Coronapandemie

Fertig Küsschen, Küsschen: Neue und alte Begrüssungsformen im Virencheck

© Text: Katja Fischer De Santi Illustrationen: Micha Wernli

Menschen brauchen Rituale, um sich zu verbinden, sich aufgenommen zu fühlen. Darum schütteln wir Hände, küssen Wangen und umarmen auch mal Fremde. Doch es wird höchste Zeit, uns zu überlegen, wen wir künftig wie begrüssen wollen oder auch nicht mehr.

Umarmen

© CH Media

Die Umarmung ist die Königin der Begrüssungsformen. Es gibt kaum Steigerungspotenzial. Körper an Körper kurz verharren, den anderen spüren. «Schön, bist du da, ich hab dich vermisst», man muss es gar nicht sagen, es schwingt automatisch mit. Danach haben sich viele während dieser Pandemie gesehnt.

Drei Küsschen, Handschlag, das sind Riten, mit denen wir Kollegen, ferne Verwandte, Mitarbeiter begrüssen. Freunde und Liebste hingegen umarmen wir, mal länger, mal lässiger, und wenn man dabei nicht gerade heftig ausatmet und nur Textilien berührt, kommt der liebevolle «Hug» auch Corona-konform daher. Vom Umarmen allzu vieler Personen ist aber immer abzuraten, ausser man heisst Barack Obama.

Virengefahr: 🔴🔴🔴⚪⚪

Handschlag

© CH Media

Selbst Günter Wallraff, eigentlich Enthüllungsjournalist und nicht Virologe– aber wer kann das eine noch vom anderen unterscheiden? –, sah sich bemüssigt, zu verkünden, dass er das Ende des Händeschüttelns kommen sehe und sehr begrüsse. Er dürfte nicht der Einzige sein. Kinder hassen es, man muss es ihnen äusserst mühsam antrainieren, und auch als Erwachsener mag man sich an viel zu viele schweisskalte, feuchtwarme, fast schmerzhaft heftige, unangenehm lang geschüttelte Händedrücke erinnern.

Da ist einfach zu viel Kontaktfläche, zu viel Austausch von allem Möglichen. Niemand weiss mehr, wer mit dem Pfotenschütteln angefangen hat (wie immer waren es wohl die Griechen), wann es so staatstragend wurde, dass es Gerichtsentscheide dazu gibt. Doch wir alle werden uns erinnern, wann wir damit aufhörten: Frühling 2020. Die Suche nach einem allgemeingültigen und praktikablen Ersatzritus wird uns noch länger beschäftigen.

Virengefahr: 🔴🔴🔴🔴🔴

Asiatisch

© CH Media

Der britische Thronfolger Prinz Charles hat bewiesen, dass es gar nicht so lächerlich aussieht, wenn ein alter, weisser Mann seine Hände demütig aneinanderlegt und zur Begrüssung seines Gastes eine Verbeugung andeutet. Anjali Mudra nennt man in Indien diese gebräuchlichste Grussform. Mudra bedeutet im Sanskrit «Zeichen». Anjali selbst bedeutet «Angebot».

Es gibt wohl kaum eine respektvollere, höflichere und hygienischere Form, einander zu begrüssen. Für Europäer ist die demütige Haltung allerdings gewöhnungsbedürftig. Sind wir uns doch gewohnt, per Handschlag unsere Kraft und Präsenz zu markieren. «Hier bin ich!» statt «Ich grüsse und empfange dich», aber wir sind ja, wie Prinz Charles beweist, alle lernfähig.
Virengefahr: ⚪⚪⚪⚪⚪

Winken

© CH Media

Eines vorweg: Richtig winken kann nur die Queen. Menschen ohne blaues Blut in den Adern sehen beim Winken aus wie Kindergärtler auf Schulreise. Unbeholfen und etwas hektisch. Dabei ist Winken natürlich die Social-Distance-Begrüssung avant la lettre.

Wer winkt, der sagt mit dieser Geste: Ich kann und will jetzt gerade nicht näherkommen, aber ich sehe dich, und ich grüsse dich. Erwachsene Menschen winken darum so gern von Schiffen und Zügen aus (Schulreisefeeling). Und wer hat sich nicht schon dabei ertappt, zum Abschluss eines Videotelefonats unbeholfen in die Kamera zu winken? Man kann ja nicht immer nur einfach schauen.

Virengefahr: ⚪⚪⚪⚪⚪

Küsschen

© CH Media

Schon vor Corona war es kompliziert mit der Küsschen-Begrüssung: Je nach geografischer Herkunft und emotionaler Verbundenheit wurden drei, zwei oder nur ein Wangenküsschen ausgetauscht. Je nach Charakter wurde feucht auf die Wange geschmatzt oder trocken über die Schulter gehaucht. Und erst die armen Männer! Die wenigsten Schweizer sind dafür genug südländischer Mann.

«Das Rudelküssen muss wirklich nicht mehr sein», findet der Schweizer Benimmexperte Christoph Stokar. Es stelle eine Pseudointimität dar, und in grösseren Gruppen dauere es viel zu lang und sei umständlich. Klar sagt es diesbezüglich das Bundesamt für Gesundheit. Küsschen (egal wie viele) sollte man mit Personen aus einem anderen Haushalt (ausser bei akuter Verliebtheit) weiterhin vermeiden – und zwar noch für längere Zeit.

Virengefahr:  🔴🔴🔴🔴⚪

Ellbogen

© CH Media

Man sollte den Menschen, dem als Erstem in den Sinn kam, den Elbow-Bump aus der Versenkung zu holen, zwingen, alle TV-Folgen von «Miami Vice» auf einmal anzusehen. Denn dort und nur dorthin passt diese seltsame Begrüssungsform.

Ellbogen sind zwar ungemein gelenkig, aber auch knochig, und es wirkt doch sehr unfreundlich, mit so einer Gelenksspitze voraus auf sein Gegenüber zuzusteuern. Zumal es der gleiche Ellbogen ist, in den zu niesen wir uns gerade angewöhnt haben. Also vergessen Sie den Elbow-Bump ganz schnell wieder.

Virengefahr: 🔴🔴⚪⚪⚪

Faustgruss

© CH Media

Zwei Fäuste, die sich knapp berühren, dazu den Kopf leicht neigen, «Hey Bro» nuscheln, und fertig ist der perfekte Faustgruss (Englisch: Fist Bump). Ursprünglich aus dem Sport breitete sich die geballte Faust unter Jugendlichen und Ewigjugendlichen ähnlich schnell aus wie das Coronavirus.

Lässiger als der altväterliche Handschlag, männlicher als Küsse und hygienischer als «high five», sind auch Virologen Fan des Fist Bump. Schon 2009 forderte die Bewegung «Stop Handshaking» in den USA dazu auf, das unhygienische Händeschütteln durch den Fist Bump zu ersetzen.

Das Problem: Menschen über 40 Jahre sehen bei dieser Art Begrüssung etwas verkrampft aus, ausser sie spielen Basketball oder kennen sich mit Gangsta-Rap aus. Trotzdem wird dem Faustgruss eine grosse Zukunft vorausgesagt, selbst der Dalai Lama liess sich schon dazu hinreissen. Hey Bro.

Virengefahr: 🔴⚪⚪⚪⚪

Verwandtes Thema:

Autor

Katja Fischer De Santi

Autor

mwr

Meistgesehen

Artboard 1