Geschichte

Geschichtsprofessor untersucht eigene Familiengeschichte – und findet neue Hinweise zu Nazis in der Schweiz

Aufmarsch der Schweizer Nazis in Davos bei der Beerdigung des ermordeten Wilhelm Gustloff.

Aufmarsch der Schweizer Nazis in Davos bei der Beerdigung des ermordeten Wilhelm Gustloff.

Familiendokumente verleiten einen pensionierten Geschichtsprofessor zu einer ungewöhnlichen Spurensuche. Er stösst auf Hinweise, wie die Nationalsozialisten in der Schweiz schon ab 1933 schwarze Listen führten.

Mitte der 1980er-Jahre stand Guy Marchal dort, wo der Schweizer Historiker ungern steht: im Rampenlicht des Zeitgeschehens. Es tobte im Land ein kleiner Historikerstreit um das richtige Geschichtsbild zur alten Eidgenossenschaft. Bürgerliche Bewahrer der Heldenepen über Tell und Winkelried standen auf der einen Seite, aufmüpfig-linke Mythenzertrümmerer auf der anderen.

Der Mittelalterhistoriker Marchal hatte vom Kanton Luzern den Auftrag angenommen, im Hinblick auf die 600-Jahr-Feier der Schlacht von Sempach (1386) eine neue Darstellung zu schreiben. Die linke Studentenschaft, die zu wissen glaubte, was nun komme, feindete Marchal an, den bourgeoisen Auftrag angenommen zu haben.

Als zum Jubiläum die Schrift dann vorlag, brandete der Protest jedoch von bürgerlicher Seite: Marchal beschrieb den Schlachthelden Winkelried als eine mythologische Figur ohne reale Entsprechung. Und der Schlachtausgang sei relativ unbedeutend für den weiteren Verlauf der Schweizer Geschichte gewesen. Ohne Absicht und zu seinem eigenen Schrecken wurde Marchal damit zum wohl erfolgreichsten Mythenzertrümmerer der Schweiz.

Das Vermächtnis der zwei gelben Couverts

Im Trubel dieser Zeit fanden die zwei gelben Umschläge keine Beachtung, die ihm sein damals betagter Vater als eine Art Familienvermächtnis übergab. Erst vor drei Jahren, mittlerweile selbst gegen achtzig Jahre alt und längst emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Luzern, nahm sich Marchal beim Ordnen seiner Schriften die Couverts vor. Sie verleiteten ihn zu einer familiären und höchst politischen Spurensuche, die nun in Buchform vorliegt: «Gustloff im Papierkorb. Ein Forschungskrimi».

Der gebürtige Deutsche Wilhelm Gustloff war jener Nationalsozialist, der als NSDAP-Landesgruppenleiter in Davos wirkte, um in der Schweiz eine Nazi-Organisation aufzubauen. Sie hätte die Führung im Land übernehmen sollen, wäre es nach einem deutschen Einmarsch zum Anschluss an Grossdeutschland gekommen.

Hätte und wäre. Gustloff wurde 1936 vom jüdischen Studenten David Frankfurter in Davos erschossen, was europaweit für Aufsehen sorgte. Das Hitler-Regime benannte daraufhin ein Schiff nach ihrem «Märtyrer» Gustloff, das 1945 von den russischen Truppen versenkt wurde, wobei 9000 Personen ihr Leben verloren.

Gustloff stand unter kritischer Beobachtung der Schweizer Behörden. Seit 1935 drohte ihm die Ausschaffung nach Deutschland, weil er seine Schweizer Getreuen auf Hitler schwören liess. Nach bisheriger Geschichtsschreibung hatte Gustloff um den diplomatischen Status eines Konsuls ersucht, um seine Abschiebung zu verhindern.

Was Marchal auf seiner Spurensuche herausgefunden hat, ist eine Präzisierung: Gustloff bemühte sich bereits 1933 um den Konsul-Posten, lange bevor die Schweizer Behörden seine Ausschaffung vorantrieben. Er wollte damit vielmehr die publizistischen Angriffe abwehren, denen er sich ausgesetzt sah. Und Marchals zweite Erkenntnis: Gustloffs Organisation erstellte schon 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, und nicht erst Jahre später, schwarze Listen mit Schweizer Bürgern, die bei einem Einmarsch verhaftet worden wären.

Marchal, der Mittelalterhistoriker, der sich in die Neuzeit verirrt hat, sagt selbst, die historischen Erkenntnisse wären es nicht wert gewesen, darüber ein Buch zu schreiben. Doch er macht etwas anderes daraus: Er nimmt den Leser mit, wie er sich – ausgehend von den wenigen Schriften, die er in den Couverts seines Vaters gefunden hat – der Vergangenheit nähert. Er schildert anschaulich, wie ein Geschichtsforscher arbeitet, wie dadurch Geschichte gemacht wird, dass Geschichte nicht einfach ist.

Wilhelm Gustloff als Landesgruppenleiter in der Partieuniform der NSDAP.

Wilhelm Gustloff als Landesgruppenleiter in der Partieuniform der NSDAP.

