Herr Roelli, Sie waren über 30 Jahre Familienrichter im Kanton Luzern. Haben Sie viele Entfremdungsgeschichten erlebt?

Bruno Roelli: Leider ja. Es sind traurige Geschichten. Die Entfremdungsthematik begann in den Achtzigerjahren mit der Zunahme der Scheidungsverfahren. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass mit den 68er-Jahren und der Erosion der Glaubwürdigkeit der staatlichen Instanzen Gerichte an Autorität zu verlieren begannen. Deshalb der gefährliche Weg zur Selbstjustiz. Als Kampfmittel wurden dann immer mehr auch Missbrauchsvorwürfe eingesetzt.

Warum wendet man in der Schweiz nicht ein Modell wie das Chochemer an?

Wäre ich noch Richter, könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Pflicht-Mediationen sollten dort angeordnet werden, wo sich die Eltern nicht einigen können. Vom Gesetz her wäre das Modell durchaus möglich.

Worauf wartet man noch?

Es braucht Richter mit Herzblut und Mut zur Originalität. Und ausgebildete Leute aller beteiligten Professionen. Dann könnte ein solches Experiment durchaus gelingen.

Sie sind unkonventionelle Wege gegangen. Welche waren das?

Mich hat vor allem interessiert, wie es den Kindern geht. Bereits 1987, als Kinderanhörungen noch kein Thema und gesetzlich nicht geregelt waren, habe ich den Kontakt zu Kindern gesucht. Dazu habe ich sie zu Hause besucht, von der Schule abgeholt oder mit ihnen auf dem Spielplatz geredet. So erfährt man mehr als im Gerichtssaal.

Was haben Sie bei den Gesprächen erfahren?

Bei entfremdeten Kindern Stereotypen wie die vom bösen Papi und der lieben Mami. Im Extremfall: Ich will, dass Papi stirbt.

Sie haben in den letzten Jahren Zusammenführungen von Kindern mit Vätern organisiert. Was haben Sie erlebt?

Ein Fall ist sehr erfreulich verlaufen, da haben Vater und Tochter wieder zusammengefunden. Bei anderen Fällen sperrte sich die Mutter von Anfang an, oder ein anfänglicher Erfolg wurde durch die Eigenmächtigkeit des Vaters wieder zunichtegemacht. Interessant war zu beobachten, wie Mütter die Kinder verbal zum Besuchsrecht motivierten, mit der Körpersprache aber das Gegenteil ausgesagt haben. Die Kinder folgten Letzterem.

Warum haben Sie sich engagiert?

Weil ich der Meinung bin, dass Kinder beide Eltern brauchen. Deshalb lotete ich die mir gegebenen Möglichkeiten bis zum Rand aus.

Warum gehen Mütter im Sorgerechtsstreit so oft als Siegerinnen hervor? Warum wird nicht ein Konsens hergestellt?

Das wird zum Glück schon in vielen Fällen gemacht. Bei hochstrittigen Scheidungen kann es zu der erwähnten Entfremdung kommen. Manipulierte Kinder übernehmen die Sicht ihrer Mutter. Ein Besuchsrecht wird polizeilich jedoch nicht vollstreckt. Druck wird auf die Mutter mit Geldstrafen oder Haft ausgeübt. Doch es gibt Mütter, die gehen eher ins Gefängnis, als dass sie ihr Kind motivieren, zum Vater zu gehen.

Also sind Gerichten die Hände gebunden?

Tatsächlich ist man in letzter Konsequenz hilflos. Der Staat kommt beim Besuchsrecht an seine Grenzen. Ich habe schon Müttern gesagt, dass ich im Urteil festhalten werde, dass sie die Verantwortung für den Kontaktabbruch tragen und der Vater alles getan hat, was möglich war, er aber sein Recht nicht hat wahrnehmen können.

Aber die Väter haben das Nachsehen. Und die Kinder.

In solchen Fällen habe ich Vätern auch schon geraten, sich eine Weile zurückzuziehen und den Kontakt zum Kind in Form von Briefen oder Geschenken aufrechtzuerhalten. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder später nach ihren Vätern fragen und sie aufsuchen. Übrigens habe ich in wenigen Fällen auch Männer erlebt, die ihre Kinder der Mutter entfremdeten.

Könnte man nicht dem Entfremdenden die Obhut entziehen und dem anderen Elternteil übergeben?

Dazu bräuchte man ein entsprechendes Gutachten, was schwierig zu erhalten ist.

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