Weindegustation

Gute Tropfen: So schmecken die Bordeaux-Weine 2016

Master of Wine und «Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Paul Liversedge analysiert das Bordeaux-Jahr. Sein Urteil: Ein weiterer Top-Jahrgang. Das könnte an der globalen Erwärmung liegen.

Seit Anfang dieses Jahrhunderts hat Bordeaux eine bemerkenswerte Anzahl herausragender Jahrgänge hervorgebracht (2000, 2005, 2009, 2010 sowie 2015), von denen jeder einzelne von verschiedenen Bordeaux-Produzenten und der Presse als der beste Jahrgang des Jahrhunderts bezeichnet wurde.

Hat das Jahr 2016 tatsächlich wieder so «fantastische» Weine hervorgebracht, die man auf jeden Fall en primeur kaufen sollte? Und wie kommt es, dass wir in den letzten 16 Jahren scheinbar so viel Topjahrgänge hatten, wenn es zwischen 1945 und 1999 nur 6 oder 7 wahrhaft fantastische gab (1945, 1959, 1961, 1982, 1989, 1990 sowie 1996)?

Nachdem ich Anfang April mehr als 200 verschiedene 2016er-Bordeauxweine direkt aus dem Fass probiert habe, die meisten zwei- oder dreimal, ist dies meine persönliche Einschätzung des Jahres 2016. 

Die Region Bordeaux

Die Region Bordeaux

Das Wetter 2016 und sein Einfluss auf die Traubenqualität

Journalisten und Profis in der Weinbranche lieben es, lang und breit über das Wetter eines jeden Jahrgangs zu sprechen. Ich verstehe, dass dies etwas langweilig werden kann. Aber es sind genau diese wechselnden Wetterbedingungen, die Weine von einem Jahrgang zum nächsten so unterschiedlich reifen lassen und sie schliesslich für Weintrinker und Sammler so spannend machen.

Das Wetter 2016 hat sich als beinahe perfekt für die Qualität von Rotweinen aus Bordeaux und für die letztlich produzierten Mengen, die deutlich höher als in jedem anderen Jahrgang seit 2006 ausfielen, erwiesen.

Die erste Hälfte des Jahres bis Mitte Juni war extrem nass, bis auf ein paar Tage Anfang Juni, als der Regen praktischerweise aufhörte, sodass ein gesundes Blütenwachstum möglich war. Juli und August waren sehr warm, trocken und sonnig und boten den Trauben die perfekten Reifebedingungen.

Paul Liversedge - Master of Wine

Paul Liversedge - Master of Wine

Leichter Regen Anfang September kam für die Reben der Region genau im richtigen Moment, als sie gerade anfingen, Durst zu verspüren. Das gab ihnen die Nahrung, die sie brauchten, um Stück für Stück während den sonnigen und milden ersten Herbsttagen zwischen Mitte September und Ende Oktober perfekt zu reifen. Bis an den sonnigen und milden ersten Herbsttagen zwischen Mitte September und Ende Oktober die Lese stattfand. Je weiter in den Oktober hinein die Trauben an der Rebe reifen können, desto kühler sind die Nächte und desto frischer, eleganter und reiner ist der Geschmack, den die daraus entstehenden Weine entwickeln.

Diese Frische in Kombination mit reichen und doch perfekt reifen Früchten und Tanninen sind die Kennzeichen der roten Bordeauxweine von 2016. Laut Louis Mitjaville von Tertre Rotebœuf «haben wir seit 2000 jetzt einen neuen Jahrgangsstil, bei dem die Trauben während des warmen Sommers (Juli und August) reifen und dann im späten, sonnigen Herbst geerntet werden.» Es sind genau diese Bedingungen, die für die hohe Qualität der 2016er-Lese verantwortlich zeichnen. Es scheint so, als habe – bis jetzt in diesem Jahrhundert – die globale Erwärmung einen positiven Effekt auf die Qualität von Weinen aus Bordeaux.

Qualitätseinschätzung nach Weinregion

2016 ist ohne Zweifel ein sehr gutes und häufig «fantastisches» Jahr für Rotweine aus Bordeaux. Am besten ist offensichtlich die Leistung im nördlichen Médoc – St-Estèphe, Pauillac und St-Julien –, wo die tonhaltigen Untergründe genug Wasser vom Beginn der Saison speichern konnten, um die Reben in den heissen, trockenen Sommermonaten ausreichend zu versorgen. Die Weine hier sind frisch und haben einen moderaten Alkoholgehalt von 13 bis 13,5 Prozent – etwa ein 1 Prozent weniger Alkohol als im Jahr 2015. Die Tannine sind sehr fest – was ein langes Leben verspricht –, aber durch reife, saftige und kräftige Fruchtnoten perfekt ausgeglichen. Châteaux aller Preisklassen und Qualitätsstufen haben herausragende Weine hervorgebracht. 2016 ist ein Jahrgang, der sich sehr gut dazu eignet, die Zweitweine der bekannten Châteaux zu kaufen – die im Vergleich zu den «Grand Vins» im Allgemeinen einen guten Wert bieten – sowie Crus Bourgeois und Petits Châteaux aus dem nördlichen Médoc.

