Leben

In Berlin soll eine Weltpremiere gebaut werden: ein Gotteshaus für alle

Im Jahr 2024 soll das House of One am Berliner Petriplatz stehen.

Im Jahr 2024 soll das House of One am Berliner Petriplatz stehen.

Das House of One in Berlin ist eine Architektur- und eine Friedensvision. Zum ersten Mal überhaupt soll ein Bauwerk errichtet werden, das eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee unter einem Dach vereint. Im April geht es hoffentlich los.

Am 14. April 2020 wird mitten in Berlin der Grundstein für ein Wunder gelegt. Der erste Ziegel für einen weltweit neuartigen Gebäudetypus: Ein Gotteshaus, das Synagoge, Kirche und Moschee in einem ist: Das House of One. Jede der drei grossen monotheistischen Weltreligionen bekommt darin ihren eigenen Raum; doch es gibt nur eine Türe, durch die alle Besucher dieses Haus betreten. Hinzu kommt ein hoher Saal in der Mitte. Dieser vierte Raum verbindet nicht nur alle drei abrahamitischen Religionen, sondern steht allen offen, auch Atheisten. Interreligiöse Feiern, Konzerte und Seminare sollen darin stattfinden.

Mit drei Basisgemeinden will das Projekt starten, später können weitere hinzustossen. Die Evangelische Kirchgemeinde St. Petri-St-Marien vertritt die Christen; die Jüdische Gemeinde zu Berlin im Verbund mit dem Abraham-Geiger-Kolleg die Juden; das Forum Interkultureller Dialog die Muslime. «Jeder von uns muss andere Spielarten akzeptieren, mit ihnen zusammenarbeiten können und dazu bereit sein, in kritischen Debatten die eigene Glaubensrichtung zur Diskussion zu stellen», betont der Initiator des Projekts, Pfarrer Gregor Hohberg.

Harsche Kritik aus der Türkei

Seit 2011 entscheiden Vertreter der drei Religionen jeden Schritt gemeinsam. Die Partnersuche habe zwei Jahre gedauert, sagt Gregor Hohberg. Vor allem unter den Muslimen sei es nicht einfach gewesen, da sie sehr separat organisiert seien in Berlin. Der Entscheid fiel zu Gunsten des Forums für Interkulturellen Dialog – und erntete umgehend harsche Kritik. Diese Gemeinschaft mit türkischem Hintergrund stehe der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen sehr nahe; sie sei konservativ, ja sektenähnlich, hiess es. Pfarrer Hohberg hält diese Anschuldigungen für ungerechtfertigt: «Wir haben unseren Partner so nie erlebt. Wir pflegen ganz offene Diskussionen und kennen Ihre Arbeit: Die ist tadellos. Man soll die Menschen an ihren Früchten messen.» Ein grosser Teil der Vorwürfe käme zumindest indirekt aus der Türkei: «Wir können nicht Gerüchten nachgehen – und schon gar nicht aus der Türkei.»

Ein Friedensprojekt «gegen Hass und Gewalt» sei für ihn das House of One, sagt Imam Kadir Sanci. Auch für ihn macht ein alleiniger Wahrheitsanspruch keinen Sinn: «Hätte Gott gewollt, dass alle Menschen an dieselbe Religion glauben, dann hätte Gott uns so erschaffen. Denn Gott ist allmächtig nach islamischem Verständnis.» Die Religionen sollen sich näher kommen. Es gehe aber keineswegs darum, sie zu vermischen, betont der Imam: «Wir bleiben unserer eigenen Identität treu. Traditionen werden gepflegt. Aber wir suchen nach Möglichkeiten, wo wir zusammenarbeiten können.»

Imam fühlt sich den Juden nah

Er habe im Süden Deutschlands studiert, wo die christliche Religion sichtbarer war, und deshalb geglaubt, das Christentum stehe dem Islam am nächsten, erzählt Kadir Sanci. Der Dialog mit den Juden habe ihn allerdings eines besseren belehrt: «Wir sind uns so ähnlich, dass ich mich wundere, dass Menschen antisemitisch sein können.

Oft treten der Imam, der Pfarrer und der Rabbi gemeinsam auf oder posieren gemeinsam auf Fotos. Allein dieser Anblick zeitige Wirkung, sagt Esther Hirsch, Kantorin bei der jüdischen Partnergemeinde: «Ich bin viel mit einem Imam unterwegs und wir zeigen, dass wir ähnliche Grundlagen haben, dass wir uns austauschen und respektieren.» Für Schüler etwa böte das einen neuen Zugang, wenn sie dieses Miteinander von Menschen der eigenen Glaubensrichtung vorgelebt bekämen.

«Wir möchten ein Gegennarrativ bilden. So lange wir Rassismus und Hetze Platz machen, werden diese Plätze belegt sein», sagt Esther Hirsch. «Nur, wenn wir uns auch nach aussen äussern, können wir zeigen, dass nicht die Mehrheit rassistisch ist, sondern die kleine laute Minderheit.»

Unter hunderten von Architekturbüros haben 2012 die Berliner Kühn Malvezzi den Wettbewerb gewonnen. Ihr Entwurf sieht für alle drei Religionen eine eigene Form, aber gleich viele Kubikmeter Platz vor. Die Fassade wird aus 2,4 Millionen hellen Ziegelsteinen gebaut. Die Baukosten werden aktuell auf 47 Millionen Euro veranschlagt. Via Crowdfunding sind Spenden aus über 60 Ländern eingegangen. Dazu kommen öffentliche Gelder aus Berlin und der Bundesrepublik. Noch fehlen die letzten 15 Millionen Euro, der Bau hätte eigentlich schon 2019 beginnen sollen. Bis 2024 soll das Sakralgebäude stehen. Die Arbeit des House of One läuft aber bereits seit einigen Jahren mit gemeinsamen Gebeten oder Podiumsdiskussionen.

Nachahmer in verschiedenen Ländern

Nachahmer in der ganzen Welt Sakralbauten Obwohl noch nicht errichtet, wird dem Modell bereits nachgeeifert: Ähnliche Projekte entstehen im georgischen Tbilisi sowie der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui, wo man sich von den Berlinern beraten lässt. Das Haus der Religionen in Bern ist bereits Ende 2014 eröffnet worden; es praktiziert den interreligiösen Dialog allerdings in einem Wohn- und Geschäftshaus.

Geplante Kapelle an A3.  Bild: key

Geplante Kapelle an A3. Bild: key

Weiter gibt es im Bahnhof Zürich einen Andachtsraum mit den Symbolen der grossen Weltreligionen. Und Stararchitekt Jacques Herzog plant an der Autobahn A14 bei Andeer ein Gotteshaus in einem Erdhügel mit zwei Klausen und einer Kapelle, das auch Atheisten anlocken soll. Herzog und der Pfarrer von Andeer sind laut auf der Suche nach Geldgebern. Auf der Überholspur fährt das reiche Emirat Abu Dhabi, das dieses Jahr mit dem Bau des «Abrahamic House of Fraternity» beginnen will. Eine Gartenanlage soll die drei monotheistischen Gotteshäuser verbinden. Dessen Fertigstellung wird optimistisch auf 2022 angekündet. Das House of One muss sich beeilen, will es als erstes seiner Art fertig gebaut sein.

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