Guggisberg

Grosse Tourismus-Pläne: «S' Vreneli ab em Guggisberg» soll das Dorf retten

«S' Vreneli ab em Guggisbärg» ist eines der berühmtesten Schweizer Volkslieder. Jetzt soll dem Ursprungsort, dank dem Lied, wieder Leben eingehaucht werden. Doch nicht alle sind darüber begeistert. Ein Besuch.

Wenn das Vreneli damals schon gewusst hätte, dass es einmal so berühmt wird. Über die Landesgrenzen hinaus. Dass der Stephan Eicher einen Hit aus dem bekannten Guggisberglied machen und Konzerthallen damit füllen würde. Dass es zur Ikone seines Heimatdorfes wird. Mehr noch: zu dessen Heilsversprecherin. Wenn also das Vreneli gewusst hätte, dass sein Leiden nicht umsonst gewesen war – was hätte es wohl gedacht? Vielleicht hätte das seinen Kummer ja etwas gelindert, sein Sterben sogar verhindert.

Stephan Eicher: «Guggisberglied»

Stephan Eicher: «Guggisberglied»

Aufgenommen in Zürich am "Live at Sunset" (14.Juli 2011)

Das «Vreneli ab em Guggischbärg» hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Allen voran in seinem Heimatdorf selbst. Das liegt oberhalb vom bernischen Schwarzenburg. Wo fast jeder der 1550 Einwohner aus dem Stehgreif «S isch äbe e Mönsch uf Ärde» anstimmen kann – auch dank der fünf Gesangsvereine im Dorf. Und jedes Kind weiss, wo das Bauernmädchen aufgewachsen ist: Hinter dem heutigen Jugendheim, am Ende eines kleinen Strässchens. Noch heute steht dort ein prächtiger Hof mit Geranienkästen vor den Fenstern – wenn auch ein anderer als zu Vrenelis Zeiten. Jener brannte vor fast 200 Jahren ab.

Hier also soll es geboren worden sein. Wahrscheinlich Mitte des 17. Jahrhunderts. Und hier starb es auch. Sein Unglück begann mit dem Tod des Vaters. Von da an kümmerte der Gemeindeammann sich um die Mutter. Dieser hatte grosse Pläne: Er wollte seinen Sohn mit dem Vreneli verheiraten und so die beiden Höfe vereinen. Das Mädchen liebte aber schon einen anderen: den «Simes Hans-Joggeli» von «änet em Bärg». Der Sohn des Ammanns akzeptierte das nicht und zettelte eine Schlägerei an. Der Streithahn fiel zu Boden – und blieb bewusstlos liegen. Hans-Joggeli aber glaubte, er habe ihn getötet und floh als Söldner ins Ausland. Vreneli erfuhr nie, was mit ihrem Liebsten passiert war – und starb vor Kummer.

Hier soll Vreneli gelebt haben.

Hier soll Vreneli gelebt haben.

«Ob sich die Geschichte so zugetragen hat, kann man nicht mit Sicherheit sagen», sagt Vreni Hauser im Erdgeschoss des alten Stöcklis gleich neben dem Gemeindehaus. Dort haben sie und andere Freiwillige vor bald zehn Jahren ein Museum eingerichtet. Ein Vreneli-Museum. Jedes Jahr kommen 2000 Ausflügler ins Dorf. Sie steigen die steile Treppe hinauf. Schauen sich mit eingezogenen Köpfen in den niedrigen Räumen die erste Guggisbergtracht, ein Bett – in das heute kaum jemand mehr reinpassen würde – und Haushaltsgegenstände von anno dazumal an.

Vreneligeschichte: über Generationen hinweg überliefert

Ihnen verschweigt die Rentnerin mit den kurzen weissen Haaren nicht, dass von der Vreneli-Geschichte nichts niedergeschrieben ist. Vreni Hauser ist Guggisbergerin und als solche sagt man gleich, wie es ist. In diesem Fall ist es so: «Vom Vreneli wissen wir das, was hier von Generation zu Generation weitergegeben wurde.» Anders sieht’s bei Hans-Joggeli von «ännet em Bärg» aus. Ihrem Liebsten. Von ihm ist in einem kirchlichen Register das Todesdatum erfasst: 1736. Über das Ableben von Vreneli ist nichts bekannt, wie Hauser sagt. «Frauen wurden damals höchstens als Gattin oder Mutter eines Mannes erwähnt. Die zählten halt nichts.»

Anders in Guggisberg. Zumindest, was das Vreneli angeht. Für sie ist diese so etwas wie eine Schutzpatronin. Davon zeugen neben dem Museum auch ein Brunnen, ein Kirchenfenster, eine Tracht, ein Chor und Hunderte von Mädchen, denen sie ihren Namen gab. Noch heute leben 30 Verenas im Dorf. Richtig bekannt wurde sie aber durch das Guggisberglied. Im Gegensatz zur traditionellen Volksmusik ist es nicht in fröhlichem Dur komponiert. Sondern in melancholischem Moll. Das ist einzigartig in der Schweiz und hat ihm wohl zum Durchbruch verholfen – schweizweit.