Nicht Gustloff, sondern sein Zudiener Max Saurenhaus ist die zentrale Figur der historischen Recherche. Der gebür­tige Deutsche Saurenhaus hatte in die belgischstämmige Familie Marchal eingeheiratet, die in Basel ein Handelsgeschäft mit Seidenwaren betrieb.

Er trat als umtriebiger Unternehmer auf, der bald die Geschäftsführung des Familienunternehmens übernahm, und Paul Marchal – den Vater des Historikers – in eine Nebenrolle drängte. Saurenwald propagierte die neu entwickelte Kunstseide, betreute vor allem extensiv deutsche Kunden und Lieferanten.

Paul, der Zurückgesetzte, wurde misstrauisch, weil sich sein Schwager stets in Deutschland herumtrieb. In einer seiner Abwesenheiten durchwühlte er dessen Papierkorb. Was er fand, waren Briefschnipsel, die er zu Hause mit seiner Frau zusammensetzte.

Was er dann las, entsetzte ihn: Saurenhaus war ein überzeugter Nazi und in Basel stellvertretender Ortsgruppenleiter der NSDAP, der sich bei Gustloff als Wirtschaftsexperte anbiederte.

Historiker Marchal beschreibt das Dilemma seines Vaters, der sich nicht traute, Saurenhaus offen entgegenzustehen, in anonymen Briefen seinen Schwager bei den Bundesbehörden dann doch anschwärzte. In einem ersten Teil seines Buches schildert Marchal diese Geschichte, teils in fiktionalen Passagen, wie es wohl gewesen sei, teils in nüchterner Form der Quellenkritik. Damit, so dachte er, sei es getan, habe er dem Vater mit der dünnen Schrift seine Reverenz erwiesen. Doch der Verlag lehnte das Projekt – zum Glück – ab.

Als Marchal die Couverts mit den Dokumenten dem Staatsarchiv übergeben wollte, machte ihn ein Archivar auf weitere Archive und Register auch in Deutschland aufmerksam, falls er mehr über Saurenhaus erfahren wollte.

Der Historiker nimmt die Anregung auf und die Leser erneut mit auf die Reise. Eine neue Geschichte tat sich ihm auf: Saurenhaus hätte nach der Niederlage der Nazis aus der Schweiz ausgewiesen werden sollen, der Basler alt Regierungsrat und alt Nationalrat Rudolf Niederhauser jedoch intrigierte, um dessen Ausweisung zu verhindern. Die gefundenen Dokumente liefern für Marchal das Material, um ein Lehrstück einer korrumpierbaren Basler Verwaltung und Regierung zu schreiben – oder was Entnazifizierung in der Schweiz bedeutete.

Der Geschichte, sagt der Historiker, ist zu misstrauen

Schicht um Schicht legt Marchal um den ursprünglichen Kern, die zwei Couverts, die er von seinem Vater erhalten hatte. Was hatte es etwa auf sich mit den Koffern, die Saurenhaus in grosser Regelmässigkeit in die Schweiz brachte? Wenn ein Historiker in Dokumenten nichts Handfestes findet, sucht er nach plausiblen Erklärungen.

Die Tatsache, dass Saurenhaus in Deutschland mit einem Agenten der SS in Kontakt stand, der wiederum in Finanztransaktionen verwickelt war, lässt die Vermutung gedeihen, Saurenhaus habe sich als Geldkurier betätigt und SS-Vermögen ins schweizerische Ausland transferiert. Dies würde erklären, weshalb er beim deutschen Nazi-Regime nicht in Ungnade gefallen war, obwohl er seine Kinder in der Schweiz einbürgerte und am Ende des Krieges als reicher Mann dastand.

Marchal sagt nicht, sein Onkel sei Geldkurier gewesen. Er beschreibt vielmehr, wie Historiker arbeiten. Wie sie aus Dokumenten nach bestem und doch nur beschränktem Wissen Geschichte konstruieren. Wie es auch Zufälligkeiten sind, welche Geschichten daraus entstehen.

Wie sich daraus wiederum Geschichtsbilder formen, hat er als Mittelalterhistoriker ausgiebig erforscht und ein Standardwerk darüber geschrieben: die «Gebrauchsgeschichte der Schweiz». Gebrauchsgeschichte, so definierte Marchal, sei «jene Geschichte, die immer wieder zum Einsatz kommt, um eigene Positionen historisch zu legitimieren».

Was es heisst, wenn Gewissheiten plötzlich ins Schwanken geraten, hatte er mit seiner Publikation zur Schlacht von Sempach am eigenen Leib erfahren. Der Geschichte, so sagt der emeritierte Geschichtsforscher bei einem Kaffee, sei zu misstrauen. Gerade in Zeiten von Fake News:

Historische Gegebenheiten müssten immer wieder neu beurteilt werden. Teils, weil tatsächlich neue Fakten aus den Archiven zum Vorschein kommen, teils, weil neue Zeiten neue Wertungen bekannter Fakten mit sich bringen.

Dies ist die Lehre, die Marchal seinen Lesern in seinem neuen Buch mitgibt. Ins Rampenlicht drängt es ihn ­damit und auch künftig nicht. Er sagt: «‹Gustloff im Papierkorb› wird wohl mein letztes Buch gewesen sein.»

Autor

Christian Mensch

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