Als ausgesprochener News-Junkie habe ich mich bisher noch nie gesehen, ich bin auch kein Digital Native.

Und doch bin ich mehr oder weniger immer online. Umso mehr machte mich die Vorstellung nervös, eine ganze Woche offline zu sein, ohne TV und Radio und ohne das Handy aufladen zu können – noch dazu kein Licht zu haben und auch kein warmes Wasser.

Alles Selbstverständlichkeiten, die man heute nicht mehr hinterfragt. Es ist der Versuch, die Sehnsucht aufzugreifen, die wohl in jedem von uns steckt:

Haltet die Welt an, sie dreht sich zu schnell! Für eine Woche suche ich die Abgeschiedenheit in einer Alphütte, wo die Kuhglocken den Klingelton ersetzen und der Bauer meine einzige Informationsquelle ist.

Die 15-jährige Tochter findet die Idee einer Offline-Woche schlicht eine Spinner-Idee. Sie ist nicht die Einzige, die auf mein Projekt irritiert reagiert. «Wieso nur tust du dir das freiwillig an?», fragte eine Kollegin.

Zum Schluss verabschiede ich mich mit einer SMS an Freunde und Familie: «Ich bin eine Woche offline und nur in Notfällen per Handy erreichbar, Mails werden keine gelesen.»

Tag 1 Die Sonne strahlt – und wir auch, als wir unsere Heimat auf Zeit beziehen. Die Alphütte steht einige Kilometer von Adelboden entfernt am Fusse der Lohner-Wasserfälle.

Das Dorf ist zu Fuss in gut 60 Minuten erreichbar. Ein Fluchtweg ist also garantiert. Kühe und Kälber weiden direkt vor der Hütte. Daneben fliesst ein Bach, einige weitere Alphütten sind in Sichtdistanz. Ob dieser Idylle vergisst die Tochter sogar das Handy und ruft freudig: «Das ist ja unglaublich schön hier!»

Eine Küche, eine Stube und ein Schlafzimmer sind unser Zuhause. Der Kühlschrank ist eine Box im Wassertrog vor dem Stall. Bauer Klopfenstein Bruno erklärt uns in behäbigem Berner Oberländer Dialekt, wie alles funktioniert. So ruhig, dass wir uns schon ein Stück entschleunigt fühlen.

Anschliessend sind wir so damit beschäftigt, uns gemütlich einzurichten, dass wir keinen Moment ans Handy geschweige denn an den Computer denken. Das fühlt sich richtig befreiend an. Noch bevor es richtig dunkel ist, legen wir uns bereits todmüde und zufrieden ins Bett.

Tag 2 Als ich erwache, habe ich das Gefühl, schon eine Ewigkeit hier oben zu sein, und meine innere Stimme findet, dass das eigentlich reichen würde. Nicht dass ich PC und Handy bereits vermissen würde, aber es wäre schon interessant zu hören und zu lesen, wie die Freunde das Wochenende verbracht haben. Und ich hätte auf Facebook gerne ein Foto gepostet, das mich beim Einfeuern zeigt.

Es regnet. Wir erkunden die Umgebung, machen Bekanntschaft mit dem Bauer, dessen Kühe bei uns im Stall stehen. Was er uns über die Vorzüge der Simmentaler und Freiburger Kühe erzählt, hätten wir auf Wikipedia nicht besser erklärt erhalten. Endlich haben wir auch Zeit, das längst angefangene Buch weiterzulesen. Kein Handy, kein Mail unterbrechen uns. Nur die knurrenden Mägen erinnern uns gegen Abend daran, dass wir wieder einfeuern sollten, wenn wir in einer Stunde essen wollen. Die Röschti vom Herd wird «die beste ever», findet die Tochter.

Tag 3 Ich habe kaum ein Auge zugetan. Jede Bewegung, jedes Husten der Kühe hört man durch die dünne Wand. Das klingt manchmal, als ob eine ganze Einbrecherbande sämtliches Mobiliar verschieben würde. Es regnet in Strömen. Sehr ungünstig, müssen wir heute doch ins Tal. Wir bekommen Besuch von Freunden und wollen sie abholen. Zum ersten Mal seit mehr als 48 Stunden klingelt das Handy. Ihr Zug hat eine Stunde Verspätung.

Die Stunden verfliegen im Nu. Wir führen tiefsinnige Gespräche, für die im Alltag nie Platz war, und diskutieren die Weltpolitik. So hitzig, dass sich die Fenster beschlagen – und plötzlich der Feueralarm losgeht.

