Prozent der Bevölkerung lesen. Die übrigen 90 Prozent erfuhren die Geschichten mündlich und mit Bildern. Heute findet man diese Mündlichkeit wieder – und wenn es in der Antike funktionierte, wird es wieder funktionieren.

Wie müsste die Weihnachtsgeschichte heute lauten, digitalisiert?

In Amerika hat jemand eine spezielle Krippe angefertigt: Drei Käfige, einer mit Josef, einer mit Maria, einer mit dem Jesuskind. Es ist ein Protest dagegen, wie US-Präsident Trump an der Grenze zu Mexiko mit den Immigranten-Kindern umgegangen ist. Das Bild dieser Krippe vermittelt schneller und eindrücklicher als Worte die Weihnachtsgeschichte. Zum Beispiel jene eines Paares, das mit einem unehelichen Kind flüchten muss – voilà, das soll uns auch heute zum Denken anregen. Gott ist nicht im Bundeshaus geboren, und Maria trug keine Perlenkette um den Hals.

Müsste Lukas die Weihanchtsgeschichte heute erzählen, müsste er an die mexikanische Grenze gehen. Dort stecken Joef, Maria und das Kind als unerwünschte Flüchtlinge in Käfigen.

Müsste Lukas die Weihanchtsgeschichte heute erzählen, müsste er an die mexikanische Grenze gehen. Dort stecken Joef, Maria und das Kind als unerwünschte Flüchtlinge in Käfigen.

Die altertümlichen Worte «Es begab sich aber zu dieser Zeit  . . .» kann man vergessen?

Ich hing nie sehr am Wortlaut. Es liegt in der Geschichte ein Hauch von Gefühlen, der über die Worte hinausgeht.

Die Bibel hat Ratschläge, wie man sein Leben führen soll. Aber keine Ratschläge, wie man mit Social Media umgehen soll. Ein Manko?

Absolut. Aber die Bibel wurde vor 2000 Jahren geschrieben – vieles war noch nicht erfunden. Auch die Pille nicht. Alles, was in der Bibel über die Familie und die Rolle der Frau steht, ist auf ein Leben ohne Verhütungsmittel ausgerichtet. Eine Partnerschaft war an ein Leben mit Kindern gekoppelt. Nun müsste man halt nach dem ersten und zweiten Testament wohl noch das dritte schreiben.

Da wären Sie für ein drittes Testament?

Warum nicht? Das ist eben genau unsere Freiheit. Man kann die neuen Fragen in den Glauben integrieren.

Die Digitalisierung gefährdet viele Berufe. Auch die des Pfarrers/der Pfarrerin?

Ich denke nicht. Aber es hängt davon ab, ob die Kirchen es schaffen, ihre Arbeit anzupassen. Es braucht viel mehr Präsenz online! Die Pfarrleute und Pastoren müssen in den Foren präsent sein. Sie sind die Verbindung zwischen dem Wort Gottes und den Leuten.

Hat im Internet nicht schon jeder seine eigene Kanzel, wo er predigen kann?

Das ist die Frage der Autorität. Wie in der Medizin – jeder sucht sich im Internet heute seine eigene Diagnose. Auch meine Studenten googeln und finden noch mehr, als was ich ihnen erzähle . . . Das Wissen wird mehr horizontal geteilt und das ist ok.

Meistgesehen

Artboard 1