Die Appellation Margaux hat ebenfalls einige herausragende Rotweine mit Finesse, Reinheit und Eleganz hervorgebracht, wobei die Qualität in dieser grossen Appellation im Grossen und Ganzen mehr variierte und selten an die Höhen des Jahres 2015 heranreichte. Château Palmer übertraf für mich Château Margaux in diesem Jahr als Star der Appellation ganz knapp. Sehr gute Weine produzierten auch Châteaux Malescot St-Exupéry, Rauzan Segla und Brane Cantenac.

Am rechten Ufer, wo Merlot die Mischung dominiert, stammten die besten Weine von den Gütern mit einem hohen Tonanteil im Boden und insbesondere von jenen mit einem hohen Anteil der später reifenden Cabernet-Franc-Reben in ebendiesen Böden.

Château Canon war dafür ein perfektes Beispiel. Sein hoher Anteil (30 Prozent) an Cabernet Franc verlieh ihm eine wunderbare Eleganz und Frische. 2016 war laut der Mehrheit der Weinbauern ohne Zweifel ein Jahr für Lehmböden. Jene Produzenten, die sorgsam darauf bedacht waren, nur die perfekt reifen Trauben zu ernten, und die diese Trauben sehr sanft mit einer minimalen Extraktion der Tannine aus den Häuten vinifizierten, brachten aussergewöhnliche Weine hervor. Vieux Château Certan und La Conseillante sind dafür die besten Beispiele. Das wird sich aber auch an ihren Preisen zeigen. Insgesamt war die Qualität wechselhafter als im Médoc. Der Alkoholgehalt lag um etwa 1 Prozent höher als am linken Ufer und die Tanninlevel schienen in einigen Fällen stark überhöht.

Dies war ein sehr guter Jahrgang für Weissweine mit ansprechenden tropischen Noten und einem vollen, wächsernen Mundgefühl. Doch die Säuren sind im Allgemeinen etwas niedrig und einigen der Weine fehlt es an Frische und Spritzigkeit. Ähnlich sieht es in Sauternes aus, wo die lieblichen Weine leckere exotische Fruchtnoten aufweisen, es ihnen aber an Säuren fehlt, die für ein langfristiges Reifepotenzial vonnöten sind – es sind Weine, die in ihren jungen Jahren sehr viel Freude bereiten werden. Es sei ein «guter Sauternes-Jahrgang, aber kein fantastischer», meint Sandrine Garbay, Maître de Chai im Château d’Yquem.

Der Jahrgang 2016 im Vergleich zu vergangenen Jahrgängen

Es ist immer ein spannendes Gedankenspiel, den neuesten Bordeaux-Jahrgang mit den Jahrgängen der Vergangenheit zu vergleichen – und immer ein schwieriges! Für mich gibt es unübersehbare Gemeinsamkeiten zwischen 2016 und 2010, zwei Jahrgänge, die die unterschiedliche Terroirs des Bordeaux deutlich zum Ausdruck brachten.

Bei 2016er-Weinen kann man die «Eisenfaust» des Château Latour sehr deutlich schmecken, genauso die Zigarrenkiste und die Zedernkomplexität von Lafite und die üppige, samtige Reichhaltigkeit von Mouton Rothschild. Die parfümierte, nach Veilchen duftende Eleganz, die für feine Margaux-Weine so typisch ist, stellt einen scharfen Gegensatz zu der zurückhaltenden tanninbetonten Stärke und den reifen, dunklen Früchten der meisten Pauillacs sowie der Finesse und Präzision der besten Weine von St-Estèphe dar.

Doch die Tannine sind 2016 generell weniger penetrant als 2010. Sie sind möglicherweise eher denen von 2005 ähnlich. Das bedeutet: diesen Jahrgang kann man schon in etwas jüngeren Jahren angehen, und trotzdem hat er ein grosses Reifepotenzial. Insgesamt gefällt mir 2016 besser als 2015. Der Jahrgang hat mehr Frische, weniger alkoholische Stärke, mehr Finesse, und er verleiht den individuellen Persönlichkeiten der Châteaux deutlicher Ausdruck. Ganz sicher ist dies ein Jahrgang, der den Vergleich mit dem Besten aus Bordeaux verdient.

Zwei beachtenswerte aktuelle Trends in Bordeaux

1. Eine schrittweise Abkehr von der Kreation von Weinen, die Robert Parker gefallen würden

Robert Parker war das einzige Mitglied der weltweiten Weinpresse, dessen Bewertungen wichtig genug waren, um den Verkaufspreis eines Bordeauxweins und seine potenzielle Verkaufbarkeit zu beeinflussen. Jetzt hat er sich von der Bewertung der Bordeauxweine zurückgezogen, und der britische Weinjournalist Neal Martin, der einen subtileren, klassischeren Geschmack hat, ist für die Bewertung der regionalen Weine zuständig.