Notfall! Das Handy ist unser Retter oder vielmehr Bauer Klopfenstein. Er nimmt es gelassen. Während wir schon fast hysterisch werden, gibt er uns am Handy ruhig seine Anweisungen – und der Akku rast nach unten. Nur noch 55 Prozent.

Tag 4 Das Grossprojekt am Morgen heisst: Haare waschen. Was ansonsten eine Sache von fünf Minuten ist, muss genau geplant werden. Die Haare werden luftgetrocknet. Zeit also, einen Blick aufs Handy zu werfen und die neugierigen SMS der Freunde zu lesen, die gerne wissen möchten, wie es sich in der Abgeschiedenheit lebt, und die neusten Postings auf Facebook kommentieren.

Beantwortet werden sie nicht, denn der Akku ist bereits unter 40 Prozent gefallen. Ich fühle mich irgendwie ausgeschlossen, und das nervt. Die digitale Funkstille füllen die Wanderer, die an der Hütte vorbeikommen. Die gemeinsamen Jass- und Rummikub-Runden ersetzen das individuelle Surfen und Chatten im Netz.

Tag 5 Krise beim Frühstück. Ich habe von einem warmen, gemütlichen Hotelbett und einer frischen Dusche geträumt. Die Aussicht, noch drei Tage darauf warten zu müssen, hellt die Stimmung nicht gerade auf. Dafür der Anruf der Freundin – aber ich muss sie abklemmen, nur noch 30 Prozent Akku. Ich beschliesse, etwas Dorfluft zu schnuppern und ins Tal zu wandern.

Es ist brütend heiss, und ich bereue den Schritt schon nach dem ersten Kilometer. Der Verkehr nimmt zu, trotz Vorsaison ist der Touristenort ziemlich bevölkert. Dazu überall Baustellen. Und dann dieser Lärm! Schnell schnappe ich mir die neueste Zeitung und setze mich in ein Café. So bin ich immerhin auf dem Laufenden und kann die Wetterprognosen studieren (und habe neues Anzündmaterial fürs Einfeuern).

Tag 6 Endlich gut geschlafen und sanft vom Glockengebimmel geweckt geworden. Keine Wolke am Himmel. Höhepunkt heute ist der erste Auslauf des jüngsten Kälbleins. Zehn Tage ist es alt und macht Freudensprünge, als es zum ersten Mal auf die Weide darf. Davon hätte ich gerne das Filmchen auf Youtube gestellt, das ich gemacht habe. Was ich schon wieder bereue, denn der Akku ist im tiefroten Bereich.

Trotz fast 30 Grad ist es in der Hütte eisigkalt. Das Einfeuern endet im Fiasko. Offensichtlich befinden wir uns in einer Tiefdrucklage. Die Hütte füllt sich zusehends mit Rauch, sodass wir damit rechnen müssen, dass der Feueralarm wieder losgeht. Nach dem dritten Mal gebe ich auf. Es gibt heute nur kalten Cervelat und Brot. Und zu allem Elend ist das Handy nun definitiv stumm.

Tag 7 Ich werde am Morgen von Baggerlärm geweckt! Im nahe gelegenen Bach werden Gesteinsmassen verschoben, damit bei einem allfälligen Unwetter das Wasser nicht über die Ufer tritt.

Ich flüchte hinauf auf die nächste Alp – mit der Wanderkarte statt dem GPS. Leider stehen wir beim Bergrestaurant vor verschlossenen Türen. Das wäre mir mit Google nicht passiert. Trotzdem fühlt es sich unerwartet gut an, absolut unerreichbar und frei von allen digitalen und elektronischen Möglichkeiten zu sein.

Wenigstens bis am Abend. Aber dann kommt es doch noch, das Gewitter – als wolle es testen, ob die neue Verbauung hält. Sie hat gehalten. Mulmig war mir trotzdem, denn Gewitter in den Bergen mag ich nicht. Auch wenn mir der Kollege mit auf den Weg gegeben hatte, dass ein solches doch der Nervenkitzel eines Alpaufenthalts sei.

Tag 8 Das letzte Mal Einfeuern wird schon fast zum zeremoniellen Akt – verbunden mit viel Wehmut. Wir packen unsere Sachen ein, schiessen die letzten Bilder, putzen und atmen nochmals die gute Alpenluft ein.

Noch bevor ich zu Hause den Computer einschalte, steige ich zuerst in die Dusche. Die 500 Mails können ruhig noch etwas warten.

Das Resümee einer Woche offline: Ja, es gibt auch ein Leben ohne Internet, ohne E-Mails, ohne TV, ohne Radio – und fast ohne Handy. Zumindest für eine Woche. Aber definitiv nicht ohne Dusche.