Mettiwetti mit "S' Vreneli ab em Guggisbärg"

Mettiwetti mit "S' Vreneli ab em Guggisbärg"

Mettiwetti, das sind Sara, Lukas und Simon Mettler. Die drei Geschwister, alle um die 30, treten im Raum Zürich mit eigenen Mundart-Liedern auf. Mit Trompete, Gitarre und ihren Stimmen machen sie leise, feine Musik. Pate: Toni Vescoli

Vom Erfolg des Liedes strahlte bis jetzt kaum etwas auf den Ort an der freiburgischen Grenze ab. Noch fährt das Postauto – Poschi – tagsüber oft halbleer von Schwarzenburg ins Dorf. Die Touristenschwemme blieb aus. Trotz Vreneli-Museum. «Das wollen wir jetzt ändern: Wir arbeiten grade an einem grossen Projekt», sagt der Gemeindepräsident Hanspeter Schneiter. Ab 2019 soll das Dorf der Vrenelis als «Vreneli-Dorf» vermarktet werden. Museum, Ausstellungen im Dorf und Wanderungen in der Umgebung inklusive.

Das lassen sich Gemeinde, Kanton und Regionalkonferenz Bern-Mittelland einiges kosten. Rund 700'000 Franken sind veranschlagt. Guggisberg muss diese zur Hälfte selbst stemmen. «Für uns ist das ein grosser Lupf», sagt Schneiter und erläutert, wie es um seine Gemeinde steht: Als Randregion und mit einer riesigen Fläche von 55 Quadratkilometern hat Guggisberg zu kämpfen. Längst ist es auf den kantonalen Lastenausgleich angewiesen. 2,3 Millionen erhält die Gemeinde aus dem Topf. «Wir hoffen jetzt, dass wir mit dem Vreneli-Dorf mehr Einnahmen und auch Arbeitsplätze schaffen können», sagt er.

Kritiker mit Geduld und Überzeugungskraft umstimmen

Fehlende Arbeitsplätze sind das eine. Der unbelebte Dorfkern das andere, wie Alfred Hauser, Vreni Hausers Mann, sagt. Die beiden machen sich Sorgen. «Wir wollen kein zweites Ballenberg werden», sagt er, der auch Vereinspräsident des Vreneli-Museums ist. Auf dem Dorfplatz zeigt er auf ein unscheinbares Gebäude. Das ehemalige «Vreneli-Tearoom». Bis noch vor wenigen Jahren schlürften darin die einheimischen Handwerker ihren Znüni-Kaffee. «Neben dem Hotel Sternen war das der Begegnungsort im Dorf», sagt er. Heute ist vom Café nur noch die leere Terrasse übrig, das Haus wurde längst zum Jugendheim ungenutzt. Ähnlich sieht es vielerorts in Guggisberg aus. Früher gab es sechs Läden. Davon blieb gerade mal eine Bäckerei. «Viele arbeiten heutzutage in den Nachbargemeinden oder Bern und kaufen auch da ein», weiss Alfred Hauser.

Verena Hauser und Alfred Hauser, Vreneli-Museum.

Verena Hauser und Alfred Hauser, Vreneli-Museum.

Auch die Schulhäuser verschwinden. Die Zeiten, in denen die Guggisbergkinder acht Gebäude füllten, sind vorbei. Heute gibt’s noch deren zwei. Bei der grossen Fläche und den zahlreichen Streusiedlungen hat das Folgen. «Wir haben viele Kinder, die einen unzumutbaren Schulweg haben», sagt eine, die es weiss: die Schulsekretärin Karin Lötscher. Einige wohnten zehn Kilometer und mehr vom nächsten Schulhaus entfernt. «Nicht vergessen darf man die vielen Höhenmeter, die sie überwinden müssen», betont sie. Oder müssten: Mittlerweile kursieren Busse. Kurz ist der Schulweg noch immer nicht: Eine ganze Stunde dauert es, bis der Chauffeur alle Kinder eingesammelt hat.

Blick ins Fribourger-Land.

Blick ins Fribourger-Land.

Das «Vreneli-Dorf» hat nicht nur Fans. «Es gibt auch solche, die unsere Pläne kritisieren», räumt Gemeindepräsident Schneiter ein. Tatsächlich. Bei einer kleinen Umfrage im Dorf outet sich an der Poschi-Haltestelle ein Einheimischer. «Finanziell bringt uns das wenig. Verglichen mit den Kosten, die es verursacht», sagt er und macht gleich klar, dass der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Auch der Bauer, der heute auf dem Vreneli-Hof lebt, zeigt sich nicht erfreut darüber, dass künftig Touristen auf seinen Vorplatz pilgern sollen. Vreni Hauser kennt die Kritik: «Das war bereits beim Vreneli-Museum so.» Heute fänden es die meisten eine gute Sache. «Der Guggisberger ist nicht jemand, der sofort aufspringt, wenn jemand eine Idee hat», sagt sie.

Diese Haltung sei historisch gewachsen. Jahrhundertelang teilten die Kantone Freiburg und Bern die Herrschaft über die abgelegene Gemeinde. Nie wussten die Guggisberger, zu wem sie gehörten. Deshalb orientierten sie sich vor allem an sich selbst. Dreinreden lässt sich der Guggisberger laut Vreni Hauser nur ungern. «Mit etwas Geduld und Reden geht’s dann aber schon.»

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