Im Hintergrund

Ihre Geschichten kennt kaum jemand: Diese Frauen machten Henry Dunant zum weltberühmten Humanisten

Henry Dunant (hier um 1880): Seine humanistischen Ideen haben die Welt verändert.

Henry Dunant (hier um 1880): Seine humanistischen Ideen haben die Welt verändert.

Diese Woche jährt sich der Todestag des Gründers der internationalen Rotkreuzbewegung und Träger des ersten Friedensnobelpreises zum 110. Mal. Seinen Erfolg verdankte er zahlreichen Frauen.

Henry Dunant ist bis heute eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Schweiz. Mit zunehmendem Alter wurde der 1828 in Genf geborene Dunant sich der Tatsache bewusst, dass er seinen Erfolg in erster Linie Frauen verdankte. Gleichzeitig gelangte er gegen Ende seines Lebens zur Überzeugung, dass Frieden und Vermeidung von Leid weltweit in erster Linie durch Frauen herbeigeführt werden. Wer waren die Frauen, die Dunants Leben massgeblich beeinflusst haben?

Die Mutter, die Vorkämpferin

Anne-Antoinette Dunant

Anne-Antoinette Dunant

Während der Vater Henry Dunants sehr oft und sehr lange abwesend war, engagierte sich seine Mutter, Anne-Antoinette, genannt Nancy, regelmässig für die Verletzlichsten. Sie stellte Waisenkindern ihren Garten zur Verfügung – eine damals unübliche Tat –, besuchte die Armen in den dunklen, engen Wohnungen und versorgte die Kranken in unhygienischen Hinterhöfen der Stadt Genf, stets begleitet von ihrem ältesten Sohn Henry. Schon früh entwickelte der junge Dunant – dank seiner Mutter – einen Blick für die Vulnerablen der Gesellschaft. Der Samen der Menschlichkeit war eingepflanzt.

Die Frauen von Castiglione, die Helfenden

Im Jahre 1859 wurde der 31-jährige Dunant Zeuge der Schlacht von Solferino. Ein Ereignis, das ihn zeitlebens prägen sollte. Die Schlacht gilt bis heute als eine der blutigsten und grausamsten der Geschichte. Schätzungen gehen von über 30000 Toten und 40000 Verwundeten und Kranken aus. In der Kleinstadt Castiglione, also in unmittelbarer Nähe zu Solferino, wurden die meisten Verwundeten versorgt, wobei es an allem Notwendigen fehlte: an Wasser, an Verbandsmaterial, an Sanitätspersonen.

Napoleon III. weist seine Garde unter Marschall Regnaud zum Sturm gegen Solferino an

Napoleon III. weist seine Garde unter Marschall Regnaud zum Sturm gegen Solferino an

Die «helfenden Hände» vor Ort waren opferbereite Frauen, Mütter, junge Mädchen, die sich freiwillig zur Verfügung stellten, um durch die Versorgung der Verwundeten das grausame Leiden so gut als möglich zu lindern. Der Geschäftsmann Dunant kam, sah und half: Er organisierte, pflegte und machte das, was ihn später berühmt machen sollte: Er unterschied beim Pflegen nicht zwischen den Nationen: «Tutti Fratelli.» Diese Haltung war damals revolutionär und wurde später zum Grundstein des Grundsatzes der «Neutralität», nach welchem das Rote Kreuz bis heute handelt.

In seinem weltbekannten Werk «Eine Erinnerung an Solferino», schrieb Dunant nieder, was er erlebt hatte: Dabei ehrte er in erster Linie die Arbeit und Solidarität der Frauen von Castiglione und huldigte damit diejenigen Frauen, welche durch ihre Menschlichkeit Leid lindern konnten.

Florence Nightingale, das Vorbild

Florence Nightingale

Florence Nightingale

Bei seiner Ankunft in Castiglione war Dunant bereits geprägt durch die Taten einer starken Frau: Florence Nightingale, Begründerin der modernen Krankenpflege. Im Krimkrieg von 1853 hatte Nightingale die Kriegsspitäler überwacht. Gemäss der Historikerin Sabine Braunschweig liess sich Dunant im Jahr 1872 anlässlich eines Vortrags in London folgendermassen vernehmen:

Nach ihrem Vorbild hat Dunant versucht, die Not der Opfer der grossen Schlacht von Solferino zu lindern. «Als der Begründer des Roten Kreuzes und der diplomatischen Genfer Konvention wage ich es, ihr meine Huldigung darzubringen. Miss Florence Nightingale gebührt die Ehre dieser menschenfreundlichen Konvention.»