Dies scheint in den letzten Jahren zu einer schrittweisen Stilverschiebung geführt zu haben. 2010 produzierten die Weingüter extrahiertere, konzentriertere Weine, um Robert Parker zu gefallen. Nun bewegen sie sich in Richtung von Weinen mit mehr Frische und weniger Extraktion, weniger offensichtlicher Eiche und mehr Harmonie. Der Fokus liegt nun auf dem Ausdruck des individuellen Terroirs. Zu viel Frucht und Eiche überdecken das Terroir.

2. Die stetige Hinwendung zu Bioweinen und Biodynamik

Château Pontet Canet wird seit 2005 zu 100 Prozent biodynamisch geführt und ist seit 2010 als biodynamisch zertifiziert. Dies war das erste der grossen Châteaux im Bordeaux, welches auf biodynamische Weinkultur umstellte, und man hatte enormen Erfolg damit – der durchschnittliche Einführungspreis der Weine hat sich in der Zwischenzeit etwa verdoppelt. Mehr und mehr der grossen Château-Namen folgen nun auf demselben Pfad. Auch Palmer ist jetzt zu 100 Prozent biodynamisch. Scheinbar gibt es einen (nicht offiziellen) Trend dahin, dass bis 2023 alle Châteaux in Margaux AC diesem Weg folgen. Ein erheblicher Prozentsatz von Pichon Lalandes Weingütern ist jetzt biodynamisch und 100 Prozent von Latour sind biologisch. Der Umstieg auf den biodynamischen Weinbau hat jedoch seinen Preis. Château Palmer hat beispielsweise im nassen Juni einen grossen Teil seiner Ernte an den Mehltau verloren – das Ergebnis ist eine sehr geringe Ertrag von nur 29 Hektoliter pro Hektar seines «Grand Vin».

Schlussfolgerung: Sollten Sie diesen Jahrgang en primeur kaufen?

Allein basierend auf der Qualität des Weines würde ich absolut empfehlen, mehrere 2016er anzuschaffen. Dieser Jahrgang hat zahlreiche vorzügliche Weine voller Persönlichkeit in allen Preisklassen hervorgebracht, die vom Stil her einzigartig sind und die sich von allen anderen Bordeaux-Jahrgängen unterscheiden. Die besten verfügen über ein herausragendes Reifepotenzial, können jedoch aufgrund der wunderbar gebundenen Tannine schon in recht jungen Jahren genossen werden.

Allerdings werden die Preise für die «Crus Classés» des Médoc und die grossen Namen vom rechten Ufer 2016 wahrscheinlich mindestens 10 bis 15 Prozent über den bereits recht hohen 2015er-Preisen liegen, unter Umständen sogar noch viel höher. Es gibt verdächtige Ähnlichkeiten zu dem, was mit den En-Primeur-Preisen von 2009 und 2010 passiert ist. Beachten Sie, dass die Weinhändler und privaten Weinkeller weltweit noch voll von den Châteaux der grossen Namen aus 2010 sind und dass viele dieser Weine noch immer weniger wert sind als die extrem gierigen Einführungspreise, die Käufer «en primeur» zahlen mussten.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es noch immer ratsam ist, den Einführungspreis eines jeden einzelnen Weins genau anzuschauen und aus den folgenden Gründen en primeur zu kaufen:

  • Wenn der Wein en primeur wahrscheinlich schnell ausverkauft sein wird und Sie sicher sein wollen, dass Sie ein paar Flaschen zum Einführungspreis bekommen. Am schnellsten ausverkauft sind wahrscheinlich dieses Jahr folgende Weine:
    Die ersten Klassifikationen des linken Ufers, insbesondere Mouton Rothschild, Montrose, Calon Segur, Pichon Lalande, Canon und Figeac, die kleineren Pomerol-Spitzengüter wie etwa Vieux Château Certan sowie eine Handvoll globaler «Super-Marken», die jedes Jahr sehr schnell ausverkauft sind, etwa Lynch Bages, Talbot, Beychevelle, Pavie und Angelus.
  • Weil Sie bestimmten Châteaux jedes Jahr folgen und sicher sein möchten, einen Bestand dieses Jahrgangs zum Einführungspreis zu erhalten.
  • Wenn Sie gern Bordeaux der besten Jahrgänge kaufen, aber auch nach guter Wertigkeit suchen. 2016 bieten viele der Petits Châteaux und Zweitweine aus dem Medoc eine wirklich gute Qualität und ein köstliches zukünftiges Trinkvergnügen zu sehr vernünftigen Preisen. Bitten Sie den Weinhändler Ihres Vertrauens hier um weiteren Rat!
  • Weil Sie Magnums/halbe Flaschen/ verschiedene Grössen der Weine Ihres Lieblingschâteaux besitzen möchten.

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