Frauen und Karriere

«Frau-Sein ist ein Privileg, das Männer schätzen können»

Dr. Sonja A. Buholzer ist Inhaberin der Wirtschafts- und Unternehmensberatungsfirma Vestalia Vision.Jiri Reiner

Dr. Sonja A. Buholzer ist Inhaberin der Wirtschafts- und Unternehmensberatungsfirma Vestalia Vision.Jiri Reiner

Sonja A. Buholzer will mit ihrem Buch «Women Power» Frauen den Weg ins Kader ebnen. Frauen, die Karriere machen wollen, müssen ihre Weiblichkeit weder verstecken noch verraten, findet sie.

Frau Buholzer, in Ihrem Buch «Women Power» zementieren Sie die Rollenbilder von Frauen und Männern. Haben Sie keine Angst, Frauen damit vor den Kopf zu stossen?

Sonja A. Buholzer: Ganz im Gegenteil. Im Buch steht: «Das Glück und die Zufriedenheit von Frauen sind anders als das ihrer männlichen Gegenpole». Es ist eine Einladung an Frauen, ihre Feminität im Sinne innerer, authentischer Weiblichkeit zu leben und in unsere Wirtschaftsetagen einzubringen, ohne jede Anpassung. Eine revolutionär andere Aussage, als Ihre Frage provoziert!

Sollen Frauen demnach Männer auch mit ihren weiblichen Reizen bezirzen?

Frauen dürfen ihre Weiblichkeit authentisch leben, ohne Angst vor Konsequenzen in der Karriere zu haben: Wir Frauen haben eine Geschichte, viele Stärken, welche Männer auch im Unternehmen integrieren wollen.

Was raten Sie also den Frauen, die nach oben wollen?

Feminität leben, geniessen, spielerisch experimentieren, einfach vormachen. Sie sollen sich den Männern erklären, das ist der Weg. Frau-Sein ist ein Privileg, das Männer schätzen können!

Einfacher gesagt als getan. Sie wollen Frauen zeigen, wie sie die Karriereleiter nach oben kommen, ohne dabei in männliche Rollenmuster zu fallen. Warum verlieren Frauen ihre natürliche Femininität, sobald sie im Kader sind?

Frauen haben dermassen viel Perfektionismus entwickelt. Laut einer US-Studie müssen wir 2,5-mal so viel leisten wie Männer. Da geht das eigene Selbst verloren, das Private, die Muse, der Partner. Die Frauen verlieren sich selber und werden zu reinen Karrieristinnen. Wir wollen wieder Frau sein dürfen, und genau das wollen Männer auch – wir haben Karriere auf einem Grundlagenirrtum gemacht!

Viele Frauen auf dem Weg nach oben scheinen aber auch Angst zu haben, mit ihrer femininen Art zu scheitern.

Das ist ein riesiger Trugschluss. Ich führte sehr viele Interviews mit Top-Managern und CEOs. Sie sagten mir klar, dass Frauen den Mut haben sollen, zu sagen, dass sie anders denken, werten, empfinden. «Bring genau das ins Team, aber bitte erkläre Dich, Frau, denn wir Männer können Dich nicht verstehen». Damit schaffen Frauen genau jenen Mehrwert, weswegen man sie ins Kader geholt hat.

Sorry, das ist scheinheilig. Diese CEOs und HR-Manager hätten zu ihren Kader-Frauen sagen können, dass sie ihre weibliche Sicht einbringen sollen, bevor die Frauen mit ihrer irrtümlich antrainierten Härte scheiterten ...

... sehen Sie, genau mit dieser weiblichen Reaktion scheitern Frauen! Sie haben mindestens so viele Vorurteile, wie Sie den Männern anlasten!

Liegt es also nur an der Wahrnehmung der Frauen?

Mitnichten! Gerade in der Schweiz hinken wir enorm hinterher. Frauen werden von den Unternehmen geprüft, wie ernst sie es meinen. Beherrscht werden die Unternehmen ja von männlichen Normen und Strukturen, wenn hier eine Frau hineinkommt, ist sie quasi ein Fremdkörper. Doch gerade das ist der Reiz am Anders-Sein, denn hier punkten Frauen enorm.

Welche anderen Länder sind uns voraus?

Sicher auch jene, wo man es nicht erwartet. In Spanien geht man mit Spitzenfrauen dankbar und sehr willkommen um, unsere nördlichen Nachbarn, aber besonders auch die USA sind weitere Beispiele.

Sollen sich die Frauen hierzulande also noch diesen Männernormen und -strukturen anpassen?

Nein, auf keinen Fall. Denn dafür holt man sie nicht ins Kader. Die schwierige Kunst besteht eben darin, innerhalb dieser Männerwelt die eigene Weiblichkeit einzubringen, sodass man geschätzt wird, gerade weil man diese eigene Perspektive und Denkweise einbringt.

Klingt nach einem ziemlichen Eiertanz.

(Lacht.) Oh ja, ich habe nie gesagt, dass es einfach ist. Aber Frauen dürfen auch davon ausgehen, dass sie längst genug gut und stark sind; dass sie das Ganze mit ihrer Femininität relaxter angehen können.

Ein Beispiel für eine Power Woman, die das geschafft hat?

Da gibt es viele. In der Politik sicherlich auch Bundesrätin Doris Leuthard. Eine Frau und Politikerin, die das perfekt umsetzt. Gut vernetzt, politisch authentisch, eigenwillig auch in ihrem weiblichen Ausdruck, klar. Sie lebt ihre Femininität bewusst aus. Gerade deswegen nimmt man sie als natürlich wahr.

Wie muss eine Frau diesen Eiertanz in der Businesswelt umsetzen?

Sie muss mit den Spielregeln der Männer umgehen können – und zwar spielerisch. Authentische Frauen werden sofort akzeptiert, besonders wenn sie Neues einbringen, dies aber auch erklären und sich als Frau in ihrem Anders-Sein deklarieren – hier generieren sie Mehrwert.

Klingt alles toll, aber im echten Leben möchten Frauen auch Kinder. Viele scheitern nicht mit ihrer Art, sondern an den gegebenen Strukturen.

Es geht darum, diese Normen und Strukturen aktiv mitzugestalten. Das geht besonders dann, wenn man in einer Machtposition ist. Dorthin muss Frau kommen. Dann kann sie andere Frauen nachziehen, kann im Unternehmen Strukturen einführen, die es ermöglichen, mehr Teilzeit, oder von Zuhause aus zu arbeiten, sodass man eines Tages keine Kompromisse mehr eingehen muss, wenn es um Beruf und Familie geht.

Aber sind die Kader-Männer gewillt, solche Veränderungen zuzulassen?

Oh ja! Mehr als 70 Prozent meiner Klienten sind Männer. Ich kann Ihnen sagen, wir unterschätzen Männer bei weitem in ihrer Bereitschaft, Top-Frauen ins Kader zu holen und Veränderungen voranzutreiben – und zwar nicht aus Goodwill, sondern weil sie wissen, dass sie diese weiblichen Talente brauchen, dass hier Innovationskraft und Zukunftsstärke im eigenen Interesse dazukommt.

Dann sollten Sie vielleicht ein Buch für Männer schreiben und ihnen erklären, wie man das macht.

Warten Sie ab.

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