Baronin von Suttner, Wegbereiterin für den Friedensnobelpreis

Bertha von Suttner

Bertha von Suttner

Die österreichische Baronin Bertha von Suttner, Pazifistin, war diejenige Frau, welche den Friedensnobelpreis initiierte. Auf ihr unerbittliches Insistieren hin nahm Alfred Nobel den Friedenspreis in sein Testament auf. Suttner, die Autorin des Werks «Die Waffen nieder», publizierte eine Zeitschrift gleichen Namens, für welche sie auch Henry Dunant als Autor gewinnen konnte.

Die Baronin stand in jahrelangem brieflichem Kontakt mit Henry Dunant und arbeitete unermüdlich darauf hin, sein Werk mit einem Preis zu ehren. Obwohl sie selber als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis galt, setzte sich Bertha von Suttner mit vielen anderen dafür ein, dass Henry Dunant im Jahr 1901 den Friedensnobelpreis erhielt. Den ersten, der je verliehen worden war. Fünf Jahre später wurde von Suttner selber Trägerin des durch sie initiierten Friedensnobelpreises.

Clara Barton und alle Frauen, die Frieden stifteten

Clara Barton

Clara Barton

Henry Dunants Leben war geprägt durch den Einfluss zahlreicher Frauen, sowohl finanziell als auch ideell. Frauen, die Dunant inspirierten, Frauen, die von ihm inspiriert wurden, Frauen, die ihn unterstützten, als er selber grösste Not litt – die Liste solcher Frauen liesse sich beliebig lange fortsetzen.

Entscheidend ist, dass der Einfluss dieser Frauen Dunant einen für die damalige Zeit ungewöhnlichen Einblick in die Stellung und die Befindlichkeit der Frau im 19. Jahrhundert ermöglichte. So wies ihn beispielsweise Clara Barton, die Gründerin des Amerikanischen Roten Kreuzes, vehement darauf hin, dass Frauen ohne Stimmrecht sich herrschendem Unrecht fügen müssten. Dies brachte ihn später dazu, zu schreiben:

In den 1890er-Jahren beschäftigte sich Dunant, der mittlerweile in Heiden lebte, mit der Frage nach der Überwindung des Krieges. Einer Frage, die er zunehmend in direkten Zusammenhang mit der Ungleichheit der Frau in der Gesellschaft setzte.

Dunant deutete die «zerstörerische Gewalt des Krieges» in ihrem Kern als Folge von männlichen Prinzipien. Umtriebig wie er war, liess er den Gedanken Taten folgen und versuchte, eine Frauenallianz in Gang zu setzen – so das Grüne Kreuz, deren Entstehung er zusammen mit Sara Bourcart aus Zürich initiierte. Die Idee war ein feministischer Weltbund, der den Frauen im von Männern dominierten Staat mehr Gehör verschaffen sollte, zum Beispiel durch das Überarbeiten von Ehe- und Arbeitsrechten. Die Allianz kam jedoch nie richtig zum Tragen.

Mit einer bewusst pointierten Frauenförderung gegen Ende seines Lebens war Dunant seiner Zeit voraus. Die Menschlichkeit, welche für ihn schon als Kind Massstab aller Dinge war, hatte er vorrangig in den Frauen gesehen. Ihnen traute er den Frieden und die Vermeidung von Leid weltweit zu. 110 Jahr später wissen wir, dass der weltweite Friede nicht erreicht ist.

Dunants Sichtweise in Bezug auf den Einfluss der Frauen war dennoch bemerkenswert: So sprach er gemäss Eveline Hasler, «der Zeitreisende», über Visionen von blutigen Auseinandersetzungen, welche nur durch das weibliche Prinzip überwunden werden könnten und bemerkte dazu:

Eine Welt, ein Volk in Frieden – Henry Dunants Vision möge sich erfüllen.

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